Reportage Unterwegs im Sinnfeld

Menschen, sagt der Philosoph Markus Gabriel, beobachten gern Menschen, die selbst andere beobachten - er auch.

Von Thomas Fromm, Berlin

Vor einigen Jahren hat Markus Gabriel einen Bestseller mit dem Titel "Warum es die Welt nicht gibt" geschrieben. Das sollte man nicht ganz so wörtlich nehmen, denn auch der 37-jährige Philosophie-Professor aus Bonn weiß im Grunde, dass es diese Welt gibt - wo käme man schließlich hin, wenn es sie nicht gäbe? Was Gabriel eigentlich sagen will, ist, dass man sich diese Welt nicht als einen einzigen riesigen Behälter vorzustellen hat, in dem alles drin steckt vom Porsche 911 bis zum Fiat Cinquecento, von Alice Cooper bis Helene Fischer, den Mosel-Riesling und das Bruttoinlandsprodukt von Grönland nicht zu vergessen; sondern dass man sich das alles als ein riesiges Neben- und Übereinander vieler kleiner Behälter vorzustellen hat, die Gabriel "Sinnfelder" nennt.

Hotels, vor allem, wenn sie groß sind, waren schon immer mehr als nur ein Platz zum Schlafen

Wenn also der Philosoph am Vorabend des SZ-Wirtschaftsgipfels in einer Start-up-Fabrik in Berlin-Mitte, auftritt, bevor dann 400 Menschen in ein Berliner Hotel kommen, um drei Tage lang mit- und übereinander zu reden, ist das kein Zufall. Erste Frage an den Welten-Erklärer, der schon das zweite Mal mit dabei ist: Herr Gabriel, wenn schon die Existenz der Welt so schwer zu klären ist, wie ist es dann erst mit dem Hotel Adlon? Gibt es das wirklich? Der Philosoph bejaht, zum Glück, und auch große Menschenansammlungen wie diese Konferenz gebe es. Allerdings sei dieser Behälter schon ein sehr spezielles Sinnfeld: "Wir beobachten dort tagelang andere Systeme und Beobachter, die selbst gekommen sind, um zu beobachten. Und wir fühlen uns bei all dem unbeobachtet." Natürlich könne man sich fragen, sagt Gabriel, warum die Teilnehmer einer solchen Konferenz stattdessen nicht einfach in den Wald gehen und Vögel beobachten. Aber es gebe eben Sinnfelder, die sich automatisch anziehen. Deshalb also sind sie alle gerade hier: die Manager und Ökonomen, die Wissenschaftler und Politiker.

Hotels, vor allem, wenn sie groß sind und in Metropolen liegen wie Berlin, waren schon immer mehr als nur ein Platz zum Schlafen. Menschen kommen und gehen, sie treffen sich, es ergeben sich Verbindungen, die vorher keiner erwartet hat. Einige sind nur für ein paar Tage da, für andere wie die Schriftsteller Joseph Roth und Klaus Mann waren Hotels ein Zuhause. Udo Lindenberg wohnt im Hamburger Hotel Atlantic. Neben Theaterbühnen sind Hotels so etwas wie die Bühne des Lebens. Der perfekte Ort, um andere zu beobachten. Zwei Männer, die gekommen sind, um sich zu beobachten, waren Jack Cheng und Harald Krüger. Der eine ist Mitgründer des chinesischen Elektroauto-Start-ups Nio, der andere Vorstandsvorsitzender von BMW. Der eine leitet einen etablierten Konzern, der im vergangenen Jahr seinen 100. Geburtstag feierte, der andere eine Firma, von der man noch nicht weiß, ob sie jemals 100 Jahre alt werden wird. Der eine sitzt mit Anzug und Krawatte auf der Bühne, der andere trägt Jeans und Sportjacke mit Reißverschluss. Der eine verkauft zwei Millionen Autos im Jahr, der andere fängt damit im Dezember richtig an, will aber in ein paar Jahren eine halbe Million Autos bauen. Aber der Mann mit der Reißverschlussjacke sagt, dass er die Autos der Zukunft baut - elektrisch, mit Wechselbatterien. "Wir sind nicht so langweilig, wie viele denken", kontert der Mann im Anzug. Der andere sagt: "Ich habe viel Respekt für die deutschen Autohersteller. Wenn sie sich jetzt sehr schnell bewegen, werden sie es schaffen." Nachher vereinbart man, dass man sich wieder treffen will. Jemand wie Kardinal Reinhard Marx kommt hierher, um der Wirtschaftselite beim Planen der Zukunft zuzuschauen. Für einen Erzbischof ist es wichtig zu wissen, was die Gesellschaft umtreibt, und es geht bei diesem Kongress sehr oft um die Frage, wie künstliche Intelligenz und Digitalisierung gerade das Leben der Menschen verändern.

Und ein Kardinal wäre kein Kardinal, wenn er nicht mahnen würde. Marx warnt davor, dass die Freiheit auf dem Spiel steht, wenn Maschinen Menschen die Entscheidungen des Alltags abnehmen. Ein Kardinal wäre aber auch kein Kardinal, wenn er nicht auch Tröstliches zu vermelden hätte. "Ich bin kein Defätist", sagte er. "Das Leben ist schön." Feste, bei denen Menschen zusammenkämen und zusammen essen, werde es immer geben.

Digitalisierung hin oder her.

