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Teamviewer:Überflieger aus der Provinz

Das Software-Unternehmen Teamviewer geht an die Börse. Die Milliarden-Emission der Schwaben gilt als Beleg dafür, dass die deutsche Tech-Branche mithalten kann.

Teamviewer? Viele Menschen kennen das Unternehmen nicht - obwohl es ihnen schon öfter aus der Patsche geholfen hat. Jeder Büromensch kennt die Situation aus dem Arbeitsalltag: Der Computer hat sich verhakt, nichts geht mehr, da hilft nur noch der Anruf bei der Technik-Hotline in der Firmenzentrale. Die nette Kollegin greift dann via Fernschalte auf den PC zu und macht ihn wieder flott. Hilfe zur Fernhilfe, viele solcher Rettungstaten macht die Software von Teamviewer möglich.

Die Firma aus Göppingen bei Stuttgart wurde 2005 gegründet, der Name war damals Programm: Los ging es mit Videokonferenzen via Internet, die es Firmen ermöglichte, auf lange und teure Geschäftsreisen zu verzichten. Teamwork am Bildschirm über alle Entfernungen und Zeitzonen hinweg. Heute ist das Programm der Software-Schmiede weltweit verbreitet. Nach Firmen-Angaben wurde es auf mehr als zwei Milliarden Geräten weltweit installiert. Für Privatpersonen ist das kostenlos, nur Unternehmen müssen Gebühren zahlen. Teamviewer nennt 360 000 zahlende Kunden in 180 Ländern vom Mittelständler auf der Alb bis zu global agierenden US-Konzernen.

Der Börsengang ist voraussichtlich der größte in Deutschland seit einem Jahr

Nun macht Teamviewer den Schritt von der schwäbischen Provinz aufs Frankfurter Parkett. Mit einem Börsengang, der voraussichtlich der größte in Deutschland seit einem Jahr sein wird. Noch gehört Teamviewer zu hundert Prozent dem Finanzinvestor Permira aus London. Nun will die Eigentümerin 84 Millionen Aktien verkaufen, bei einer Preisspanne zwischen 23,50 und 27,50 Euro. Die Gesamtemission wäre damit 1,41 bis 2,31 Milliarden Euro schwer. Wenn sie klappt, wäre das Unternehmen zwischen 4,7 bis 5,5 Milliarden Euro wert. Damit ist der Börsengang von Teamviewer auch der größte eines deutschen Technologieunternehmens seit dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 - und gilt als Hoffnungsschimmer für die Branche, die hierzulande den Ruf hat, längst den Anschluss an die Konkurrenz aus den USA und China verloren zu haben.

Na tolle Wurst, der Computer hängt: Wenn die Haus-IT einem verzweifelten Mitarbeiter hilft, den Laptop wieder flott zu kriegen, nutzt sie mitunter die Software des deutschen Unternehmens Teamviewer.

(Foto: Tim Gouw/unsplash)

Teamviewer kann den möglichen Investoren etwas anbieten, was so mancher Börsen-Überflieger aus dem Silicon Valley nicht hat: schwarze Zahlen. Der erste Auftritt auf dem Parkett ist für 25. September geplant, und trotz der unsicheren bis schlechten Stimmung an den Finanzmärkten darf sich Permira auf fetten Profit freuen: 2014 hatte der Investor das Unternehmen für 870 Millionen Euro gekauft. Jetzt kann er voraussichtlich weit mehr als das Doppelte einstreichen. Und das, obwohl er maximal nur 42 Prozent der Anteile veräußert. Aus Bankenkreisen heißt es, die Papiere seien sehr schnell überzeichnet gewesen. Manche sagen nach zwei Tagen, andere behaupten sogar, nach wenigen Stunden. Teamviewer-Chef Oliver Steil spricht nach den ersten Terminen seiner Roadshow von positivem Feedback der Investoren angesichts des einzigartigen Geschäftsprofils und der Wachstumsperspektiven.

