bedeckt München
vgwortpixel

Smart City:Im Labor getestet

Folge 2 der Serie: Santander war die erste "Smart City" in Europa. Fahrgastzählung per Sensor im Bus, Parkplatzsuche per App: So kompensiert die nordspanische Stadt ihre geografische Lage. Doch es gibt noch mehr Projekte.

Immer mehr Autoverkehr, immer weniger Parkplätze: Santander hatte ein Problem. Damit erging es der nordspanischen Stadt freilich nicht anders als Städten überall auf der Welt. Doch hier ist die Lage speziell. Der Atlantik begrenzt die Stadt von zwei Seiten, an den beiden anderen sind es schroffe Berge - eine Ausdehnung ist kaum noch möglich. Zudem ziehen sich zwei Bergrücken durch das Stadtgebiet, die Straßen sind deshalb eng und kurvenreich, der öffentliche Nahverkehr muss sie in weiten Bögen umfahren.

In Zeiten des wirtschaftlichen Booms vor fast zehn Jahren gaben die Stadtväter Millionen Euro aus, um zumindest den Alltag der Fußgänger zu erleichtern: Lange Rolltreppen wurden zwischen den Stadtteilen auf Meereshöhe und den höher gelegenen Vierteln gebaut. Doch das Problem mit den Parkplätzen blieb - und wurde zum Politikum: Die Bürger forderten Lösungen.

In den vielen endlosen Debatten im Rathaus setzte sich seinerzeit eine kleine Gruppe von Stadträten mit einem für die damalige Zeit revolutionären Gedanken durch: Nicht die Beamten der Abteilung für Stadtplanung und der Verkehrspolizei, die bislang damit befasst waren, sollten Konzepte erarbeiten. Sondern die Experten für Digitalisierung der Universität von Kantabrien, wie die Hochschule der Stadt offiziell heißt. Das Institut für Telekommunikation (Adresse: Platz der Wissenschaften, ohne Hausnummer) bekam den Auftrag, im Rathaus spricht man noch heute vom "Gehirn des städtischen Laboratoriums". So entstand 2010 das Projekt "SmartSantander", das nebenbei einen unschätzbaren Vorteil hatte: Die Europäische Union übernahm einen beträchtlichen Teil der Kosten, weil Brüssel das Projekt als zukunftsweisend einstufte. So wurde die 175 000 Einwohner zählende Hafenstadt zum Vorreiter der "Smart Citys" in Europa.

Das Institut für Telekommunikation befindet sich in einem Neubaugebiet an einem Hang fernab vom Zentrum. Den Eingang bildet eine überdachte Glasellipse, von hier führt eine Rolltreppe hinunter zu den Hörsälen, Seminarräumen und Forschungslabors. Unter Leitung des Informatikprofessors Luis Muñoz tüfteln hier mehrere Arbeitsgruppen an den Konzepten für "SmartSantander".

Muñoz' Mitarbeiter Luis Sánchez erklärt die Entwicklung anhand einer Miniaturstadt aus Legosteinen. Zunächst wurden die Außenbezirke besser an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen, die meisten Stadtbusse haben Hybridantrieb. Die Zahl der Fahrgäste wird durch Sensoren erfasst. Wenn viele stehen müssen, geht ein Signal an die Einsatzzentrale, es werden dann mehr Busse eingesetzt, der Takt auf den Strecken wird verringert. Auch die Ampelschaltung begünstigt die Busse. So konnte die Zahl der Autos, die täglich in die Innenstadt fahren, erheblich verringert werden.

Das Stadtgebiet von Santander wird entweder durch Berge begrenzt, oder, wie hier am Centro Botin, durch den Atlantik. Da bleibt wenig Platz zum Wachsen.

(Foto: mauritius images)

Santander fand auch eine Lösung für die Autofahrer, die trotz der Angebote des öffentlichen Nahverkehrs den Weg ins Zentrum nehmen: Ein elektronisches System erleichtert ihnen nun die Parkplatzsuche. In der Innenstadt wurden 400 Stellplätze mit Sensoren versehen, über eine App kann der Autofahrer sehen, wo ein Parkplatz frei ist oder in Kürze frei werden könnte. Luis Sánchez ergänzt: "Wir tun aber auch etwas für die ältere Generation, der der Umgang mit iPhones fremd geblieben ist." Elektronisch gesteuerte Wegweiser wurden aufgestellt, die ebenfalls zu freien Parkplätzen führen. Allerdings nicht mit derselben Genauigkeit wie die App.