Den Optimismus hat der Kardinal gemeinsam mit Markus Gabriel. Solange der Mensch seine Macht nicht abgibt, sagt Gabriel, ist alles gut. Von alleine jedenfalls würden von Algorithmen angetriebene Maschinen nicht auf die Menschheit losgehen. "Warum sollten Maschinen etwas gegen uns unternehmen", fragt der Philosoph - während der Informatik-Professor Jürgen Schmidhuber, einer der weltweit führenden Forscher für künstliche Intelligenz, genau das erwartet. Auch er ist im Hotel Adlon und sagt, dass intelligente Maschinen in nicht allzu ferner Zeit mächtiger sein werden als der Mensch. Gabriel dagegen fragt: Warum sollten sich alle Taschenrechner und Computer dieser Welt gegen die Menschheit vereinen? "Wir unterstellen denen menschliches Verhalten. Aber Maschinen sind keine Menschen." Ein Computer spiele besser Schach, aber es fehle ihm eben das Machtbewusstsein; er gewinne, aber wisse nicht, warum das wichtig sein soll. Es gebe heute Menschen im Silicon Valley, die davon träumten, ihr Gehirn im Computer hochzuladen. "Das wäre so, als würde man sagen, das Bild von einem Schweinebraten ist ein Schweinebraten", findet Gabriel. "Das ist reine Futurologie, eine Verwirrungstaktik." Maschinen, so muss man den Philosophen Gabriel verstehen, können also nie solch ein komplexes Sinnfeld simulieren oder gar nachbilden, wie es ein großes Hotel mit all seinen unterschiedlichen Gästen jeden Tag aufs Neue bildet. Das sieht Schmidhuber nun ganz anders, der so schön wie niemand sonst von den Lernerfolgen seiner Roboter erzählen kann. Die Unterschiede ihres Denkens prägen den Kongress, so existenziell ist das Thema. Auch Nora Szech schaut sich in diesen Tagen im Sinnfeld Adlon alles ganz genau an: die Menschen, ihr Verhalten, ihre Gespräche. Die Wirtschaftsprofessorin hat zu den Diskussionen und Beobachtungen etwas Wichtiges beizusteuern, denn sie erkundet ein sehr altes Terrain: den Zusammenhang von Geld und Moral. So stellte sie ihre Probanden bei Tests vor die Wahl: Würden Sie eine Maus retten und dafür auf Geld verzichten? Manche der jungen Leute nahmen lieber das Geld und schickten die Maus in den Tod. Auffällig war: In der Gruppe waren solche Entscheidungen einfacher zu treffen als allein. "Wir waren geschockt zu sehen, was möglich ist", sagt sie. Es gehe unterm Strich um Gier, sagt Nora Szech, und deshalb hätte sie auch nichts dagegen, wenn man sie "Gierforscherin" nennen würde.

Beim Abendessen verzichtet die Gierforscherin dann auf das Filet-Stück vom Rind ("Ich bin Vegetarierin, seit ich von zu Hause ausgezogen bin") und erzählt, wie ihre Mutter früher versucht hatte, noch das eine oder andere Stück Suppenfleisch in der Suppe mitzukochen - ein leicht durchschaubarer Trick für eine Vegetarierin.

Welche Schlussfolgerungen kann man nun aus der Sache mit den Mäusen ziehen? Was bedeutet das für die Wirtschaft? "Wenn Verantwortung verwässert wird, dann wird egoistisches Verhalten gefördert", sagt sie. Also: Mehr Gremienarbeit, weniger Einzelkampf, weniger Egos an der Spitze. "Es kommt darauf an, welche Menschen ich an die Spitze lasse. Die Machiavellisten oder die Guten?"

Einer, der auch im Hotel wohnte und als Dinnerredner einen Gipfel-Abend bestritt, war David Davis, ein klassisches Sinnfeld im Gabriel'schen Sinne. Seit 2016 ist Davis Chef eines Ministeriums, das es vorher so nicht gab: Er ist Brexit-Minister. Für einen langjährigen Euro-Skeptiker der ideale Job. Davis warnte in seiner Rede die EU-Staaten davor, bei den Brexit-Verhandlungen "die Politik über den Wohlstand" zu stellen. Für einen Politiker, dessen Land aus politischen Gründen die EU verlassen will, obwohl das möglicherweise den Wohlstand vieler Menschen gefährdet, ist das eine bemerkenswerte Aussage. Dann wieder war Davis auch sehr höflich. Warum nur wollen die Briten unbedingt raus aus der EU, wenn doch alles gut ist, wird er gefragt? "Jede Regierung hat mal turbulente Zeiten", sagt er. Da viele Zuhörer an diesem Abend bei den kritischen Nachfragen mehr klatschen als bei den netten Antworten des Ministers, sah man dessen Auftritt in der Heimat wohl eher kritisch. Im Nachhinein wäre Davis vielleicht lieber in den Wald gegangen, um Vögel zu beobachten, als sich beobachten zu lassen.

So ein Hotel ist voller Menschen, das Dumme ist nur, dass man nicht auf den ersten Blick erkennt, wer gut ist, wer was will und warum. Wüsste man alles schon vorher, könnte man sich den Besuch im Hotel vermutlich sparen. Markus Gabriel, der Philosoph und Sinnfeld-Beobachter, glaubt, dass die Wirtschaft im Grunde besser sei, als man das manchmal annehmen könnte. "Auch der größte Abgasverbrecher in der Autoindustrie will doch selbst noch atmen."