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SZ-Wirtschaftsgipfel 2015:Die digitale Weltordnung

Die Staaten der Welt werden in einen Wettstreit um die Vorherrschaft in der Internet-Wirtschaft treten. Die USA bleiben an der Spitze. Doch wie Europas Sozialstaaten stehen sie vor großen Problemen.

Von Guido Bohsem

Wer im Silicon Valley den neuen Rockefellers, Carnegies oder Vanderbilts begegnet (oder auch denen, die es erst noch werden wollen), trifft auf einen Größenwahn der seinesgleichen sucht. Die Techies, die Start-upper, ja sogar die Nerds an der Stanford-Universität wollen nicht einfach nur ihr eigenes Unternehmen. Sie wollen nicht einfach nur reich werden oder erfolgreich sein. Wer nach ihrem ureigenen Motiv fragt, erhält stets dieselbe Antwort: "I want to change the world." So lautet das Credo des kalifornischen Entrepreneur-Clubs und seiner Anhänger.

Es wäre leicht, das als das übliche Gerede junger Leute auf der Suche nach Geldgebern abzutun. Das ist es auch, aber eben nur zum Teil. Junge Unternehmer aus dem Silicon Valley haben die Welt bereits verändert und dabei ehemalige Konzernriesen und ganze Branchen vom Feld gekickt. Und sie werden es wieder tun.

Inzwischen zweifelt kaum noch jemand daran, dass die digitale Revolution die Welt verändert und weiter verändern wird. Allein über die Wucht der Transformation wird noch gestritten. Während die Skeptiker darin kaum mehr als den nächsten Schritt der seit Jahrzehnten bekannten Automatisierung sehen, glauben die Propheten der neuen Zeit an eine tektonische Verschiebung, eine grundlegende Neubestimmung der Wirtschaft, wie sie in der Vergangenheit die Dampfmaschine, der elektrische Strom oder der Verbrennungsmotor auslösten. Sie wird geopolitische Veränderungen mit sich bringen.

Doch welche Nationen werden gewinnen, welche verlieren? Welche Probleme müssen die Regierungen lösen? Wird die wirtschaftspolitische Weltordnung des 20. Jahrhunderts zerrissen? Wird sie Opfer einer Disruption, um es im Valley-Jargon zu sagen? Vieles lässt sich noch nicht genau abschätzen. Erste Entwicklungen aber sind erkennbar. Fünf Trends:

1. Die USA werden die technologische Führerschaft im digitalen Bereich auf absehbare Zeit behalten.

2. China wird sich weiter öffnen müssen, um den Schritt von der Werkbank der Welt zu einem digitalen Player zu schaffen und Amerika Paroli zu bieten.

3. Europa muss seine Krise und Investitionsschwäche überwinden, um nicht abgeschlagen an dritter Stelle zu landen.

4. Die demokratisch regierten Sozialstaaten vor allem in Europa werden zudem vor großen Problemen stehen, die Auswirkungen der digitalen Revolution zu bewältigen und zumindest zeitweise mit hoher Arbeitslosigkeit konfrontiert sein.

5. Alle Industriestaaten werden ein völlig neues globales Regelwerk entwerfen müssen, um die global tätigen Internet-Giganten zu kontrollieren.

Von allen Nationen haben weiter die USA die besten Voraussetzungen, der digitale Spitzenreiter der Welt zu sein. Die Unternehmen dort müssen den Spirit des Silicon Valley nicht erst für sich entdecken. Sie haben ihn erschaffen. Google, Apple und Co sitzen zudem auf gigantischen finanziellen Reserven. Durch dieses Geld sind sie auf lange Zeit in der Lage, jedes hoffnungsvolle Unternehmen, jede neue Geschäftsidee, jede kommende Disruption zu kaufen und anzuwenden.

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Illustration: Stefan Dimitrov

Noch vor einem Jahr galt es als wahrscheinlich, dass China es schaffen würde, den Amerikanern bald den Rang abzulaufen. Eine McKinsey-Studie sah das Land auf dem besten Weg, die bislang konsumentenorientierte Internet-Nutzung auch für die Unternehmen zu öffnen. Im Jahr 2025 könnten, so die Autoren, bis zu 22 Prozent des Wirtschaftswachstums auf die konsequente Nutzung des Internets zurückgehen. Doch sind diese Prognosen inzwischen mit Vorsicht zu genießen. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in China dürften den Prozess verlangsamen und den USA weiteren Vorsprung verschaffen.

China hat die Folgen der geplatzten Börsen-Blase längst nicht überwunden. Wer die Internet-Wirtschaft ausbauen will, braucht private Investoren. Die aber haben beim Crash enorme Verluste erlitten und scheuen nun die Finanzmärkte. Die Wirtschaftsinstitute halten einen Einbruch der chinesischen Konjunktur für wahrscheinlich. Keine guten Voraussetzungen für den Start in die digitale Welt.

China hat im Vergleich zu den USA zudem einen wenig messbaren, aber dennoch entscheidenden strukturellen Nachteil. Während die amerikanischen Universitäten ihren Studenten größtmögliche Freiheit geben und sie an flache Hierarchien gewöhnen, sind die chinesischen Universitäten von starren Strukturen geprägt. Dort herrscht nicht "Design Thinking", dort regiert die Nomenklatura. Es gibt zu wenig Nährboden, auf dem verrückte, digitale Ideen gedeihen können.

