Russland:Stark, der Rubel

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Retail Economy Inside An X5 Retail Group NV Supermarket As Russia Nears End Of Recession

Die russische Wirtschaft erholt sich nur langsam, die Armut steigt.

(Foto: Andrey Rudakov/Bloomberg)

Die russische Regierung will die Wertsteigerung der Währung etwas bremsen. Das käme der Exportwirtschaft zugute. Der Bevölkerung allerdings geht es zunehmend schlecht.

Von Julian Hans, Moskau

In den vier Monaten, die der russische Wirtschaftsminister im Amt ist, hatte er noch nicht viel Gelegenheit, Aufsehen zu erregen. Bei seiner ersten Pressekonferenz vergangene Woche aber gab Maxim Oreschkinn den Russen einen Rat, den man von einem Regierungsmitglied früher nicht zu hören bekommen hätte: Kauft Devisen! Der Minister erklärte: "Wir erwarten in den kommenden Monaten eine deutliche Abschwächung des Rubels." Importunternehmen oder Bürger, die bald Auslandsreisen planten, sollten sich rechtzeitig mit fremder Währung versorgen. Wenn der Ölpreis unverändert bleibe, rechne sein Ministerium mittelfristig mit einem Kurs von 64 Rubel pro Dollar. Derzeit kostet ein Dollar um die 57 Rubel.

Der Aufruf ist eine von vielen Bemühungen, mit denen Regierung und Zentralbank seit Jahresbeginn versuchen, die wieder erstarkte Landeswährung zu bremsen. 2016 legte der Rubel gegenüber dem Dollar fast 22 Prozent zu. Damit stand er neben dem brasilianischen Real international an der Spitze. Die Rallye folgt auf einen heftigen Einbruch in den Vorjahren. Anfang 2014 stand der Dollar noch bei 33 Rubel, im Zuge des fallenden Ölpreises mussten ein Jahr später schon 60 Rubel bezahlt werden, Anfang 2016 gar 75 Rubel.

Die russische Wirtschaft kommt nur langsam aus der Rezession. Nach einem Rückgang von 3,7 Prozent 2015 und 0,2 Prozent 2016 rechnet die Regierung 2017 wieder mit einem Plus von zwei Prozent. Was den Rubel stärkt, ist aber Russlands wichtigstes Exportgut: das Öl. Im Januar 2016 näherte sich der Preis für das Barrel dem Tiefpunkt von 30 Dollar. Seitdem geht es stetig aufwärts - auf aktuell 56 Dollar.

Der Vorteil: Hersteller können ihre Waren im Ausland günstiger anbieten

Die Regierung hat dem Haushalt für das laufende Jahr eine Ölpreis von 40 Dollar zugrunde gelegt. Trotz der gestiegenen Armut im Land werden die Überschüsse nicht verteilt, sondern in Devisen angelegt - die Reserven waren in der Krise geschmolzen. Neben dem gestiegenen Ölpreis habe auch eine gute Geldpolitik zur Erholung der Landeswährung beigetragen, sagt Lutz Karpowitz, Russland-Experte bei der Commerzbank: "Die Notenbank hat langfristig viel Vertrauen gewonnen." Als die Währungshüter das Ziel ausgaben, die Inflation auf vier Prozent zu drücken, hätte ihr das zunächst niemand abgenommen. Nach dem Rubeleinbruch Ende 2014 hoben sie den Leitzins auf 17 Prozent an und senkten ihn dann nur zögerlich. "Seit Jahresbeginn 2015 ist die Inflation stetig zurückgegangen, bald sogar unter den Leitzins. Trotzdem hat die Notenbank sich mit Zinssenkungen Zeit gelassen", sagt Karpowitz.

Die letzte Senkung auf 9,75 Prozent Ende März hat denn auch den Rubel kaum abgewertet. Bei einem hohen Ölpreis wirkten sich andere Faktoren kaum auf die Währung aus, sagt der Devisenspezialist. Als Russlands wichtigstes Exportgut aber immer billiger wurde, hätten auch die Investoren nervös auf die internationalen Spannungen reagiert, in die sich Moskau immer tiefer verwickelte. Ende 2014 sei der Eindruck entstanden, jetzt komme alles zusammen: der Ölpreis, die Inflation, die Sanktionen. Inzwischen habe sich die Nervosität gelegt: "Eine Aufhebung der Sanktionen wäre heute nicht mehr so wirksam wie zu unsicheren Zeiten."

Die Realeinkommen der russischen Verbraucher sind in den Jahren der Krise deutlich zurückgegangen. Der russischen Akademie der Wissenschaften zufolge ist fast ein Drittel der Bewohner von Armut bedroht. Ein großer Teil des Wohlstandszuwachses, den der Ölboom Anfang der Zweitausender dem Land beschert hat, wurde eingebüßt. Immerhin steigen jetzt die Preise langsamer. Dem russischen Export hat der schwächere Rubel derweil nur bedingt genutzt. Zwar können russische Hersteller ihre Güter heute zu über einem Drittel günstiger anbieten als vor drei Jahren. Allerdings waren Russlands wichtigste Absatzmärkte - von den Rohstoffen abgesehen - andere ehemalige Sowjetrepubliken. Dort aber ging die Kaufkraft im russischen Abwärtssog in den vergangenen Jahren ebenfalls zurück.

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