Finanzgipfel:Krise? Welche Krise?

"15. BAYERISCHER FINANZGIPFEL"

Wer gut auf die Digitalisierung vorbereitet war, kam in der Corona-Krise besser zurecht als andere, sagt KfW-Vorständin Ingrid Hengster.

(Foto: Anna McMaster)

Beim SZ-Finanzgipfel geben sich die Vertreter der Banken und Versicherer optimistisch bis überschwänglich - und sehen ihre Branche gut gerüstet für die Zukunft.

Von Johannes Bauer

Der Ruf des Handschlags hat in den vergangenen eineinhalb Jahren schwer gelitten. Hat man eventuell sogar vergessen, wie das geht? Zwei Männer in dunklen Anzügen scheinen sich an diesem trüben Donnerstag im Haus der Bayerischen Wirtschaft vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Lange - etwas zu lange - stehen sie da im Foyer mit verschränkten Fingern und ausgestreckten Armen, schauen sich tief in die Augen und geben sich ein wenig Halt. Auf dem 15. Bayerischen Finanzgipfel, zu dem die SZ geladen hat, scheint das zunächst nötiger denn je zu sein. "Corona hat die Gesellschaft und die gesamte Branche vor eine schwere Belastungsprobe gestellt", sagt Ulrike Wolf in ihrer Eröffnungsrede. Die Ministerialdirektorin des Wirtschaftsministeriums ist kurzfristig für ihren Chef Hubert Aiwanger eingesprungen.

Doch auch ohne den bayerischen Wirtschaftsminister geht es von Beginn an gelöster zu als das Motto der Veranstaltung "Was kommt jetzt? Warum sich die Finanzbranche neu erfinden muss" hätte vermuten lassen. Für die Zeit der Corona-Pandemie stellen die anwesenden Vertreter der Banken- und Versicherungsbranche ihren Unternehmen durch die Bank ein gutes Zeugnis aus. Auch für die Zukunft sieht man sich gerüstet. Barbara Karuth-Zelle aus dem Vorstand der Allianz benennt bereits im ersten Interview die beiden entscheidenden Themen: Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Sie sagt aber auch: "Wir müssen in der Transformation noch mehr Gas geben, als wir das bisher gemacht haben."

Gut geklappt habe das bereits bei einem neuen System, das in Afrika eingesetzt werden soll und das Mitarbeiter während der Pandemie in nur acht Monaten rein digital ausgearbeitet hätten. "Mit einem globalen Team, das sich nie gesehen hat, das sich nie getroffen hat", so Karuth-Zelle. Mit der Sichtweise, dass es doch so weit ganz gut gelaufen sei, ist die Managerin nicht allein. Die Vizepräsidentin der deutschen Bundesbank Claudia Maria Buch glaubt zu wissen, wieso: "Die realwirtschaftliche Krise hat im Banken- und Finanzsektor so nicht stattgefunden."

Kleine und mittelständische Unternehmen sind in der Corona-Zeit zu Hunderten vom Markt verschwunden oder mussten mit Überbrückungshilfen am Leben gehalten werden, während die großen Banken und Versicherungen ihre Mitarbeiter nur ins Home-Office schicken müssen und gar keine Probleme mit einer weltweiten Krise haben - ist es wirklich so einfach?

Wenn man den Teilnehmern der ersten Diskussionsrunde des Tages glauben mag, ja - zumindest, sofern man die Digitalisierung schon länger vorantreibt. "Wir hatten schon vor der Pandemie 75 Prozent der Mitarbeiter zwei Tage die Woche im Home-Office", sagt Alexander Vollert. Die Produktivität sei während Corona gleich geblieben, die Krankheitsquote sogar zurückgegangen. Ebenso wie der Vorstandsvorsitzende der Axa sieht auch dessen Kollegin Doris Höpke von der Münchner Rück in der Pandemie ein Brennglas für die Digitalisierung - und eine Chance. "Mit der Zeit wuchs auch die Erkenntnis, dass in der digitalen Welt viel mehr geht, als man vorher dachte." Ingrid Hengster, Vorstandsmitglied der KfW, spricht geradezu überschwänglich davon, dass man auf die zuvor aufgebaute Infrastruktur "exzellent" hätte zugrückgreifen können. Die digitale Organisation sei in diesem Maßstab zwar Neuland gewesen, habe aber "perfekt" funktioniert. Bei all dem Überschwang wäre es an dieser Stelle ganz interessant zu hören gewesen, wie eine einfache Mitarbeiterin ohne extra Büro in den eigenen vier Wänden und mit zwei Kindern, die parallel bei den Hausaufgaben betreut werden mussten, ihre Erfahrungen der vergangenen Monate beschreiben würde.

"Es wird keine fixen Arbeitsplätze mehr geben."

Und noch bei einem Punkt ist man sich in der Branche einig: Zumindest für ein paar Tage die Woche sollten die Mitarbeiter künftig unbedingt wieder in die Büros zurückkehren. "Wo auch Reibung und Austausch einfach nötig sind, da ist persönliche Interaktion notwendig, und das Bewusstsein dafür ist bei uns auch geschärft worden", erklärt Doris Höpke. Arbeit lebe auch davon, dass man sich sehe und vor Ort austauschen könne, findet Ingrid Hengster von der KfW. Sie kann sich gut vorstellen, wie ein modernes Büro aussehen könnte: "Es wird keine fixen Arbeitsplätze mehr geben. Man meldet sich morgens an und bekommt einen Platz zugeteilt." Der wirtschaftliche Vorteil für das Unternehmen läge in diesem Fall auf der Hand - wie gut das bei den Arbeitnehmern ankommen würde, steht auf einem anderen Blatt.

Auch in den weiteren Diskussionen des Finanzgipfels überwiegt klar der Optimismus; das gilt für die Bewältigung der Corona-Pandemie genauso wie für den Blick in die Zukunft. Eine harte Bestandsaufnahme der aktuellen Situation und die Frage, wo die geschäftlichen Probleme der Versicherungen und Banken liegen, waren an diesem Tag einmal kein Thema. Dabei hatte die Wirtschaftsprofessorin Claudia Buch von der Bundesbank ganz am Anfang darauf hingewiesen: Die nächste Krise kommt, fragt sich nur wann, wo und wie.

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