Europa hat zwar den schlimmsten Teil der Finanzkrise hinter sich gelassen. Dennoch ist die Wirtschaft (außer in Deutschland) noch lange nicht auf gutem Niveau zurück. Das beeinträchtigt vor allem die Geschäfte kleiner und mittelgroßer Unternehmen. Ihnen fehlt das Geld für vernetzte Maschinen oder Internet-basierten Service. Die europäischen Staaten leiden zudem unter hohen Defiziten und sehen sich immer noch nicht in der Lage, ein vernünftiges Maß an öffentlichen Investitionen zu leisten. Das gilt sogar für die Bundesrepublik mit ihrer schwarzen Null. Unter dem Geldmangel leidet beispielsweise der Ausbau guter Datenleitungen, die für die Entwicklung einer Internet-Wirtschaft ähnlich wichtig sind wie ein gutes Straßen- und Schienennetz für die Industrie.

Deutschland hat die erste Halbzeit der Digitalisierung verloren. Das Mp3-Format hat man zwar hier erfunden, doch es nicht vermarkten können. SAP ist und bleibt auf absehbare Zeit das einzige, weltweit wahrnehmbare Software-Unternehmen. In der Bundesrepublik tröstet man sich gerne mit den Worten des Präsidenten des Netzwerk-Konzerns Cisco, John Chambers, wonach Deutschland mit seiner Ingenieurs-Kunst die Chance habe, das erste große digitale Land zu werden.

Tatsächlich wachen Politik und Wirtschaft erst allmählich auf. Noch ist der Anteil der Internet-Wirtschaft am Bruttoinlandsprodukt kleiner als in Großbritannien, Schweden oder Frankreich. Gerade die mittelständische Wirtschaft rüstet sich zu langsam für die Herausforderungen des digitalen Zeitalters. Viele Hidden Champions kommen angesichts gut laufender Geschäfte gar nicht auf die Idee, ihre Unternehmung zu digitalisieren. Das ist gefährlich. Sie könnten zu lange warten, so lange, bis der Verkaufsschlager von einem Konkurrenten in China, den USA oder sonstwo günstiger ausgedruckt werden kann.

3 Thesen

Deutschland: Das Land hat die erste Halbzeit der Digitalisierung verschlafen

Europa: Die Schuldenkrise hemmt dringend notwendige Investitionen

China: Die Börsen-Blase platzt gerade und damit auch manch digitaler Traum

Immerhin, das Schlagwort "Industrie 4.0", die vierte Stufe der industriellen Entwicklung, ist schon seit Längerem in aller Munde und viele Unternehmen haben verstanden, dass es im digitalen Zeitalter nicht mehr reicht, ein tolles Produkt zu haben. Es kommt darauf an, den Weg zum Kunden zu verkürzen und konsequent auf seine Wünsche zu reagieren, ja, mittels kluger Vernetzung sogar vor ihm zu wissen, was er demnächst brauchen wird.

Die Politik hat das Thema schon länger entdeckt, doch wird es nur unzureichend beackert. Das liegt auch daran, dass das Thema auf drei Ressorts in der Bundesregierung verteilt ist. Jeder kümmert sich ein bisschen, aber keiner ganz. Sinnvoller wäre daher, ein eigenes Digital-Ministerium zu schaffen, in dem alle Aspekte des Themas gebündelt werden.

Doch steht die Politik in Deutschland und anderswo noch vor ganz anderen Problemen. Selbst wenn die finstersten Prognosen über Jobverluste nicht zutreffen sollten, klar ist dennoch: Es wird in allen industrialisierten Ländern einen massiven Abbau von Arbeitsplätzen geben. Parallel werden neue Jobs entstehen. Dass diese von denselben Arbeitnehmern übernommen werden, ist unwahrscheinlich, zu unterschiedlich sind die Jobanforderungen.

Insbesondere die Sozialstaaten der Welt stehen deshalb vor drei großen Aufgaben. Sie müssen zunächst die geeigneten Fachkräfte für die neue digitale Arbeitswelt identifizieren und qualifizieren. Zweitens müssen sie dafür sorgen, dass ausreichend gut geschulter Nachwuchs zur Verfügung steht und drittens müssen sie den Verlierern der digitalen Wirtschaft ein Auskommen bieten.

Die technische Revolution zwingt auch die Staaten zu einer neuen Form der Kooperation

Doch damit nicht genug, denn die Digitalisierung definiert auch die Art der Arbeit neu. In der digitalen Welt wird die Zahl der Einzelunternehmer zunehmen, die sich ihr Geld als Click- oder Crowd-Worker verdienen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer hingegen dürfte sinken. Die Folge werden Defizite in den Sozialsystemen sein; die Politik muss eine Antwort darauf finden, wie sie die Finanzierung des Sozialstaates noch gewährleisten kann.

Schließlich erzwingt die Digitalisierung eine deutlich intensivere Zusammenarbeit aller Staaten. Das jüngst vereinbarte Vorgehen gegen die Steuertricks der Konzerne kann hier als erstes Beispiel dienen. Nationale Regierungen werden künftig immer häufiger Unternehmen gegenüberstehen, die wahrhaft global agieren und danach trachten, die jeweils günstigsten Bedingungen für sich auszunutzen, zum Nachteil der Staaten.

Dieses Geschäftsgebaren bringt zudem für nicht global agierende, an die Regeln ihres Standorts gebundene Unternehmen einen großen Wettbewerbsnachteil mit sich. Diesen gilt es auszugleichen. International bindende Verabredungen sind zudem dringend notwendig für den Umgang mit Daten - etwa eine Regelung, wie die Produzenten dieser Daten dafür zu entlohnen sind, dass sie diese zur Verfügung stellen.

Derzeit gibt es keine Organisation, in der eine solche globale Kooperation vereinbart werden könnte, geschweige denn die Bereitschaft der Staaten eine solche zu schaffen. Das muss sich ändern. Auch die Staaten müssen sich in der neuen digitalen Welt stärker vernetzen denn je.

© SZ vom 24.11.2015
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