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Schlangen vor den Schaltern:Bulgariens Banken rutschen ins Chaos

Bulgarian banking sector in turmoil after large amount of assets

Schlange vor der First Investment Bank in Bulgariens Hauptstadt Sofia: Viele Kunden heben ihr ganzes Geld ab.

(Foto: dpa)

In Bulgarien plündern Kunden ihre Konten, der Staat muss die Filialen einer Bank dichtmachen. Die Regierung spricht von mysteriösen SMS, die Panik verbreiten. Sie wittert eine Verschwörung.

  • Bulgarien steht kurz vor einem "bank run" - dem panischen Abzug großer Summen von privaten Konten. An den Schaltern der First Investment Bank (Fibank) standen die Kunden bereits Schlange, die Filialen mussten geschlossen werden.
  • Zentralbank und Regierung wittern ein Komplott gegen die Banken des Landes.
  • Angeblich forderten SMS und Posts im Internet Bulgaren auf, Geld von ihren Konten abzuziehen.

Kunden heben mehr als 400 Millionen Euro ab

In Folge schlechter Nachrichten über die Fibank sollen Kunden innerhalb weniger Stunden umgerechnet mehr als 400 Millionen Euro abgehoben haben. In der Hauptstadt Sofia bildeten sich in einigen Bankfilialen Schlangen von bis zu 65 Kunden vor den Schaltern. Betroffen war unter anderem die Fibank. Ihre Filialen wurden aus "logistischen Gründen" am frühen Freitagnachmittag geschlossen und sollten erst am Montag wieder geöffnet werden. Bankgeschäfte im Internet und Auszahlungen an Geldautomaten seien aber weiter möglich, sagte ein Sprecher. Investoren verkauften in Scharen Bank-Aktien. Der Kurs der Fibank-Papiere brach um etwa ein Viertel ein. Vergangene Woche hatten Medienberichte über angeblich zweifelhafte Geschäfte des viertgrößten bulgarischen Geldhauses Corporate Commercial Bank (Corpbank) zu Kontoauflösungen geführt. Die Zentralbank sah sich gezwungen, die Kontrolle über die Corpbank zu übernehmen. Die Regierung des EU-Staates befürchtet einen Ansturm auf die Banken.

Auswirkungen auf deutsche Kunden

Die Fibank ist auch auf dem deutschen Markt aktiv und hat zuletzt mit vergleichsweise hohen Zinsen für Festgeld um Kunden geworben. Stiftung Warentest wies jedoch darauf hin, dass die Einlagensicherung in Bulgarien im Falle einer Pleite der Bank "vermutlich nicht in der Lage ist, alle Sparer inner­halb der vorgeschriebenen Frist von 20 Werk­tagen zu entschädigen. Der bulgarische Staat müsste dann für die Guthaben aufkommen."

Angriff auf das bulgarische Bankensystem?

Die bulgarische Regierung und die Zentralbank schlagen Alarm wegen eines mutmaßlichen Angriffs auf das Bankensystem. Sie wittern ein Komplott. "In den vergangenen Tagen hat es Versuche gegeben, den Staat durch eine organisierte Attacke auf bulgarische Banken ohne Grund zu destabilisieren", erklärte die Zentralbank des Landes am Freitag. Fibank, die drittgrößte Bank des Landes, erklärte, Opfer eines beispiellosen kriminellen Angriffs geworden zu sein.

Angeblich gezielt gestreute Gerüchte

Die Regierung rief alle staatlichen Institutionen dazu auf, die Stabilität der Finanzwirtschaft zu schützen. Es seien "böswillige Gerüchte" über die Lage von Geldhäusern in Umlauf gebracht worden. Nach Angaben von Innenminister Tswetlin Jowtschew sollte die Bevölkerung über das Internet und wahllos verschickte SMS-Nachrichten in Unruhe versetzt werden. Deshalb seien am Donnerstag Ermittlungen aufgenommen worden. "Mir wurde mitgeteilt, dass ich hierher kommen und mein Geld abheben soll", sagte eine Frau. "Ich hoffe, dass sie uns nicht die Tür vor der Nase schließen."

Regierung gerät unter Druck

Die Entwicklung weckt Erinnerungen an den Zusammenbruch des Bankensektors in Bulgarien in den 1990er-Jahren, als 14 Institute pleitegingen. Sie setzt auch die Minderheitsregierung von Ministerpräsident Plamen Orescharski zusätzlich unter Druck. Die hat bereits mit einer schwachen Konjunktur und einem Rückgang der Investitionen aus dem Ausland zu kämpfen. Wegen der anhaltenden politischen Probleme hatte die Rating-Agentur Standard & Poor's die Bonitätsnote des Landes vor kurzem herabgestuft. Die Bewertung liegt nun nur noch eine Stufe vom gefürchteten Ramsch-Status entfernt. Spitzenpolitiker haben sich auf vorgezogene Parlamentswahlen geeinigt, die am 5. Oktober stattfinden sollen. Die Opposition forderte die Regierung auf, Hilfen beim Internationalen Währungsfonds zu beantragen.