Renault Frankreich lässt Ghosn fallen

Schon zwei Monate sitzt Carlos Ghosn in Japan in Haft. Nun soll wohl eine Doppelspitze den Manager bei Renault ersetzen.

Von Leo Klimm, Paris

Nur noch wenige Tage - dann ist Carlos Ghosn wohl auch den Job als Renault-Chef los. Der französische Staat, der mit 15 Prozent der Anteile der entscheidende Aktionär des Autoherstellers ist, lässt den skandalumwitterten Topmanager fallen: "Wir erreichen jetzt eine neue Etappe", so Wirtschaftsminister Bruno Le Maire im französischen Fernsehen. Da Ghosn "dauerhaft verhindert" sei, müsse Renault "zu etwas anderem übergehen". Bisher hatte Frankreich Ghosn als Renault-Chef geschützt. Der Manager ist seit zwei Monaten wegen Betrugsvorwürfen in Tokio inhaftiert; bei den japanischen Herstellern Nissan und Mitsubishi, die er ebenfalls lenkte, wurde er schon im November abberufen.

Der Renault-Verwaltungsrat soll in den nächsten Tagen zusammenkommen, um Ghosns Ablösung zu besiegeln. Womöglich ernennt er auch eine neue Doppelspitze. Als wahrscheinlichste Personallösung gilt, dass Jean-Dominique Senard, der Chef des Reifenherstellers Michelin, Ghosns Posten als Verwaltungsratsvorsitzender übernimmt, während Thierry Bolloré, Leiter des operativen Geschäfts bei Renault, diese Funktion auch als Vorstandschef ausfüllt. Damit fiele die Wahl auf zwei "Anti-Ghosns" - sind beide Männer doch, anders als ihr exzentrischer Vorgänger, als leise, zurückhaltende Manager bekannt.

Für ihren abrupten Kurswechsel macht sich Frankreichs Regierung zunutze, dass Ghosn diese Woche einen juristischen Rückschlag erlitten hat: Ein Antrag des Managers, das Gefängnis auf Kaution zu verlassen, wurde von der japanischen Justiz abgelehnt. Damit ist er tatsächlich "dauerhaft verhindert". Dem einstigen Star der Autobranche wird vorgeworfen, mindestens 40 Millionen Euro an Bezügen, die er von Nissan erhalten hat, vor der japanischen Börsenaufsicht verschwiegen zu haben. Außerdem soll er Firmengelder veruntreut haben. Bei Renault ergab eine interne Prüfung bisher keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten. Le Maire betont, dass für Ghosn die Unschuldsvermutung gelte.

Dennoch zieht der Aktionär Staat die Lehren aus der Affäre. Zum einen, indem er mit der möglichen Berufung Senards und Bollorés den Stilbruch forciert. Zum anderen, indem er darauf pocht, die Macht bei Renault nicht mehr in den Händen einer Person zu konzentrieren. Zudem bemüht sich Frankreich, die Spannungen mit den japanischen Partnern zu beheben, die Ghosns Festnahme ausgelöst hat. Die Regierung schickte diese Woche zwei Emissäre zu Nissan, um die Bedeutung des Autobündnisses zu unterstreichen. Die Allianz mit Nissan zu bewahren, habe "höchste Priorität", heißt es im Umfeld von Staatspräsident Emmanuel Macron. Auf die von den Japanern gewünschte Neujustierung der Gewichte zwischen Renault und Nissan will sich Paris allerdings nicht einlassen.

Le Maire bestätigt nicht offiziell, dass Senard den Renault-Verwaltungsrat führen soll. Trotzdem macht er klar, dass er den 65-jährigen Manager favorisiert: "Er ist ein großer Industriekapitän, ein Mann, der auch eine soziale Sicht auf ein Unternehmen hat". Als Michelin-Chef kenne er die Autoindustrie. Senards Mandat bei dem Reifenhersteller endet im Frühjahr. Als Vorteil gilt auch, dass er nicht in die Streitigkeiten zwischen Renault und Nissan verstrickt ist. Das operative Geschäft bei Renault würde mit Bolloré hingegen ein Mann führen, der aus dem Konzern kommt. Außenseiterchancen auf den Job werden aber auch Toyota-Vorstand Didier Leroy eingeräumt.