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Streiks in Frankreich:"Das tut uns weh"

Nach 45 Tagen Streik beklagt die Staatsbahn SNCF einen Milliardenverlust. Die Wirtschaft zeigt sich robust.

Jean-Pierre Farandou ist gerade einmal seit zwei Monaten Chef von Frankreichs Bahn SNCF - und hat schon eine akute Finanzkrise zu bewältigen. Der Streik der SNCF-Mitarbeiter gegen die Rentenreform der französischen Regierung kostet das Unternehmen "ungefähr eine Milliarde Euro", sagt Farandou. "Das tut uns weh, das beschädigt uns." Um den Streikschaden zu begrenzen, sieht der Bahn-Chef keine andere Möglichkeit, als einen Sparplan aufzulegen. Im Februar, so Farandou, will er Details dazu verkünden.

Die Staatsbahn dürfte in Frankreich das Unternehmen sein, das wegen der Streiks die höchsten Verluste zu verzeichnen hat. Das geplante Rentengesetz von Präsident Emmanuel Macron, das nächste Woche in den Ministerrat eingebracht wird, ruft bei SNCF besonders heftigen Widerstand hervor. Die Reform sieht die Verschmelzung der 42 verschiedenen staatlichen Rentenkassen Frankreichs zu einem einheitlichen System vor. Und damit auf lange Frist die Abschaffung von Sonderregeln, die es Bahnern heute erlaubt, mit Mitte Fünfzig und großzügigen Altersbezügen in Rente zu gehen. Den streikbedingten Verlust von etwa einer Milliarde Euro muss Farandou rasch ausgleichen, weil SNCF gesetzlich verpflichtet ist, von 2022 an keine neuen Schulden aufzunehmen.

France faces its forty-second consecutive day of strikes

Gare du Nord in Paris: Der Nahverkehr in der Hauptstadt ist wegen des Streiks seit Wochen eingeschränkt.

(Foto: Gonzalo Fuentes/Reuters)

45 Tage dauert der Arbeitskampf nun schon. Doch die Streikenden werden allmählich müde, die Beteiligung an den Ausständen ging zuletzt deutlich zurück. Das wiederum ermöglicht es - nicht nur bei SNCF - eine erste wirtschaftliche Bilanz der Rentenproteste zu ziehen. Diese Bilanz ist kontrastreich.

Dass SNCF zu leiden hat, ist kein Zufall: Es sind vor allem Frankreichs öffentliche Verkehrsunternehmen, die bestreikt werden - obgleich an manchen Tagen auch Lehrer, Rechtsanwälte, Balletttänzer oder, wie am Freitag, die Mitarbeiter des Louvre in den Arbeitskampf treten. Neben SNCF sind die Pariser Verkehrsbetriebe RATP am stärksten betroffen. Dort beläuft sich der Verlust bisher auf 200 Millionen Euro. Frankreichs Häfen am Ärmelkanal und an der Atlantikküste waren in dieser Woche wegen der Proteste komplett lahmgelegt, die Hafenbetriebe befürchten für Januar einen Erlösrückgang von 50 Prozent.

Doch so dramatisch die Folgen des Rentenstreits für Verkehrsunternehmen ist, so erstaunlich gering sind seine Auswirkungen auf die französische Wirtschaft insgesamt: Die Ausstände und deren Folgewirkungen haben das Land im vierten Jahresquartal 2019 "höchstens 0,1 Punkte" an Wirtschaftswachstum gekostet, sagt der Gouverneur der französischen Zentralbank, François Villeroy de Galhau. Insgesamt fallen die Blockaden ihm zufolge kaum ins Gewicht; sie setzten den Unternehmen weniger zu als die Proteste der Gelbwesten-Bewegung vor einem Jahr.

Jean-Pierre Farandou ist erst seit November SNCF-Chef. Wegen des Streiks muss er nun schon ein Sparprogramm auflegen.

(Foto: Lionel Bonaventure/AFP)

Auf einzelne Branchen haben die Ausstände im Verkehrswesen dennoch erhebliche Folgewirkungen. Da der Nahverkehr in der Hauptstadt seit Wochen eingeschränkt ist, kommen die Mitarbeiter vieler Pariser Firmen nur noch schwer von ihren Wohnvierteln in den Vororten an ihren Arbeitsplatz. Und da noch mehr Menschen als sonst mit dem Auto fahren, verursachen lange Staus Verzögerungen bei Warenlieferungen. Die Pariser Einzelhändler erlebten ihrem Verband zufolge ausgerechnet im Weihnachtsgeschäft Umsatzeinbußen von 30 Prozent - weil die Kunden nicht in die Stadt gelangten. Noch härter trifft es Hotels und Restaurants, da Touristen, wie schon im Vorjahr wegen der Gelbwesten, geplante Paris-Reisen absagen. Damit das Geschäftsdebakel nicht in der Pleite endet, hilft die Regierung einzelnen Pariser Tourismusbetrieben bereits. Etwa durch die Streckung von Abgabenzahlungen oder mit Kurzarbeitergeld.

SNCF-Chef Jean-Pierre Farandou wird sich selbst helfen müssen - mit seinem Sparprogramm. Letztlich droht der Streik der Bahner damit auf sie selbst zurückzufallen: Stellenstreichungen im Betrieb von Zügen oder dem Schienennetz schließt Farandou zwar aus. In der Verwaltung aber ausdrücklich nicht. Mehr noch: Der SNCF-Chef prüft den Notverkauf von Tochterunternehmen. "Ich weiß nicht, ob ich genug Cash habe, alle Filialen der Gruppe weiterzuentwickeln", sagt er. Die Gewerkschaften, die zum Arbeitskampf aufrufen, weisen jede Mitverantwortung an der Finanzmisere zurück. Bei der Bahngewerkschaft SUD-Rail heißt es: "Der Streik wird nur als Vorwand genutzt, um ein ohnehin geplantes Sparprogramm zu rechtfertigen."

© SZ vom 18.01.2020
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