Steil ist diplomierter Elektro-Techniker und begann seine Laufbahn als Berater bei McKinsey. Danach führte der heute 47-Jährige namhafte Telekommunikationsunternehmen wie Sunrise aus der Schweiz und Debitel aus Deutschland. Danach war er Partner beim Investor Permira, bis dieser ihn im Januar 2018 nach Göppingen entsandte, um die Firma fit für den Börsengang zu machen. Wenige Monate nach seinem Amtsantritt machte er Schlagzeilen mit einem Rundbrief an alle Mitarbeiter. Darin kritisierte er "die Menge an Krankheitstagen in den deutschen Niederlassungen" und kündigte an, er werde die Abwesenheiten wegen Krankheit genau protokollieren. Das saß. Steil verteidigte sein Vorgehen in einem Interview als offen, ehrlich und geradlinig. Er habe eine neue Gehaltsstruktur eingeführt, die alle am Erfolg beteiligt, betont Steil. "Ich glaube, das kam sehr gut an."

Konzernchef Oliver Steil will Teamviewer an die Börse bringen. In einer Woche soll die Aktie zum ersten Mal gehandelt werden.

(Foto: oh)

Inzwischen hat er die Mitarbeiter-Zahl auf 800 verdoppelt. Der Umsatz hat sich seit 2016 sogar in etwa verdreifacht. 2018 betrug er 258 Millionen Euro, laut Börsenprospekt will Teamviewer dieses Wachstumstempo in den nächsten Jahren fortsetzen. Vor allem durch Expansion nach Asien und durch neue Produkte in den Bereichen Datentransfer, Fernüberwachung von Maschinen oder Augmented Reality.

Die Konkurrenten heißen Zoom Video, Okta und Slack

Einerseits berichtet das Unternehmen von einer traumhaften Bruttomarge von 52 Prozent. Andererseits schrieb das Unternehmen bis 2018 auch Verluste, erst 2019 gelang der Sprung in die Gewinnzone. In Internet-Foren wird der Börsengang heiß diskutiert. "Kursrakete oder Hype?" fragt da einer. Tatsächlich gibt es vor dem ersten Handelstag auch kritische Töne. Alex Webb, Technologie-Experte des Wirtschaftsnachrichten-Dienstes Bloomberg, warnt: "Teamviewer hatte Ende Juni ein negatives Nettovermögen. Der Börsengang ist eine verpasste Chance, die Bilanz zu verbessern." Mögliche Aktionäre müssten darauf wetten, dass das Unternehmen weiter wächst. Dies sei aber nicht sicher in dem hochvolatilen Markt. Die Konkurrenten heißen Zoom Video, Okta und Slack, sie sind allesamt bereits börsennotiert. Auch ein erfolgreicher Hacker-Angriff stelle ein "großes Betriebsrisiko" dar. 2016 hat es eine Attacke gegeben, wie Teamviewer im Börsenprospekt bestätigt. Zudem wird kritisiert, dass von dem Börsengang einzig und alleine Permira profitiert. Kein einziger Cent des Geldregens fließt in neue Investitionen oder Innovationen des Unternehmens. Alles kein Problem, heißt es aus Göppingen, Teamviewer könne auch ohne frisches Geld ein starkes Wachstum und solide Gewinne vorweisen.

Teamviewer hat derzeit Standorte auch in Stuttgart, Karlsruhe und Berlin sowie in Armenien, Spanien, USA, Australien, Japan, Singapur, Indien und China. Die 400 Mitarbeiter in Göppingen werden demnächst eine neue Zentrale beziehen. Das Gebäude wird derzeit in Bahnhofsnähe errichtet, ursprünglich sollte es das neue Verwaltungszentrum der Kreisstadt werden. Doch die Kommune verzichtet kurzfristig auf den Einzug und plant nun ein anderes Gebäude. Was man nicht alles tut, um 400 gut bezahlte Jobs in der Stadt zu halten.

"Teamviewer wird in Göppingen bleiben", beteuert Geschäftsführer Steil. Bislang sind seine Mitarbeiter auf zwei Gebäude verteilt. Von 2020 an sollen alle unter einem Dach arbeiten, zudem biete das neue Domizil einen Puffer für weiteres Wachstum. Göppingen darf sich also auf weitere Jobs freuen. Ob die Aktionäre davon auch profitieren werden, ist offen.