Smartphones und Hörgeräte Besser hören per App

Auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin präsentierte der Hersteller ReSound seine Hörgeräte „Made for iPhone“.

(Foto: oh)

Die Digitalisierung hat auch Hörgeräte stark verändert - ihre Qualität ist erheblich gestiegen, die Gehäuse wurden kleiner. Der neueste Trend: Hilfen, die sich per App steuern lassen.

Von Helmut Martin-Jung, Berlin

Es kommt schleichend. Erst ist es das Gänsehaut auslösende Quietschen des Messers auf dem Teller, das die anderen hören, ein Mensch mit Hörminderung aber nicht mehr. Dann fällt es schwerer und schwerer, Gesprächen zu folgen, wenn es störende Nebengeräusche gibt - im Restaurant, am Arbeitsplatz, zu Hause. Hörverlust betrifft viele - alleine in Deutschland könnten sechs bis sieben Millionen mit einem Hörgerät besser hören, sagt Martin Blecker, der Präsident des Verbandes der Hörgeräte-Akustiker, aber nur etwa die Hälfte trägt auch welche.

Doch das könnte sich ändern. Denn die Digitalisierung hat längst auch die Hörhilfen erfasst. Sie werden dadurch nicht nur kleiner, leichter und bieten eine bessere Klangqualität. Viele Modelle kommen mittlerweile mit smarten Funktionen, die zum Teil sogar über das bloße Kompensieren einer Hörminderung hinausgehen.

"Wie eine Fremdsprache, die man jahrelang nicht mehr benutzt hat."

Denn Verbandsfunktionär Blecker, der selbst ein Geschäft betreibt, gibt offen zu: "Hörgeräte können einen Hörverlust nicht ausgleichen, sondern nur kompensieren." Das liege unter anderem daran, dass ein Mensch mit Hörverlust nur noch Geräusche von einer gewissen Lautstärkeschwelle an hören könne. Alles, was darunter liegt, das Rascheln von Papier etwa, das Rauschen der Lüftung, nimmt er nicht mehr wahr. Wer dann ein Hörgerät bekommt und all diese Geräusche plötzlich wieder hört, muss sich daran erst wieder gewöhnen. "Das ist wie eine Fremdsprache, die man jahrelang nicht mehr benutzt hat." Hören, sagt er, will überhaupt gelernt sein, bei Menschen sei das Hören erst mit 16 Jahren voll ausgereift.

Um den Hörverlust zu kompensieren, müssen die Geräte die leisen akustischen Informationen verstärken, die lauten aber keinesfalls. Denn Geräusche, die an der Schmerzgrenze liegen, empfinden auch Menschen mit Hörminderung genauso nervtötend wie Normalhörende. Was daher aus einem Hörgerät kommt, klingt anders als gewohnt. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die Geräte sehr genau und in vielen Sitzungen beim Hörgeräteakustiker an die Bedürfnisse und Wünsche der Träger angepasst werden.

Dabei könnte eine der Neuerungen helfen, die nun auch bei Hörgeräten Einzug hält: Mit einer sogenannten Remote-Funktion kann der Hörgeräte-Akustiker aus der Ferne eine Einstellung verändern, ohne dass der Träger dafür ins Geschäft kommen muss. Damit der Akustiker es dabei leichter hat, führt ein Menü den Hörgerätenutzer durch einen kleinen Katalog aus Fragen.

Diese Fragen sind Bestandteil einer App, die auf Smartphones installiert werden kann. Das Smartphone hat sich wie bei so vielen anderen Dingen des Lebens auch bei Hörgeräten als geeignete Steuerzentrale erwiesen. Die Top-Modelle der Hersteller sind über den Funkstandard Bluetooth mit dem Handy verbunden - was eine ganze Reihe von Möglichkeiten eröffnet.

Hörhilfen mit smarten Funktionen kosten einen hohen Aufpreis

Auf seinem iPhone kann der Nutzer zum einen verschiedene Profile auswählen, etwa Restaurant, Party oder Auto. Außerdem können Telefonate und Musik direkt auf die Hörgeräte gestreamt werden. Das funktioniert verzögerungsfrei und mit guter Klangqualität, versichert Joachim Gast, Geschäftsführer der dänischen Firma GN Hearing. Die Hörgeräte können auch so eingestellt werden, dass man in einer Gesprächsrunde den Teilnehmer, den man ansieht, besonders gut versteht. Indem die Geräte auch die Verzögerung einrechnen, die der Schall zu jedem Ohr länger oder kürzer braucht, funktioniert auch die Ortung im Raum damit. Wer möchte, kann sogar Dienste wie Googles Online-Übersetzungsprogramm nutzen und sich die Übersetzung ebenfalls auf die Hörgeräte schicken lassen.

Auf der Technikmesse Ifa, auf der die Hörgeräte-Industrie schon seit Jahren regelmäßig dabei ist, wurde zudem eine Kooperation mit dem Hausgerätehersteller Miele angekündigt. Sie wird es möglich machen, auch Statusmeldungen von Hausgeräten - etwa: die Waschmaschine ist fertig - oder das Türklingeln auf Hörgeräte zu übertragen. In Berlin wird derzeit im Rahmen eines Modellversuchs am Südkreuz getestet, ob die Übertragung auf Hörgeräte auch dabei helfen könnte, die Verständigung zwischen Bahnkunden und Service-Mitarbeitern am Schalter zu verbessern. Die bisherigen Ergebnisse, sagt Joachim Gast von GN Hearing, seien ermutigend. Während die Geräte von GN derzeit nur mit iPhones funktionieren, hat der Schweizer Konkurrent Phonak nun welche vorgestellt, die über den Funkstandard Bluetooth mit nahezu jedem Bluetooth-fähigen Handy zusammenarbeiten können. Über einen Knopf am Hörgerät lassen sich zum Beispiel Telefongespräche annehmen oder auch abweisen. Nicht nur das Klingeln wird dabei ins Hörgerät übertragen, Mikrofone in den Hörhilfen machen es auch möglich, dass das Handy beim Telefonieren in der Tasche bleiben kann - die Hörgeräte funktionieren wie ein Headset.

Das Durchschnittsalter, in dem sich die Menschen in Deutschland erstmals ein Hörgerät anpassen lassen, beträgt 69 Jahre. Besonders die Älteren besitzen oft kein Smartphone. Die Branche rechnet aber damit, dass die Generation der Baby-Boomer, die nun allmählich ins Hörgeräte- Alter kommt, dafür wesentlich aufgeschlossener sein werde. Vielleicht sogar aufgeschlossen für weitere Funktionen, die man in ein Hörgerät packen könnte: "Hörgeräte könnten auch Vitalfunktionen checken", sagt Verbandspräsident Blecker, "den Puls, den Blutzucker oder wenn jemand hinfällt."

Bis dato sind die besonders leistungsfähigen, für Smartphones geeigneten Hörgeräte noch ziemlich teuer. Wer welche mit smarten Funktionen haben will, muss mit einem Aufpreis von mindestens 500 Euro pro Ohr auf die Kassenleistung rechnen. Und: "Die S-Klasse kostet etwa 2000 Euro pro Ohr." Die smarten Geräte brauchen etwas mehr Strom als die gewöhnlichen Modelle, meistens werden dafür immer noch Zink-Luft-Batterien verwendet. Inzwischen gibt es auch Geräte mit Lithium-Ionen-Akkus. Diese lassen sich auf Ladepads per Induktion aufladen - was sehr bequem ist. Allerdings, sagt Blecker, sei die Ökobilanz der Batterien besser.