Samstagsessay "Die spinnen, die Deutschen"

Nachfrageorientierte Ökonomen können sich nicht auf den Vater der Ordnungspolitik berufen - eine Erwiderung auf Peter Bofingers Eucken-Interpetation.

Von Lars P. Feld und Ekkehard A. Köhler

Wir befinden uns im Jahre 2016 n. Chr. Ganz Europa wird von den nachfrageorientierten Ökonomen beraten . . . Ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Germanen bewohntes Gebiet hört nicht auf, Widerstand zu leisten gegen Schuldenmachen, auf ausgeglichene Haushalte zu pochen und von Ihren Nachbarn eine Sparpolitik einzufordern. Und das Leben ist nicht leicht für die nachfrageorientierten Ökonomen, die in befestigten Lagern liegen . . ."

So könnte man, in Anlehnung an den prominenten Anfangssatz von Asterix und Obelix, die Sicht des Würzburger Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger auf die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland und Europa karikieren. Dessen Haltung ist zwar nicht neu. Vor einer Woche aber wagte sich Bofinger mit einer allzu steilen These vor, warum gerade in Deutschland die Politik "ausgeglichener Haushalte" so populär sei. Es handele sich um einen "deutschen Sonderweg", den die bundesdeutsche Wirtschaftspolitik seit ihrer Gründung im Jahr 1949 beschreite. So meint Bofinger, eine "spezifisch deutsche Philosophie der Wirtschaftspolitik" entdeckt zu haben, die man "Ordnungspolitik" nennt und die es so in anderen Ländern nicht gebe.

Offenbar ist kein Argument zu schade, wenn es um staatliche Mehrausgaben geht

Am Beginn dieses Sonderwegs sieht er den Ökonomen Walter Eucken, Gründer der Freiburger Schule der Ordnungsökonomik, und führt auf ihn so ziemlich alles zurück, was nachfrageorientierte Wirtschaftspolitiker fürchten: Regelbindung der (Geld-)Politik, solide Staatsfinanzen, niedrige Inflationsziele.

Bofinger nimmt damit eine Kampagne aus dem angelsächsischen Raum, aus Frankreich und Italien auf, die darauf abzielt, die deutsche Position in der Eurokrise zu schwächen. Deutschland solle endlich seine harte Haltung für eine Konsolidierung der Staatsfinanzen in der Eurozone und für Strukturreformen aufgeben. Man brauche expansive Fiskalpolitik in der Eurozone. Da der EU eine eigene Fiskalkapazität fehle, müsse entweder der Stabilitäts- und Wachstumspakt flexibler ausgelegt werden oder Deutschland müsse seinen Konsolidierungspfad verlassen.

Abgesehen davon, dass die deutsche Finanzpolitik zurzeit angesichts eines sinkenden strukturellen Haushaltsüberschusses expansiv ist, scheint es dieser Argumentation gleichgültig zu sein, ob eine solche Fiskalpolitik hierzulande überhaupt nennenswerte Auswirkungen in anderen Mitgliedstaaten hätte. Die Schätzung entsprechender Multiplikatoren liefert jedenfalls ernüchternde Effekte.

Offenbar ist sowieso kein Argument zu schade, wenn es um staatliche Mehrausgaben geht. Mittlerweile sind die deutschen Ökonomen dran. Sie würden die Probleme der Europäischen Währungsunion mit "eigenen Gesetzen" analysieren, verfolgten immer noch eine Wirtschaftspolitik, die auf einer völlig unzureichenden Theorie aus dem Zweiten Weltkrieg stammt, und hätten die modernen Entwicklungen der Makroökonomie verschlafen. Daher kämen die Deutschen stets zu dem Schluss, dass verlorene Wettbewerbsfähigkeit nur durch eine "interne Abwertung" wiedergewonnen werden könne. Man fühlt sich an die Weltkriegsrhetorik der britischen Presse nach Fußballspielen der deutschen Nationalmannschaft erinnert.

