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Silicon Wadi:Ein Reifungsprozess

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise (München), Malte Conradi (San Francisco), Alexandra Föderl-Schmid (Tel Aviv) und Christoph Giesen (Peking) im Wechsel.

Israel ist bekannt für seinen Start-up-Boom, Unternehmer gründen und verkaufen schnell wieder. Doch jetzt lassen sie sich mehr Zeit.

Manche Zahlen werden so oft wiederholt, dass sie nicht mehr infrage gestellt werden. Das gilt auch für die Zahl 1000, die in fast jedem Bericht über die Start-up-Szene in Israel vorkommt - auch in dieser Kolumne wurde sie bereits zitiert. Tausend Start-ups werden angeblich jedes Jahr in Israel gegründet, ihre Gesamtzahl wird aber seit Jahren mit konstanten 6000 angegeben.

Wie geht das? Kritische Leser wollen es genauer wissen. Wie viele Start-ups werden wieder eingestellt, von anderen Konzernen aufgekauft oder wagen den Börsengang? Diese Fragen hat sich die Organisation Start-up Nation Central (SNC) in Tel Aviv ebenfalls gestellt und dazu eine aktuelle Studie präsentiert, die zwar viele Zahlen beinhaltet, aber ein differenziertes Bild über die Entwicklungen der Start-up-Szene in Israel zeichnet.

2014 wurden tatsächlich die viel zitierten tausend Start-ups gegründet, exakt 1001 Unternehmen. 221 stellten in diesem Jahr ihren Betrieb aber ein, womit 780 Neugründungen am Markt blieben. 67 Prozent sind noch immer aktiv, sechs Prozent konnten von ihren Gründern verkauft werden. Aber in den Folgejahren ging die Zahl der Start-ups, die auf den Markt kamen, auf 943 und 932 zurück. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Start-ups, die ihre Arbeit einstellten. Im Vorjahr starteten nur noch 700 Unternehmen, aber 408 wurden geschlossen, womit lediglich ein Plus von 292 Start-ups blieb.

Vom Ende des Booms kann trotzdem keine Rede sein, wenn auch die Anzahl der Deals stark zurückgegangen ist. Zwischen dem ersten Halbjahr 2015 und dem ersten Halbjahr dieses Jahres gab es einen Rückgang der Transaktionen um 17 Prozentpunkte, aber im selben Zeitraum stieg das von Investoren zur Verfügung gestellte Kapital um 33 Prozentpunkte.

Wie sind diese Zahlen zu interpretieren? Aviv Alper, der für Datenanalyse zuständige Direktor bei SNC, sieht diese Entwicklung als Zeichen für den Reifungsprozess der israelischen Start-up-Szene. Zum einen müssen schwache Unternehmen frühzeitig aufgeben. Zum anderen stellen Investoren Start-ups zu einem späteren Zeitpunkt, dafür aber mehr Kapital zur Verfügung. Sie setzen auf Unternehmen, bei denen die Chancen besser absehbar sind, dass sich ihre Projekte tatsächlich am Markt durchsetzen können.

Diese Erkenntnisse decken sich mit Studien des Israel Venture Capital Research Center (IVG) und der israelisch-amerikanischen Rechtsanwaltskanzlei ZAG S&W, die ebenfalls Beobachter des israelischen Start-up-Marktes sind. Ihren Einschätzungen zufolge begann dieser Reifungsprozess etwa vor zwei Jahren. Im Vorjahr ging der Löwenanteil der Investitionen im Ausmaß von insgesamt 5,24 Milliarden Dollar an Start-ups im reiferen Stadium.

In den vergangenen drei Jahren haben sich die Finanzierungsrunden, bei denen zwischen zehn und zwanzig Millionen Dollar eingenommen werden, verdoppelt. Wurden im ersten Halbjahr in diesem Jahr bei einer Runde durchschnittlich fünf Millionen Dollar eingenommen, konnten im Vergleichzeitraum 2015 nur zwei Millionen eingesammelt werden. In den ersten sieben Monaten 2018 haben Start-ups in Israel insgesamt 3,7 Milliarden Dollar eingenommen. Der Vorjahresrekord könnte so nach Einschätzung von Experten gebrochen werden.

Damit zeigt sich, dass die israelischen Entrepreneurs nicht mehr darauf setzen, ihr Start-up möglichst rasch zu verkaufen, sondern an einer Weiterentwicklung ihres Unternehmens interessiert sind. Im ersten Halbjahr gab es nur 43 Exits durch Börsengänge oder Aufkäufe von anderen Konzernen. Das ist der niedrigste Wert seit 2015. Bisher war ein Kennzeichen von Israels Start-up-Szene, dass eine Person möglichst rasch hintereinander möglichst viele Unternehmen gründet, verkauft oder schließt. Dass man damit scheitern kann, findet hier niemand schlimm - aufzustehen und weiterzumachen, gehört zur Mentalität von Gründern in Israel.

Deutsche Investoren gelten als risikoscheu, sie wollen einen Langfrist-Plan

Diese Risikobereitschaft ist ein Hauptgrund, warum so viele internationale Konzerne Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, Tech-Hubs oder Innovationslabore in Israel eröffnet haben. Zwischen 2014 und der Jahresmitte gab es 117 solcher Zentren, laut Angaben des israelischen Wirtschaftsministeriums gehören dazu 22 deutsche Unternehmen. Die meisten sind an Innovationen in den Bereichen Automotive und Kommunikationstechnologien interessiert. Wenn es um direkte Investitionen geht, sind deutsche Unternehmen vor allem auf Start-ups fokussiert, die sich mit Cybersecurity-Fragen und Virtual Reality beschäftigen. Volkswagen hat eine Investition in Höhe von 300 Millionen Dollar in Gett getätigt, einer App, mit der Taxis geortet und bestellt werden können. Der Chemiekonzern Altana hat vor Kurzem 136 Millionen Dollar in die digitale Druckfirma Landa digital Printing investiert.

Deutsche Unternehmen werden in Israel als "risikoscheu" beschrieben, sie hielten sich mit großen Investitionen zurück. Vielmehr sei man daran interessiert, Lösungen zur Verbesserung eigener Technologien zu finden, heißt es in offiziellen Unterlagen. Demnach müsste eigentlich deutschen Unternehmen entgegenkommen, dass in Israel der Gründungsboom, rasch Start-ups zu starten und wieder zu verkaufen, vorbei zu sein scheint. Damit waren auch Investoren gezwungen, oft vorschnell Entscheidungen zu treffen. In der israelischen Start-up-Szene nimmt man sich nun mehr Zeit, Ideen und Produkte zur Marktreife zu entwickeln. Und in Berichten über aktuelle Entwicklungen dürfte nicht mehr von tausend Neugründungen die Rede sein, sondern von 700 - eine dennoch beeindruckend hohe Zahl.