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Schutzschirmverfahren:Mit dem Rücken zur Wand

Die Mitarbeiter von Galeria Karstadt Kaufhof sehen düsteren Zeiten entgegen. Viele bangen um ihren Job.

Was derzeit bei Galeria Karstadt Kaufhof passiert, lässt keinen kalt, der mal für oder mit einem der beiden fusionierten Unternehmen gearbeitet hat, und das sind zig Tausende Menschen. Wird die Warenhauskette jetzt wegen Corona zerschlagen? Ehemalige Mitarbeiter, darunter frühere Aufsichtsräte, glauben, dass die Insolvenz von langer Hand vom österreichischen Eigentümer René Benko geplant worden sei. Es habe schon lange den Plan gegeben, nur etwa 80 Filialen weiterzubetreiben, sagt einer, der mal sehr nah dran war an den heutigen Entscheidungsträgern und auch an Benko.

Galeria Kaufhof

Das Kaufhaus in Leipzig. Der Konzern will Standorte schließen. Offen ist welche.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Das klingt nach einer Verschwörungstheorie, doch der Brief, den das Management am Montag an die Belegschaft schickte, befördert solche Spekulationen. Von Stellenabbau und Filialschließungen ist in dem Schreiben die Rede und dass die 175 Warenhäuser wegen des Shutdowns mehr als eine halbe Milliarde Euro Umsatz verloren hätten, der sich insgesamt noch auf eine Milliarde erhöhen könnte.

Bis auf Sachsen sind die Geschäfte seit Montag überall wieder geöffnet. Aber es ist nicht so, dass die Kunden Karstadt Kaufhof nun überrennen. Vielmehr rechnen Sachwalter Frank Kebekus und Generalbevollmächtigter Arndt Geiwitz mit einer lang anhaltenden Kaufzurückhaltung. So steht es in dem Brief. Beide managen faktisch das Warenhaus, nachdem es Anfang April einen Schutzschirm hat über sich aufspannen lassen. Gelingt die Sanierung in Eigenverwaltung nicht, weil sich zum Beispiel die Beteiligten nicht auf einen Insolvenzplan einigen können, kann sie in einer Regelinsolvenz münden.

Globus-Warenhäuser - Rene Benko

Karstadt-Kaufhof-Eigner René Benko: Will er wirklich zeigen, dass Warenhäuser eine Chance haben? Oder worum geht es ihm?

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Die scheint ein Stück näher zu rücken. In diesem Verfahren sind Stellenabbau und Filialschließungen wesentlich einfacher möglich als "ohne Schutzschirm". Gewerkschaften bleiben weitgehend außen vor, und möglicherweise auch deshalb verdammen sie die angekündigten Maßnahmen rigoros. "Die Axt an die Personalkosten zu legen" sei ein "Armutszeugnis", wettert Verdi. Unterm Schutzschirm wird der Geldhahn einfach zugedreht, Gehälter werden aus dem Insolvenzgeld gezahlt, Betriebsrenten aus der Pensionsversorgungskasse und Abfindungen gar nicht mehr, auch nicht für Mitarbeiter, die 42 Jahre dabei waren und denen schon 90 000 Euro versprochen wurde.

Kebekus und Geiwitz wollen bis zum Wochenende einen Sanierungsplan ausgearbeitet haben. Bis Ende Juni muss er fertiggestellt und dem Amtsgericht Essen, der Gläubigerversammlung, den Sozialpartnern, den Mitarbeitern und allen anderen Beteiligten des Verfahrens vorgestellt werden. Insolvenzverwalter sagen, das Verfahren lasse auch die aus Gesellschaftersicht attraktive Variante zu, das Unternehmen so schnell zu entschulden, wie es sonst kaum möglich gewesen wäre, und das weitgehend ohne negative Presse, weil Corona angeführt werden kann. Ist das auch bei Benko so? Geiwitz beteuert, Benko habe das Schutzschirmverfahren bis zuletzt abgelehnt. Er wolle zeigen, dass Warenhäuser eine Chance haben und hätte deswegen hohe Millionensummen investiert. "Er ist der größte Geschädigte bisher in dem Prozess", sagt Geiwitz. Ob das wirklich so ist, wird man in einigen Monaten sehen.

© SZ vom 14.05.2020
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