Diese Sicht vernachlässigt die ökonomische Logik einer Währungsunion, die seit den Beiträgen des kanadischen Nobelpreisträgers Robert Mundell zur Theorie optimaler Währungsräume hinlänglich bekannt ist. Sinkt die Nachfrage in Frankreich und steigt sie in Deutschland, kann in einer Währungsunion weder die Banque de France noch die Bundesbank mithilfe einer expansiven oder restriktiven Geldpolitik reagieren, sodass sich nicht unmittelbar und über Wechselkurseffekte das Nachfrageniveau stabilisiert. In diesem Fall müssen entweder reale Anpassungsmechanismen wirken, um das deutsch-französische Gleichgewicht wiederherzustellen, oder die Mitgliedstaaten müssen ein System von Finanztransfers vereinbaren, um asymmetrische Schocks abzufedern.

Illustration: Stefan Dimitrov

Will man keine Transferunion, dann liegt es in der Natur der Währungsunion, dass die Angebotsseite entweder durch Migration von Arbeitnehmern und Kapitalströme oder durch flexible Löhne und Preise reagieren muss. Berücksichtigt man die wesentlich geringere Arbeitsmobilität zwischen den Mitgliedstaaten der EWU im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, so ist der Schluss zwingend, dass nichts anderes übrig bleibt, als die Arbeits- und Produktmärkte zu flexibilisieren.

Seit dem Übergang von festen zu flexiblen Wechselkursen, die im Sachverständigenrat ihren Anfang nahm, und der sich anschließenden monetaristischen Revolution der Deutschen Bundesbank, wird den Deutschen vorgeworfen, die Nachfrage nicht in den Blick zu nehmen. Wolfgang Stützel, der Lehrer von Peter Bofinger, legte in der Folge dieser Diskussion seine Ratsmitgliedschaft nieder. Herbert Giersch, sein damaliger Gegenspieler im Rat, setzte sich als führender Ökonom über Jahre hinweg durch und besetzte erfolgreich die angebotsorientierte Seite. Soweit steht Bofinger in jener Tradition. Ärgerlich ist es, dass einer derjenigen, die vor Einführung der Europäischen Wirtschaftsunion (EWU) mit Unterschriftensammlungen für den Euro geworben haben, die deutsche Politik jetzt zur Transferunion überreden will, die den deutschen Steuerzahler viel Geld kosten würde.

Natürlich ehrt es Walter Eucken, dass er in seinem 125. Geburtsjahr noch immer als einflussreicher Ökonom dargestellt wird. Dass Euckens Anliegen die deutsche Position in der Eurokrise erklären könne, ist aber ideengeschichtlich nicht haltbar. Zu verschieden sind Euckens (Ordnungs-) Vorstellungen, um einen Kausalzusammenhang nachweisen zu können. Bofinger stützt er sich auf eine einzige (!) Veröffentlichung von Walter Eucken, in der dieser unter anderem die Zwangskartellisierung der Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten kritisiert. Die Behauptung, dass es für "Eucken nicht die Nazis waren, die Deutschland in die zentral geplante Kriegswirtschaft führten, sondern die Gewerkschaften", ist sachlich falsch.

Nach dem heutigen Forschungsstand widersprach Walter Eucken bereits im Sommersemester 1933 - als Antipode des Philosophen Martin Heideggers - so grundlegend nationalsozialistischen Vorstellungen, dass er im Senat der Universität Freiburg zum Sprecher der Opposition avancierte. Später engagierte sich Eucken im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und entging nach dem 20. Juli 1944 nur knapp einer Verhaftung durch die Gestapo. Jemanden, der dies getan hat, in die Nähe der Nazis zu rücken, ist unglaublich.

