S&K-Prozess "Das ist doch kein Tanzbär, sondern ein Mensch!"

Ein Justizbeamter steht neben der Anklagebank: Den S&K-Gründern wird schwerer und bandenmäßiger Betrug sowie Untreue vorgeworfen.

(Foto: Arne Dedert/dpa)
  • In Frankfurt beginnt eines der größten Wirtschaftsstrafverfahren der bundesdeutschen Geschichte.
  • Die Chefs der S&K-Unternehmensgruppe sollen 11 000 Menschen um etwa 240 Millionen Euro betrogen haben.
  • Allein die Verlesung der Anklageschrift dürfte bis November dauern.
Aus dem Gericht von Markus Zydra, Frankfurt

Es gab dann doch Gezeter, als der Beamte einem der Hauptangeklagten die Handschellen und die Fußfesseln abnahm. Die Fotografen drückten auf ihre Auslöser, um die Szene zu verewigen, auch die Kameraleute vom Fernsehen hielten drauf. Der mediale Ansturm zum Prozessauftakt brachte den Verteidiger auf die Palme: "Das widerspricht der Menschenwürde, das ist doch kein Tanzbär, sondern ein Mensch." Ein Zuhörer aus dem Publikum konterte lautstark: "Lasst dem gefälligst die Handschellen an, wo sind wir denn hier?"

Es war der Verhandlungssaal I im Frankfurter Landgericht. Die Öffentlichkeit erlebte die Ouvertüre eines der größten Wirtschaftsstrafverfahrens in der bundesdeutschen Geschichte. Die S&K-Immobiliengruppe soll zwischen 2008 und 2013 rund 11 000 Anleger um insgesamt 240 Millionen Euro geprellt haben. Mit einem erklecklichen Teil des Geldes finanzierten sich vor allem die beiden Hauptangeklagten einen luxuriösen Lebensstil. Ein Großteil der Anlagegelder ist immer noch nicht gefunden worden. Den sechs Angeklagten droht wegen schweren gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs und Untreue eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren.

Die beiden Hauptangeklagten grinsen die meiste Zeit. Sie halten sich für unschuldig

Die beiden Hauptangeklagten sitzen bereits seit zwei Jahren und sieben Monaten in Untersuchungshaft. Eine solche Zeit dürfte an niemandem spurlos vorbeigehen, doch Stephan Schäfer, 36, und Jonas Köller, 34, verbergen mögliche Spuren hinter einem Grinsen im Gesicht. Sie halten sich für unschuldig.

Die Staatsanwaltschaft ist sicher, dass man sie überführen kann. Dafür haben die Ermittler lange gearbeitet. Die Anklageschrift ist über 3000 Seiten stark. Mehr als 1700 Seiten davon müssen verlesen werden. Der Vortrag dürfte bei zwei Verhandlungstagen in der Woche bis mindestens November dauern. Der Prozess könnte sich ein Jahr und länger hinziehen.

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Man hat also keine Zeit zu verlieren. Doch der erste Verhandlungstag bot nur Muskelspiele. Der Verteidiger von Stephan Schäfer stellte den Antrag, das Gericht möge die Verbreitung der Aufnahmen von der Entnahme der Fußfesseln untersagen. Man muss wissen, dass Schäfer vor anderthalb Jahren bei einem zivilrechtlichen Verhandlungstermin in Handschellen durch ein offenes Fenster aus dem ersten Stock in fünf Meter Höhe des Landgerichts Frankfurt gesprungen war. Der Fluchtversuch endete im Krankenhaus. Der Richter lehnte den Antrag ab.

Dann wurde es kniffliger. Der Anwalt einer Ex-Freundin von Schäfer stellte einen Befangenheitsantrag gegen die Berufsrichter. Die Freundin hatte von Schäfer einen teuren Sportwagen und eine Nobeluhr geschenkt bekommen. Den Gegenwert in Höhe von rund 70 000 Euro soll die Freundin zurückzahlen. Das Landgericht hatte nach Ansicht des Juristen in seinem Eröffnungsbeschluss einen um rund 22 000 Euro höheren Betrag angesetzt als die Staatsanwaltschaft. Dies lasse auf unzulängliche Aktenkenntnis schließen, so der Vorwurf. Das Gericht unterbrach die Sitzung daraufhin dreimal, bevor die Entscheidung fiel, man wolle bis Dienstag über den Antrag entscheiden.

S & K verkaufte ab 2008 geschlossene Immobilienfonds. Damals brachen die Aktienkurse ein, viele Anleger setzten daher auf Immobilien. Das Produkt, so versprach S & K, sei "rentabel und sicher". Man bezeichnete das eigene Unternehmen als Marktführer in der Immobilienbranche und versprach bei einem "konservativen" Geschäftsmodell Renditen von "20 Prozent und über 100 Prozent trotz überschaubar geringem Risiko".

Eine gut bezahlte Heerschar von S & K-Vermittlern brachte diese windigen Versprechen unter die Leute. Man überredete Kunden auch, Lebensversicherungspolicen zu veräußern und das Geld in S & K-Projekte zu stecken. Rund 1300 Anleger kündigten so Policen im Wert von 40 Millionen Euro. Ein Teil der eingeworbenen Gelder soll an alte Anleger geflossen sein - das ist Grundlage eines Schneeballsystems, das nur solange funktioniert, wie neue Anleger gewonnen werden.

Doch mit dem Löwenanteil der Anlegergelder sollen die Beschuldigten ihr Luxusleben finanziert haben. Das merkte auch das Umfeld, es mehrten sich die Verdachtsmomente. Im Februar 2013 führten 1200 Ermittlungsbeamte gegen S & K eine bundesweite Razzia durch. Man stellte damals ein Vermögen im Wert von rund 55 Millionen Euro sicher: Sportwagen, teure Uhren, Immobilien und Goldbarren.

Der Vorsitzende Richter machte deutlich, dass er das Hauptverfahren bald starten möchte. "Wir haben holprig angefangen. Dienstag sehen wir uns wieder."