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Schuldenkrise:Die Kredit-Lawine

Illustration: Stefan Dimitrov

In China häufen sich die Anzeichen für eine Schuldenkrise. Die Konsequenzen für Tausende deutsche Unternehmen könnten dramatisch sein. Besonders betroffen wäre die deutsche Autoindustrie.

Chinas Laobaixing, also die einfachen Leute von der Straße, machen gern Scherze über ihre staatlich gesteuerten Medien. "Glaub einfach das Gegenteil von dem, was du dort liest. Dann kennst du die Realität", sagen sie. Nun sollte man diese Weisheit zwar nicht im Wortsinne umsetzen, aber nach sieben Jahrzehnten proletarischer Diktatur haben die Menschen ein feines Gespür entwickelt für Informationen zwischen den Zeilen. Wie groß ist also das Risiko für das chinesische Finanzsystem durch die ausufernde Staatsverschuldung, wenn die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua den Finanzminister zitiert, der, frei übersetzt, behauptet, alles im Griff zu haben?

Diese Frage interessiert brennend auch Tausende deutsche Unternehmen, die im Land mit einer eigenen Niederlassung oder Produktion engagiert sind oder in der Volksrepublik einen lukrativen Absatzmarkt finden. Denn eine mögliche chinesische Schuldenkrise geht sie alle etwas an: den Dax-Konzern genauso wie den mittelständischen Zulieferer. "Wenn es zu einer Finanzkrise kommt, dann trifft das vor allem die Realwirtschaft, und sie wird deutliche Schleifspuren im Mittelstandsgeschäft hinterlassen", sagt Horst Löchel, Co-Vorsitzender des Sino-German Centres an der Frankfurt School of Finance & Management und Mitglied des Aufsichtsrates des Shanghai International Banking and Finance Institutes (SIBFI).

Besonders betroffen wäre die deutsche Autoindustrie, die in China Millionen Fahrzeuge im Jahr verkauft und im Laufe der vergangenen 30 Jahre durch ihre eigene Präsenz nahezu die gesamte deutsche Zulieferindustrie in die Volksrepublik gelockt hat. Aber auch andere Zweige vom Maschinenbau bis zur Konsumgüterindustrie müssten mit herben Einbußen rechnen.

China ist Deutschlands größer Außenhandelspartner. Als Exportnation hängen hierzulande etwa 15 Millionen Arbeitsplätze an den Absatzmärkten außerhalb der Bundesrepublik, geschätzte fünf Millionen davon am Export nach China. Wie viele davon tatsächlich in Gefahr geraten würden, hinge davon ab, wie tief die chinesische Realwirtschaft stürzen würde. Zuletzt lag ihr Wachstum bei offiziell 6,2 Prozent. Das klingt nach sehr viel, ist aber dennoch für Peking gerade genug, um ausreichend Arbeitsplätze im eigenen Land zu bewahren. Schon kleine Dellen in der Konjunkturkurve machen sich sofort bemerkbar im Konsumverhalten der Chinesen und bei der Investitionsbereitschaft in- und ausländischer Unternehmen und damit auch auf dem lokalen Arbeitsmarkt.

Wie real ist also die Gefahr einer Schuldenkrise in China? Löchel warnt: "Es ist kein gutes Zeichen, dass die Unternehmensverschuldung in China seit der globalen Finanzkrise 2008 / 2009 so dramatisch angestiegen ist. Denn das bedeutet, dass das Wachstum seit Jahren im Wesentlichen durch billiges Geld angeschoben wird und zudem oft in Unternehmen geflossen ist, die nicht ausreichend profitabel arbeiten." Mangelnde Wirtschaftlichkeit belastet besonders den staatlichen Sektor. Wo nicht genügend Geld verdient wird, können alte Schulden oft nur durch neue Schulden beglichen werden.

Seit 2008 wächst die Gesamtverschuldung Chinas stärker als die Wirtschaftsleistung

Beispiel: Finanzierungsvehikel, die lokale Behörden gründen, weil ihre eigene Verschuldungsquote keine neuen Kredite zulässt. Über diese Vehikel sammeln sie frisches Kapital bei Banken und Investoren ein. Die Rhodium Group, eine Unternehmensberatung aus den USA, wertete für eine aktuelle Studie die Informationsbroschüren bei der Ausgabe von Anleihen von fast 2500 dieser Finanzierungsvehikel aus. Knapp 80 Prozent aller Einnahmen durch Anleihen, die im ersten Quartal 2019 ausgegeben wurden, benutzten die Emittenten zur Rückzahlung alter Verbindlichkeiten, und das obwohl die Anleihenausgabe der Finanzierungsvehikel zunimmt, wie es in der Analyse heißt: "Also bleibt noch weniger Geld übrig, um neue Investitionen zu finanzieren." Das bedeutet, dass es schwieriger wird, das Wachstum zu stabilisieren, und dass der Schuldenberg immer schneller wächst, ohne die Produktivität der Wirtschaft zu erhöhen: ein Dilemma. Wenn nicht mehr Geld zurückfließt, steigt das Volumen fauler Kredite, die von den Schuldnern nicht mehr bedient werden können. Die Gefahr einer platzenden Kreditblase nimmt stark zu.

