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Silicon Valley:Besser als ihr

Das Silicon Valley gilt als besonders sexistischer Arbeitsort. Das sei Quatsch, sagt Katharina Borchert, die zu den Top-Führungsleuten bei Mozilla gehört.

Zuletzt schien die Welt, die sich sonst selten in irgendetwas einig ist, geschlossen einer Meinung zu sein. Nämlich der, dass es James Damore gerade recht geschah, von seinem Arbeitgeber Google gefeuert worden zu sein. Hatte er doch geschrieben, dass Frauen sich rein biologisch weniger für Tech-Berufe eigneten. Einigkeit herrscht seitdem auch darüber, dass das Silicon Valley, in dem Google und Damore angesiedelt sind, für immer und ewig der sexistische Ort dieser Erde bleiben wird.

"Aber das ist Quatsch", sagt Katharina Borchert, die beim Valley-Konzern Mozilla den schönen Titel "Chief Innovation Officer" trägt und als solche über die zukünftige Ausrichtung der Produkte entscheidet. Sie stört, wie harsch jetzt alle über die Defizite der hier ansässigen Technologiefirmen urteilen. "Dabei können gerade Europäer in Sachen Diversität sehr viel vom Silicon Valley lernen", sagt Borchert.

Borchert kennt beide Welten, die mitteleuropäische und die nordkalifornische. Anfang 2016 zog sie von Hamburg nach Palo Alto und tauschte 300 Nieselregentage im Jahr gegen 300 Tage Sonnenschein ein. In Hamburg war sie sechs Jahre lang Geschäftsführerin von Spiegel Online gewesen, eine von ganz wenigen jungen Frauen in Führungsposition. Eine ähnliche Rolle hatte sie schon bei der WAZ-Mediengruppe innegehabt.

Borchert war also ein Berufsleben lang die einzige Frau an dem Tisch, an dem die Entscheidungen fielen. Bis sie zu Mozilla kam. Hier sind immerhin sieben von 18 Top-Führungsleuten weiblich. Nun ist Mozilla kein ganz gewöhnliches Tech-Unternehmen im Valley. Es ist als gemeinnützige Organisation entstanden, die Nutzern Softwareprodukte umsonst zur Verfügung stellt. Und jeder, der kann, darf an ihnen mitprogrammieren. So entstand ein globales Netzwerk an Entwicklern. Erst viel später kam ein kommerzieller Arm hinzu, die Mozilla Corporation. Die Prioritäten liegen also etwas anders als etwa bei Facebook.

Selbstverständlich ist Borchert klar, dass Sexismus im Valley ein ernst zu nehmendes Problem ist und Damores so genanntes Manifest ein Rückfall in düstere Zeiten war, von denen viele gehofft hatten, sie seien längst vergangen. Und auch bei Mozilla geht es nicht immer zu wie im Kinderparadies, selbst wenn Mitarbeiter im ersten Stock in ein buntes Bällebad springen können, wenn ihnen danach ist. Borchert zitiert aus Studien, denen zufolge der Code von Frauen bei Open Source-Projekten häufiger angenommen wird als der von Männern - außer, sie legen ihren Namen offen. Dann wird er abgelehnt. Weil eine Frau ihn geschrieben hat. Das gilt vermutlich auch für die Software, die für Mozilla entwickelt wird.

"Allerdings ist das Bewusstsein hier inzwischen ein ganz anderes als in Deutschland", sagt Borchert. Weil allen klar ist, wie drängend das Problem ist, setzen sich viele Firmen nichts Geringeres zum Ziel als einen echten Kulturwandel. Deshalb werden Frauen auch nicht in Kurse geschickt, in denen sie lernen, wie Männer zu sprechen, so wie es in Deutschland eine Zeit lang beliebt war. "Hier muss keine Minderheit lernen, sich wie die Mehrheit zu verhalten. Stattdessen fragt man sich: Was können wir von der Minderheit lernen?"

Dabei sei hilfreich, dass der entscheidende Satz nicht laute "wir müssten jetzt mal mehr für Frauen machen", sondern "Wir wollen mehr Geld verdienen". Kohle statt Moral also, das ist nun mal der stärkere Antreiber: Mozilla, Facebook, Google wollen so viele Menschen mit ihren Produkten erreichen wie möglich. Also auch Frauen. Das ist leichter möglich, wenn sie deren Bedürfnisse verstehen - zum Beispiel, weil weibliche Entwickler im Team sind.

Die Liebe zu ihrer Frau ist so groß, dass sie einen Roboter-Klon entwickeln lässt

Mozilla zum Beispiel hat es sich zum Ziel gesetzt, indische Dörfer mit Internetanschlüssen zu versorgen. Und schnell erkannt, dass der Anschluss alleine nicht ausreicht. Es muss Wissen mitgeliefert werden, welche Vorteile die Nutzung allen Familienmitgliedern bringt. Sonst werden die Frauen schlicht nicht rangelassen.

Diversitätsziele werden in Valley-Unternehmen vorab genau definiert und der Erfolg anschließend im Detail gemessen; gegebenenfalls werden die Maßnahmen angepasst. Das ist so, weil das Valley Daten liebt. Und weil es eben ums Geld geht, auch um das der Führungskräfte. Bei Mozilla etwa hängen die Boni davon ab, ob die vereinbarten Diversitätsziele erreicht wurden. "Diversitätsziele", wohlgemerkt.

"Menschen unterscheidet doch viel mehr voneinander als bloß das Geschlecht", sagt Borchert, "auch das ist etwas, wofür das Bewusstsein hier deutlich höher ist." Welche Schule hat jemand besucht, welches Fach hat er studiert, welche Sprachen spricht er? All das beeinflusst die Perspektive eines Menschen. 37 Prozent derjenigen, die im Valley leben, sind nicht hier geboren. So wie Borchert selbst - und sechs ihrer sieben Teamleiter. Es gibt introvertierte und extrovertierte, kreative und analytische, verspielte und strukturierte Menschen. Bei Mozilla sorgen Moderatoren dafür, dass Introvertierte in Meetings eine Chance bekommen, mitzureden.

Aber wie sorgt man dafür, dass genügend Frauen und Introvertierte und Verspielte, den Weg ins Unternehmen finden? Indem nicht allein die Sympathie des Chefs für einen Kandidaten den Ausschlag für den Zuschlag gibt. Stattdessen entscheidet hier ein Panel darüber, das genauso divers zusammengesetzt ist, wie man sich die Mitarbeiter in der Firma wünscht. So wird das bei Mozilla gehandhabt, und so wird es auch bei vielen anderen Valley-Firmen gemacht. "Langfristig wird das zum Kulturwandel führen", sagt Borchert. Bei Mozilla ist man mittendrin. Borchert ist Teil davon. Als Deutsche, die den Silicon Valley-Kollegen zeigt, wie das mit den Innovationen geht.