Satellitenbauer:Auf zum Mond

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Satellitenbauer: OHB will sich an dem European Large Logistics Lander beteiligen, der Ende der Zwanzigerjahre auf dem Mond landen könnte. Illustration: oh

OHB will sich an dem European Large Logistics Lander beteiligen, der Ende der Zwanzigerjahre auf dem Mond landen könnte. Illustration: oh

OHB sucht neue Erlösquellen, um vom Raumfahrtboom zu profitieren. Es geht um das Eisvorkommen im Polbereich des Erdtrabanten und um Kooperationen.

Von Dieter Sürig

OHB-Mitgründer Manfred Fuchs hatte einen Traum: Er wollte mit seiner Satellitenfirma unbedingt an einer Mission zum Mond teilnehmen. Er entwickelte im Auftrag der europäischen Raumfahrtagentur Esa sogar einen Mondlander, der es aber nur bis ins Foyer der Bremer Firma schaffte - das Projekt war zu teuer. Nach dem Tod des Gründers finanzierte OHB dann eine eigene Mondmission, die 2014 gemeinsam mit einer chinesischen Mondsonde startete.

Zehn Jahre später könnte sich der Traum des Mitgründers erfüllen. Denn das börsennotierte Unternehmen könnte demnächst bei einer Landung auf dem Mond dabei sein. Sohn Marco Fuchs sieht ein lukratives Geschäft: "Meine Erwartung ist, es wird eine dauerhafte Nutzung des Mondes geben. Da wollen wir eine zentrale Rolle haben", sagt der OHB-Chef. Dabei geht es zunächst um zwei verschiedene Missionen: Zum einen beteiligt sich das Unternehmen an dem Projekt Luvmi. Ziel ist es, das Eisvorkommen im Polbereich des Mondes zu untersuchen. Projekt zwei wäre eine kommerzielle Mission, bei der ein israelisches Konsortium zusammen mit OHB eine Mond-Frachtfähre landen könnte.

Aus dem Eis des Mondes sollen Wasserstoff und Sauerstoff gewonnen werden

Hintergrund der Luvmi-Mission sind Überlegungen, aus dem Eis des Mondes Wasserstoff und Sauerstoff zu gewinnen - auch, um daraus Treibstoff für astronautische Missionen herstellen zu können. Künftige Missionen müssten dann nicht mehr den kompletten Treibstoffbedarf mit sich führen, Starts würden damit günstiger werden oder könnten mehr Ausrüstung und Versorgungsfracht mit sich führen. Für Luvmi entwickelt OHB eine besonders wichtige Komponente der Mission: Nämlich den Bohrer, um die Konzentration der Eiskomponenten zu ermitteln. "Wir müssen damit nur zehn Zentimeter bohren", sagt OHB-Projektleiter Lutz Richter. Dabei wird der Mondboden auf 500 Grad Celsius erhitzt, um zu schauen, wie hoch der Eisgehalt ist. "Das Eis wird in Gas umgewandelt, und ein Massenspektrometer misst den Gasgehalt, ohne eine Probe bergen zu müssen". Der Prototyp ist bereits in der Vakuumkammer getestet worden. Richter hat aber auch ein Instrument, das Eis per Laser aus einem halben Meter Entfernung analysieren kann. Dabei verdampft eine Probe bei mehreren Tausend Grad Celsius. "Die Lichtemission der entstehenden Plasmawolke wird dann spektral zerlegt, was Hinweise darauf gibt, wie die Probe zusammengesetzt ist." Ein ähnliches Instrument werde bereits beim Nasa-Marsrover eingesetzt. OHB investiert mit Eigenmitteln in dieses Projekt, das in einigen Jahren auf einer robotischen Nasa-Mission mitfliegen könnte. Neben OHB sind unter anderem die belgische Firma Space Applications Services, das DLR und die TU München beteiligt.

Die deutsch-israelische Mission könnte hingegen bereits Ende 2022 zum Mond aufbrechen. OHB würde sich für diesen "Lunar Surface Access Service" um die Kunden und die Fracht kümmern, aber auch Technologie für die Landetechnik der Fähre beisteuern, sagt Richter. Diese kann 40 Kilogramm mit zum Mond nehmen, etwa wissenschaftliche Instrumente, die per Roboterarm platziert werden können und untersuchen, wie Ressourcen auf der Mondoberfläche genutzt werden können. Darüber hinaus können kleine Satelliten im Mondorbit ausgesetzt werden.

