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Streetscooter:Ein Coup, aber auch eine Bürde

Wie der Post-Konzern zum Autobauer wurde und warum er es nicht bleiben will.

Von Benedikt Müller, Bonn

Wer wie die Deutsche Post werktäglich Millionen Briefe und Pakete herumfährt, der belastet scheinbar zwangsläufig die Luft: mit CO₂, Feinstaub und Stickoxid aus dem Auspuff der Laster und Transporter. Das passt so gar nicht zu dem Ziel des Konzerns, bis zum Jahr 2050 emissionsneutral zu wirtschaften. Dafür müssen auch die Abgase in der Zustellung runter.

Also suchte die Post schon vor Jahren batteriebetriebene Brief- und Paketautos, die sie mit Ökostrom betreiben kann. Doch die Bonner zeigten sich enttäuscht vom kargen Angebot der Autokonzerne - und stiegen stattdessen bei einem Start-up ein, das die Aachener Professoren Achim Kampker und Günther Schuh gegründet hatten: 2014 übernahm die Post deren Firma Streetscooter komplett und ließ elektrische Transporter entwickeln.

Ein Coup für die Post, aber auch eine finanzielle Bürde: Der Konzern hat Millionen in die Fertigung in Aachen und Düren investiert; Streetscooter hat gut 500 Beschäftigte. Die Post hat vor Kurzem ihren zehntausendsten Eigenbau in Betrieb genommen. Bundesweit waren zuletzt knapp 12 000 Stück zugelassen, da die Firma auch an Handwerker oder Stadtwerke verkauft. Ein britischer Milchlieferdienst hat ebenfalls 200 Streetscooter gekauft.

Dass der Konzern zumindest Minderheitsaktionär bleiben könnte, ist nicht ausgeschlossen

Nur: Geld verdient die Post mit ihrer Autoproduktion bisher nicht. Für den Geschäftsbereich Corporate Incubations, zu dem Zukunftsprojekte wie Streetscooter zählen, hatte der Konzern für 2018 einst einen Verlust von 70 Millionen Euro prognostiziert; mittlerweile versteckt sich dieser Bilanzposten in den Kosten der Konzernzentrale. Und Vorstandschef Frank Appel sagte mehrmals, dass die Post kein Autobauer werden soll. Vielmehr will der Konzern seinen Gewinn vor Zinsen und Steuern bereits im nächsten Jahr auf fünf Milliarden Euro steigern - ein Ziel, das Analysten zumindest für ambitioniert halten.

Die Post sucht daher Partner für ihr Abenteuer. "Wir prüfen, wie sich Streetscooter gut und profitabel entwickeln kann", sagte Finanzchefin Melanie Kreis im Frühjahr. "Wir werden im Verlauf dieses Jahres schauen, wo wir hinwollen." Dass der Konzern auch in den kommenden Jahren Fahrzeuge von Streetscooter kaufen will, scheint ausgemacht; ob er zumindest als Minderheitsaktionär an der Firma beteiligt bleiben will, ist bislang jedenfalls nicht ausgeschlossen.

Von einem "Bieterprozess bei der Post" sprach kürzlich Mitgründer Günther Schuh. Er habe selbst mitgeboten. "Mein Angebot ist auch so zu verstehen, dass ich unbedingt dazu beitragen möchte, dass die Erfolgsgeschichte von Streetscooter weitergeht", so der geschäftstüchtige Professor. Es werde sich zeigen, ob man sich auf Konditionen einigen könne.

Unter dem neuen Vorstandschef Jörg Sommer, der auf diesem Posten dem Gründer Achim Kampker folgte, wird Streetscooter indes internationaler: Der japanische Logistiker Yamato, der eine ähnlich große Fahrzeugflotte wie die Post hierzulande betreibt, hat im März 500 Streetscooter bestellt. Im Rahmen der Chinareise der Bundeskanzlerin Anfang September unterzeichnete Sommer eine Absichtserklärung zur Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit dem chinesischen Autokonzern Chery. Zugleich verkündete die Post, dass Streetscooter auch in die USA expandieren wolle. Diese beiden Staaten gelten als die beiden weltgrößten Märkte für Elektrofahrzeuge.

© SZ vom 17.09.2019
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