Volkswirt Löchel sieht zwar noch keinen Grund zur Panik. Einerseits, weil sich der Anstieg der lokalen Schulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung des gesamten Landes noch im akzeptablen Rahmen bewege. Zum anderen, weil aus der Studie der Rhodium Group letztlich nicht klar hervorgeht, ob die Neuverschuldung nicht auch positive Wachstumseffekte durch staatliche Investitionen auslöst. Löchel beruhigt, dass diese Finanzierungsvehikel nicht ungebremst Anleihen ausgeben können, sondern selber bis zu einem gewissen Grad den Gesetzen des Marktes unterliegen. Wer schlechte Zahlen vorlegt, ist für Investoren unattraktiv. Aber Löchel sagt auch: "Wenn das Schuldenwachstum der Finanzierungsvehikel so ungebremst weitergeht, könnte das auf Dauer zum Problem werden."

Seit 2008 wächst die Gesamtverschuldung Chinas stärker als die Wirtschaftsleistung. In den 1980er-Jahren war es umgekehrt. China baute seine Verschuldung ab. Bis zum Ausbruch der internationalen Wirtschaftskrise vor mehr als zehn Jahren verliefen Verschuldung und Wirtschaftswachstum parallel. Dann explodierte die Verschuldung. Bis 2016 stieg sie von 135 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 235 Prozent. Im vergangenen Jahr bezifferten sie Analysten bereits auf 271 Prozent. "Andere Quellen nennen einen noch stärkeren Anstieg und beziffern die Gesamtverschuldung auf beinahe das Dreifache der jährlichen Wirtschaftsleistung. Chinas Kreditboom ist offenbar kaum noch zu kontrollieren", bewertet Heribert Dieter von der Forschungsgruppe "Globale Fragen" der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin die Situation in einem Arbeitspapier von Beginn des Jahres. Eine Verlangsamung der Verschuldung scheint kurzfristig unwahrscheinlich zu sein. Kürzlich pumpte Chinas Zentralbank 430 Milliarden Yuan, etwa 55 Milliarden Euro in das Finanzsystem, um neue Kreditvergabe zu erleichtern.

Bisher ist die chinesische Volkswirtschaft noch jedem Tiefschlag ausgewichen

Ein anderes Indiz für eine drohende Schuldenkrise ist die Kapitalflucht, die China im Jahr 2015 erlebte. Die Währungsreserven von rund vier Billionen Dollar schmolzen innerhalb eines Jahres um ein Viertel. "Chinesische Investoren reduzieren Investitionen in China zugunsten von Investitionen im Ausland. Diese Trendwende kann der Vorbote einer Finanzkrise sein: Wenn Inländer ihr Kapital im Ausland in Sicherheit bringen wollen, ist zu vermuten, dass sie der eigenen Volkswirtschaft nicht mehr viel Vertrauen entgegenbringen", schreibt Dieter.

Doch tatsächlich ist die chinesische Volkswirtschaft noch jedem Tiefschlag in der Vergangenheit mit großer Flexibilität ausgewichen. Die Regierung will deshalb die explosive Verschuldung der lokalen Regierungen stärker kontrollieren. Für Volkswirt Löchel stellt jedoch ohnehin die Verschuldung der staatlichen Unternehmen das größere Problem des Landes dar. Sollten deren Kredite in großem Umfang faul werden, könnten die chinesischen Banken in Schwierigkeiten geraten.

Für das internationale Finanzsystem wäre das zwar weniger problematisch, weil die Verknüpfungen wie bereits 2008 noch immer sehr überschaubar sind. Damals hielten sich chinesische Banken schadlos, während die Institute des Westens ins Straucheln gerieten. Doch plötzlich wären die Einlagen chinesischer Sparer bedroht. Löchel glaubt, dass die Regierung entgegen allen Ankündigungen mit entsprechenden Finanzspritzen eingreifen würde, um einen Kollaps zu verhindern. "Die Menschen erwarten, dass die Regierung ihre Einlagen im Fall der Fälle rettet", sagt er.

Deutschen Unternehmen käme eine Rettungsaktion der chinesischen Regierung in einem solchen Fall sicherlich recht, weil sie damit den größten Schaden von der Realwirtschaft abwenden würde.