Richter glaubt nicht, dass der Absturz der israelischen Beresheet-Sonde im vergangenen Jahr potenzielle Kunden abschrecken könnte, es gebe auch bereits Interessenten. "Dass Beresheet am Ende nicht weich gelandet ist, war letztlich kein Konstruktionsfehler, sondern lag an einer unglücklichen Verkettung von vom Boden gesendeten Kommandos und dem Verhalten der Software an Bord."

Langfristig ist OHB auch an dem Esa-Projekt "European Large Logistics Lander" beteiligt. So hat OHB neben Airbus und Thales den Auftrag für eine Vorstudie bekommen und wird sich für Folgestudien bewerben. Der Start ist für 2027/28 vorgesehen, dabei soll ein Lander namens Heracles mit einer Ariane-Rakete zum Mond geschossen werden, um Nutzlasten bis zu einer Tonne zu transportieren. Dort gibt es dann nach Esa-Angaben verschiedene Anwendungsmöglichkeiten: Er kann zum Beispiel Fracht und Rover zum Mond transportieren oder auch Mondgestein sammeln und zur Erde zurückschicken. "Durch unsere Bandbreite an Mond-Aktivitäten können wir Synergie-Effekte nutzen", sagt Timo Stuffler, Direktor Geschäftsentwicklung bei OHB. Die Bremer glauben deshalb, gute Karten zu haben, um den Esa-Mond-Lander mit zu entwickeln. Auch Deutschland hat großes Interesse an dem Projekt, zumal eine deutsch-französische Mondsonde geplant ist.

Last not least kooperiert OHB seit dem Herbst 2018 mit Blue Origin. Die US-Raumfahrtfirma von Amazon-Gründer Jeff Bezos arbeitet an einer großen Mondfähre für eine Nutzlast bis zu 5000 Kilogramm. "Wir sind in regelmäßigen Gesprächen für den kommenden Cargo-Mondlander", sagt Stuffler. Details darf er nicht nennen, aber OHB-Chef Fuchs hatte bereits einmal angedeutet, dass es um Lebenserhaltungssysteme gehen könnte - ein Forschungsschwerpunkt der OHB-Gruppe.

"Die Zwanzigerjahre werden das Jahrzehnt der Demokratisierung des Weltraums sein."

Für OHB ist der Mond nur ein Ziel, mit dem das Familienunternehmen vom Boom in der Raumfahrt profitieren möchte. Experten der Bank Morgan Stanley rechnen bis 2040 mit einem Umsatz in der Branche von mehr als einer Billion Dollar. Die Bank of America Merrill Lynch sieht ebenfalls einen Billionenmarkt und hat die Branche zu einem der zehn wichtigsten Investmentthemen der 2020er-Jahre erklärt. "Die Zwanzigerjahre werden das Jahrzehnt der Demokratisierung des Weltraums mit neuen Technologien sein", prophezeit der Finanzkonzern. Zum Vergleich: Analysten der Beratungsfirma Bryce Space & Technology haben den Markt für 2018 auf 360 Milliarden Dollar beziffert. OHB erwartet, seine Gesamtleistung bis 2025 von jetzt einer Milliarde auf 1,5 Milliarden Euro zu steigern. Den Gewinn vor Steuern (Ebit) will OHB bis dahin auf 120 Millionen Euro mehr als verdoppeln.

Und was den Mond betrifft, so will OHB auch von der geplanten Raumstation Gateway im Mondorbit profitieren. So hat OHB Angebote für das europäische Esprit-Modul abgegeben. Dabei geht es um Ausrüstung für die Telekommunikation und Tank-Infrastruktur für Raumschiffe, aber auch um eine Aussichtsplattform. Letztlich könnten für die Station Teile der Ariane-Raketen genutzt werden, wie sie OHB-Tochter MT Aerospace fertigt. Inwiefern die Projekte realisiert werden, soll sich in diesem Jahr entscheiden.

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