bedeckt München

Silicon Beach:Virtuelle Party

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise, Karoline Meta Beisel (Brüssel), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Das Kennenlernen hat sich in der Corona-Pandemie gravierend verändert. Dating-Portale stellen sich darauf ein.

Von Jürgen Schmieder

Es gibt ein paar Nachrichten, die haben auf den ersten Blick nicht das Geringste miteinander zu tun - und erklären einem bei näherer Betrachtung doch so unglaublich viel. Da sagt einem der beste Freund zum Beispiel, dass er eine Superheldin kennengelernt habe - was recht praktisch sei in diesen Tagen, wo er doch selbst übermenschliche Kräfte habe. Die zweite Meldung: Das Rote Kreuz in den USA kündigte kostenlose Antikörper-Tests für jeden an, der Blut spende.

Der rote Faden, der diese beiden Punkte miteinander verbindet: das Dating-Portal Tinder. Der Freund preist sich dort nicht nur mit Fotos seiner beneidenswerten Bauchmuskulatur und seiner Vorliebe für Abenteuerurlaube an, sondern auch mit einem positiven Antikörper-Test gegen das Coronavirus. Er fühle sich seitdem wie Superman unter Normalsterblichen, er werde häufiger mit fremden Frauen verbunden (sogenannte Matches); doch nun habe er Wonder Woman getroffen: beneidenswerte Bauchmuskulatur, Vorliebe für Abenteuerurlaube - und ein positiver Antikörper-Test. Die erste Verabredung: am kommenden Wochenende.

Dating-Apps sind deshalb so beliebt, weil sie den bisweilen unangenehmen ersten Schritt beim Kennenlernen (einen völlig Fremden anzusprechen) erleichtern, und weil sich das soziale Leben junger Menschen ohnehin in der digitalen Welt abspielt, auf Plattformen wie Snapchat oder Tiktok zum Beispiel. Das Ziel von Dating-Plattformen wie Tinder, Hinge, Happn oder Bumble war es dann aber doch, dass sich Leute irgendwann auch mal im wirklichen Leben treffen. "Die Pandemie hat die Grenze zwischen digitalem und physischem Leben aufgelöst - für alle Generationen", schreibt Tinder-Chef Elie Seidman in einer E-Mail: "Das Abstandhalten hat der ganzen Welt gezeigt, was die Generation Z längst wusste: eine Verbindung, die auf digitalem Wege zustande gekommen ist, ist genauso viel wert wie eine, bei der man sich persönlich trifft."

Wie laufen also digitale Verabredungen, und was wird das für die Dating-App-Branche bedeuten, die pro Jahr weltweit mehr als sieben Milliarden Dollar umsetzt, wenn bei der Lockerung der Restriktionen ein digitaler Gesundheitspass in die Apps integriert wird? Dort sollen Ärzte negative Corona-Tests der Nutzer bestätigen.

Tinder ist mit mehr als 340 Millionen Downloads der Marktführer, Ende März gab es mit gut drei Milliarden Swipes (Nutzer wischen nach rechts, wenn sie Interesse an jemandem bekunden wollen) einen neuen Rekord. "In Deutschland gibt es durchschnittlich ein Drittel mehr Unterhaltungen pro Tag, die durchschnittliche Dauer ist um 17 Prozent gestiegen", schreibt Seidman. "Der imponierendste Aspekt ist, dass viele Leute zu Beginn nicht mehr das Symbol einer winkenden Hand schicken, sondern fragen: 'Bist du okay?'"

Das führt zu einer weiteren gewaltigen Veränderung beim Verabreden. Videokonferenzen auf Plattformen wie Zoom gehören mittlerweile zum beruflichen Alltag, sie haben nun auch Einzug ins digitale Dating gehalten. "Das wird sich nicht mehr rückgängig machen lassen", sagt Philip Jonzon Jarl, Gründer des schwedischen Portals Relate, das darauf spezialisiert ist, Leute mit ähnlichen Werten zu verbinden - Verabredungen in der eigenen Filterblase also. Nun gibt es Zoom-Partys mit 100 Gästen und DJ, eine virtuelle Disco also: "Über die App verbinden sich die Nutzer dann, sie lernen drei Leute für jeweils zehn Minuten in Einzelgesprächen kennen."

Vor dem ersten Treffen gibt es die Gelegenheit, einen Blick in die Wohnung des anderen zu werfen

Das Experiment mit virtuellen Partys war derart erfolgreich, dass Relate 15-Minuten-Videochats in die App integriert hat und Portale wie Happn, The Intro oder Once nachziehen. "Ein Drittel aller Singles glaubt, dass das Abstandhalten von heute das Kennenlernen in der Zukunft dramatisch verändern wird", sagt Clémentine Lalande. Sie ist die Chefin von Once, das kürzlich nicht ohne Stolz vermeldete, dass sich zwei Leute aus Paris elf Stunden und vier Minuten lang auf der Plattform unterhalten hätten: "Sämtliche Regeln für Verabredungen werden gerade neu geschrieben."

Auch das Date des Freundes findet nicht in einem Restaurant in Los Angeles statt, sondern auf Zoom. Der bislang übliche Dreiklang (Wischen, Tippen, Telefonieren) vor einen Treffen wird erweitert. "Es wird ein Zwischenschritt eingeführt, der bleiben dürfte", sagt Relate-Gründer Jarl. Es gibt nun die Möglichkeit, das Gegenüber beim virtuellen Abendessen zu erleben, also zum Beispiel Körpersprache oder Mimik zu deuten und vielleicht auch einen Blick in die Wohnung des anderen zu werfen. Wie spannend das ist, zeigt der Twitter-Account RateMySkypeRoom, auf dem die Hintergründe von Leuten analysiert werden, die per Videokonferenz aus dem eigenen Haus als Experten auftreten. Man lernt sich vor der ersten persönlichen Begegnung also noch besser kennen.

Die Chance, dass die Verabredung des Freundes tatsächlich stattfindet, ist ziemlich hoch, die "Flake Rate" (das kurzfristige Absagen) ist bei Video-Dates auf dem Portal The Intro um 20 Prozent geringer, dafür ist die Aussicht auf ein zweites Treffen um 26 Prozent höher als bei persönlichen Treffen. Die Plattform kümmert sich auch ums adäquate Ende: Man ist ja bereits zu Hause. Es gibt deshalb auch keine Ausrede, eine nicht so prickelnde Verabredung zu beenden, also gibt es bei The Intro ein 30-Minuten-Limit beim ersten Date.

Es treffen sich Menschen aus aller Welt in virtuellen Räumen - auch deshalb, weil zum Beispiel Tinder das Feature des weltweiten Kennenlernens kostenlos zur Verfügung stellt, und das führt nun zum Grund, warum das Date der beiden Superhelden am Wochenende virtuell stattfindet: Superman lebt in Los Angeles und Wonder Woman in London.

© SZ vom 17.06.2020
Zur SZ-Startseite