Das nächste Projekt galt der Müllabfuhr: Ein Großteil der Container für Papier, Glas, Plastik - auch an der Biskaya gelten strenge Vorschriften für Mülltrennung - wurde mit Sensoren ausgestattet. Diese senden ein Signal an die Servicefirma, wenn die Container zu 90 Prozent gefüllt sind. Auf diese Weise werden unnötige Fahrten zu nur halb vollen Containern vermieden; gleichzeitig bleibt den Einwohnern der in vielen spanischen Städten übliche Anblick von Müll erspart, der sich auf der Straße und den Fußwegen stapelt, weil der Müllwagen nicht rechtzeitig kommt. Dieses Konzept entlastet die Stadtkasse, denn die Abfallentsorgung ist privatisiert, die Aufträge dafür werden ausgeschrieben. Die Firmen, die den Zuschlag bekommen, sind auch für die Instandhaltung des Sensorensystems verantwortlich.

Zwei weitere Systeme haben sich für die Stadt längst amortisiert, stellt man die Investitionen der Kostenersparnis für den städtischen Haushalt gegenüber: Die Straßenlaternen schalten sich in den Nachtstunden nur an, wenn Fußgänger unterwegs sind. Die automatischen Bewässerungsanlagen in den Parks und Grünflächen nehmen den Betrieb nur auf, wenn die Feuchtigkeit der Erde einen festgelegten Wert unterschreitet; dieser variiert nach Lage und Pflanzenart. Die Stadt hat dadurch nicht nur erhebliche Mengen Wasser gespart, sondern auch Personal. Die Angestellten der städtischen Grünflächen müssen nur noch selten direkt Hand anlegen, ihre Aufgabe ist es vor allem, das Funktionieren der automatischen Bewässerung zu gewährleisten.

20 000 Sensoren übermitteln Daten aus dem Stadtgebiet

Auch das Fremdenverkehrsamt schickte eine Wunschliste an die Tüftler aus Muñoz' Team. Das Ergebnis: eine App, die vor den wichtigsten historischen Gebäuden den Besuchern Informationen dazu anzeigt. Ähnlich strukturiert ist eine weitere App. Sie informiert die Schaufensterbummler über das Angebot des jeweiligen Geschäfts - eine Serviceleistung, für die der Handel demnächst bezahlen soll. Der örtliche Verband der Gewerbetreibenden hat nichts dagegen, schon kurz nach den ersten Probeläufen schwärmten manche Geschäftsleute von einer zwar kleinen, aber doch spürbaren Steigerung des Umsatzes. Auch von Kunden kam bisher nur ein positives Echo, wie Luis Sánchez berichtet.

Smartcity

Verkehr, Sicherheit, Umwelt - wie verändert die Digitalisierung das Leben in den Städten? SZ-Serie · Folge 14

Das wichtigste und wohl schwierigste Projekt aber ist die "Interaktion mit den Bürgern", wie es Sánchez nennt. Die Einwohner der Stadt werden eingeladen, eine App zu nutzen, um die Behörden über Mängel und Schäden zu informieren, sei es eine kaputte Parkbank oder einen ärgerlicher Stau. Es reicht dafür aus, ein Foto elektronisch zu verschicken, die geografischen Koordinaten werden automatisch mitübermittelt. Luis Sánchez ist in die Entwicklung der Plattform eingebunden, die die eingehenden Bilder an die jeweils zuständige städtische Behörde weiterleitet. Das Konzept ist keine Einbahnstraße: Die Einsender eines Fotos können den Entscheidungsweg bis zur Lösung des von ihnen gemeldeten Problems Schritt für Schritt verfolgen - das ist eine Transparenz, die es in Spanien bislang nicht gegeben hat.

Insgesamt 20 000 Sensoren übermitteln Daten aus dem gesamten Stadtgebiet an die zentrale Plattform, täglich sind es mehr als 150 000 Einzelinformationen. Dazu gehören auch die Schadstoffbelastung sowie der Lärmpegel an ausgesuchten Punkten.

Nennenswerter Widerstand unter den Einwohnern wurde im Rathaus bisher nicht registriert. Bestenfalls gab es Stimmen, die meinten, ein Teil des Geldes solle besser für die Überholung der Straßenkanalisation ausgegeben werden. Manche Ecken in den Stadtteilen auf Meereshöhe stehen nämlich bei den an der Biskaya-Küste häufigen Platzregen immer wieder unter Wasser.

Luis Sánchez sieht noch einen anderen Gradmesser für die Akzeptanz des Konzepts "SmartSantander": Es gab nur ganz wenige Fälle von Vandalismus, bei denen Sensoren offenkundig mit Absicht beschädigt wurden.