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David Meinertz: "Innerhalb von neun Monaten hatten wir mehr Bewegung im Markt als in den zehn Jahren zuvor."

(Foto: Zava/oh)

David Meinertz will den Deutschen die Telemedizin näherbringen. In der Pandemie ist der Bedarf an Online-Beratungen gestiegen.

Von Anika Blatz, München

David Meinertz, aufgewachsen in einer Arztfamilie, war Anfang 30, als bei ihm Bluthochdruck diagnostiziert wurde. Seitdem muss er auf seine Ernährung achten, genug Sport machen. Dies sei alles zu bewältigen, aber eine Belastung bis heute, sagt er - wie eben jede Krankheit. Umso wichtiger, vermeidbare Belastungen zu umgehen. Vor allem die regelmäßig notwendigen Praxisbesuche erschwerten ihm den Alltag: Termin vereinbaren, zur Praxis fahren, im Wartezimmer Zeit totschlagen - und das nicht etwa für Untersuchungen, sondern oft nur, um ein Folgerezept zu bekommen. Lästig fand Meinertz das und unzeitgemäß.

Heute ist er 46 Jahre und Chef von Zava, dem führenden Anbieter telemedizinischer Leistungen in Deutschland und Europa mit Standorten in Hamburg und London. Die Idee: Ärzte beraten und behandeln zeit- und ortsunabhängig per Internet, Telefon- und Videosprechstunde. 2010 gründete Meinertz in London seine Online-Arztpraxis, die anfangs noch "DrEd" hieß. Seither erfolgten nach eigenen Angaben knapp fünf Millionen Beratungen und Behandlungen für Patienten aus Deutschland, Großbritannien, Irland und Frankreich, mehr als 200 Mitarbeiter zählt das Unternehmen mittlerweile. Über Zava können 13 000 medizinische Leistungserbringer konsultiert werden - neben Ärzten unter anderem auch Physiotherapeuten und Psychologen. Ihm gehe es darum, eine ärztliche Versorgung aufzubauen, die patientennah und vertrauenswürdig sei, sagt Meinertz.

Telemedizin - in anderen europäischen Ländern wie England, der Schweiz oder Schweden zum Zeitpunkt der Unternehmensgründung schon längst existent, in Deutschland dagegen Exot und Ärzten mit deutscher Zulassung verboten. Erst 2018 wurde die Berufsordnung geändert, das Fernbehandlungsverbot fiel. Seither können auch die Deutschen telemedizinische Angebote nutzen. Per Telefon oder Video, aber nicht nur: Bei Zava zu jeder Tages- und Nachtzeit auch schriftlich, wenn sich die Indikation dafür eignet.

Etwa die Hälfte der Patienten leide an chronischen Erkrankungen, erzählt Meinertz, der Rest käme aus anderen Gründen, etwa wegen einer Erkältung. Nicht alles lässt sich so behandeln, die Ärzte bei Zava schicken Patienten, wenn medizinisch notwendig, zu Kollegen am Ort. Auch aus missbrauchsanfälligen Bereichen wie der Verschreibung von Schlafmitteln und Antidepressiva hält man sich raus. Dennoch lassen sich etwa die Hälfte der durchschnittlich zehn Arztbesuche pro Deutschem und Jahr mit Telemedizin vermeiden, hat Meinertz errechnet.

Besonders Menschen im Alter von 20 bis 40 Jahren und 55 bis 80 Jahren nutzen das Angebot. Um 50 Prozent ist der Bedarf an digitalen Gesundheitslösungen gestiegen. "Innerhalb von neun Monaten hatten wir mehr Bewegung im Markt als in den zehn Jahren zuvor", sagt Meinertz. Und doch nutzen erst etwa fünf bis zehn Prozent der Deutschen die Telemedizin. Auf 38 Milliarden Euro soll das deutsche Marktvolumen bis 2025 laut Schätzung des Roland-Berger-Instituts ansteigen.

Ein Markt, in den Zava kräftig investiert: Ende 2020 wurde das Digital Health Start-up Medlanes übernommen, im Januar dann die Videodienstplattform Sprechstunde.online. Beides Netzwerke mit Hunderten Ärzten in ganz Deutschland, um den Patienten ein Nebeneinander von Telemedizin und einem Vor-Ort-Service zu ermöglichen. Langfristig sollen die Leistungen von den gesetzlichen Kassen übernommen werden, momentan ist das nur teilweise der Fall.

Außerdem will der Zava-Chef die Telemedizin im Kernmarkt Deutschland noch bekannter machen. Dafür arbeite man mit verschiedenen Partnern im Gesundheitsbereich zusammen.

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