Drei Thesen

Was gut ist: Walter Eucken prägt noch immer die politische Debatte

Was schlecht ist: Nachfrage-Ökonomen berufen sich auf ihn

Was fehlt: Der Blick auf das Gesamtwerk des Freiburger Ökonomen

Zudem war Walter Eucken den Ideen der deutschen Keynesianer während der Weltwirtschaftskrise nicht abgeneigt. Im Lautenbach-Plan war eine expansive, Schulden finanzierte Fiskalpolitik vorgesehen. Auf der Geheimtagung der List-Gesellschaft, die diesen Plan diskutierte, begrüßte Eucken die zugrunde liegende Idee einer Kreditausweitung: "Man solle den Lautenbach-Plan doch versuchen", hielt Euckens Schüler, Leonhard Miksch, als Redakteur der Frankfurter Zeitung am Rande der Tagung in seinem Tagebuch Euckens Einlassungen fest. Eucken wollte eine Wiederholung der Weltwirtschaftskrise mit Hilfe einer automatischen Geldordnung verhindern, ähnlich sahen das die Ökonomen Hayek und Pigou. Ihnen gegenüber standen Keynes und Bagehot. Eucken war Anhänger des Say'schen Theorems, wonach sich das Angebot mittelfristig seine Nachfrage schafft, Ungleichgewichte in der Wirtschaft also nur temporär auftreten.

Diesem Lager standen seit dem 18. Jahrhundert die Anhänger der Malthus'schen Lehre gegenüber. Sie gingen von der allgemeinen Möglichkeit einer Unterproduktion aus und nahmen damit die Nachfrageseite in den Blick. Keynes gehört zu diesem zweiten Lager. Dass es die Möglichkeit der Unterproduktion gibt, heißt aber nicht, dass sie immer und überall vorherrscht.

Ist bei der BIZ in Basel etwa der Morbus Eucken ausgebrochen?

In der Gesamtbetrachtung erfasst Bofinger nicht annähernd das zentrale Anliegen Walter Euckens. Es ging ihm nicht um Schuldenvermeidung, sondern um die Regelbindung der (Wirtschafts-)Politik, wie wir sie in der modernen Makroökonomik seit langem kennen. Euckens Ausgangspunkt lag in der Beobachtung, dass die Wirtschaftsordnung der Weimarer Republik zusehends von Interessengruppen vermachtet wurde und nicht mehr den Bürgern, sondern dem Interesse Dritter diente: Rechtlich anerkannte Kartellvereinbarungen, staatlich tolerierte Banken- und Unternehmenskonzentrationen sowie monetäre Krisen und eine fallweise, unstetig ausgeführte Wirtschaftspolitik waren mit seinem freiheitlichen "Grundgedanken der Wirtschaftsverfassung" unvereinbar. Diskretionäre Politik - sei es im Finanzministerium oder in der Zentralbank - hatten maßgeblich zur Hyperinflation beigetragen.

Hier lag Eucken ganz auf der Linie von Keynes, der im "Tract on Monetary Reform" erkannte, dass die fiskalpolitische Dominanz der Geldpolitik mit ihrer Verschuldung die Inflation anfacht, sofern sie über das Produktivitätswachstum hinausgeht. Daher müsse in einem Papiergeldsystem die Politik zu einem daran orientierten, soliden Ausgabeverhalten diszipliniert werden.

Übrigens: Folgte man dem Vorwurf, deutsche Ökonomen seien auf dem ordnungspolitischen Holzweg, müsste man mit Erschrecken feststellen, dass ganz aktuell das Eucken'sche Denken sogar in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) um sich greift. Im aktuellen Jahresbericht der BIZ wurde vor einer weiteren Schuldenpolitik explizit gewarnt: "Die Weltwirtschaft kann es sich nicht leisten, noch länger auf das schuldenfinanzierte Wachstumsmodell zu setzen, das die gegenwärtige Situation herbeigeführt hat". Ist in Basel etwa der Morbus Eucken ausgebrochen?

Lars P. Feld ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg im Breisgau und Leiter des Walter Eucken Instituts, Dr. Ekkehard A. Köhler dort sein Mitarbeiter. Feld und Bofinger sind Kollegen im Sachverständigenrat. Der Beitrag von Peter Bofinger erschien vor einer Woche an dieser Stelle, im Netz unter www.sz.de/bofinger.