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Reden wir über Geld:"Altersarmut ist programmiert"

Gabriele Leupold hat für ihre Übersetzungen russischer Literatur zahlreiche Preise bekommen. Das passiert nicht oft in der Branche. Ein Gespräch über dürftige Honorare, mangelnde Wertschätzung - und die Auswirkungen der Corona-Krise.

Interview von Thomas Urban

Für ihre Literaturübersetzungen aus dem Russischen und Polnischen ist Gabriele Leupold, 66, mehrfach ausgezeichnet worden. In den vergangenen zwei Jahren war sie unter anderem auch Trägerin des Hieronymusrings des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer. Seit Langem setzt sich Leupold für die Verbesserung der prekären Situation vieler ihrer Berufskollegen ein.

SZ: Frau Leupold, reden wir über Geld. Hat sich die Arbeit an dem Roman "Die Baugrube" von Andrej Platonow im wörtlichen Sinne ausgezahlt? Das in der Stalin-Zeit entstandene, aber damals nicht veröffentlichte Buch zählt heute zum modernen Kanon der russischen Literatur. Es galt bislang als unübersetzbar.

Gabriele Leupold: Der Suhrkamp-Verlag hat ein vergleichsweise gutes Honorar gezahlt, überdies bekam ich ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds. Hinterher gab es auch noch einen Preis, und so ging die Rechnung für mich - was nicht kalkulierbar war - einigermaßen auf.

Was ist denn ein gutes Honorar für eine Literaturübersetzung?

Je nach Genre und Schwierigkeitsgrad 20 bis 27 Euro pro Normseite. Das sind 30 Zeilen mit bis zu 60 Anschlägen. Aber meist liegen die Sätze erheblich darunter.

Wie hoch ist der Zeitaufwand für solch ein Werk, das in der deutschen Ausgabe inklusive Ihren ausführlichen Anmerkungen 240 Seiten hat?

Ich habe monatelang mit Literatur- und Sprachwissenschaftlern korrespondiert, um die vielen Ebenen des Werks zu durchdringen. Pro Tag habe ich kaum eine Seite geschafft. Ich habe Sachbücher zur sowjetischen Geschichte konsultiert, auch meine deutsche Version habe ich immer wieder mit Kollegen und Lesern getestet - all das summiert sich leicht auf ein ganzes Jahr. Es besteht ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Qualifikation und der kreativen wie handwerklichen Leistung der meisten Literaturübersetzer einerseits und den Honoraren andererseits.

Sind die Übersetzer auch am Umsatz der Bücher beteiligt?

Als Urheber sind sie an jeder Nutzung ihrer Werke zu beteiligen, das gilt für verkaufte Buchexemplare ebenso wie für alle elektronischen Formate. Im Falle der "Baugrube" hatte ich Glück: Das Buch hat sich gut verkauft, und ich hatte eine Beteiligung ab dem ersten Exemplar.

Was gilt als Verkaufserfolg bei einem dem breiten Publikum unbekannten Autor, dessen Roman überdies von einem exotischen Thema handelt, nämlich der sowjetischen Planwirtschaft unter Stalin?

Es waren wohl rund 10 000 Exemplare. Die Umstände waren sehr günstig: Die Buchpublikation begleitete eine große öffentliche Konferenz über Platonow, und das Medienecho war sehr lebhaft.

Warum galt der Roman als unübersetzbar?

Es handelt sich um ein unmögliches Sprachgemisch: Die Revolutionäre um Lenin und Trotzki wollten für die neue sowjetische Wirklichkeit eine neue Sprache schaffen. Sie war gespickt mit Fremdwörtern, mit ökonomischen Begriffen von Marx, es gab aber auch kuriose Anleihen bei der Kanzleisprache der Zaren und sogar dem Kirchenslawischen, mit einer kräftigen Beimischung von Vulgarismen. Platonows Protagonisten beherrschen diese neue Sprache noch nicht. Sie verwenden falsche Begriffe, sodass der Effekt für den Leser oft komisch, aber auch erkenntnisfördernd ist. Der Autor, der als Bewässerungsingenieur sein Land mit allen praktischen Problemen gut kannte, schaute dem Volk aufs Maul und ließ es versteckte Kritik am Regime äußern, weshalb das Buch damals auch nicht erscheinen durfte. Es galt, diese Stilbrüche in der Übersetzung zu erhalten.

Gabriele Leupold: „Es besteht ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Leistung und den Honoraren.“

(Foto: Tobias Bohm)

Lebt man als Übersetzerin asketisch?

Wir Übersetzer haben ja einen Schutzpatron, den heiligen Hieronymus, der einst die Bibel in das vom Volk gesprochene Latein übersetzt hat. Große Maler haben ihn als Einsiedler in der Wüste dargestellt. Zu seinen Attributen gehören neben einem zahmen Löwen und der Bibel ein Totenschädel und ein Stein, mit dem er sich an die Brust schlägt, um sich zu kasteien.

Also bedeutet die jetzige Ausgangssperre wegen des Coronavirus für Ihre Berufssparte gar keinen großen Einschnitt?

Das ist sehr unterschiedlich. Manche arbeiten ja in Bürogemeinschaften, manche haben nun die Kinder den ganzen Tag zu Hause, was eine Herausforderung ist. Auch werden nun Erscheinungstermine von Büchern verschoben, Auftritte abgesagt, Stipendienaufenthalte können nicht angetreten werden. All dies bedeutet herbe Einschnitte bei den Einnahmen.

Kann man vom Übersetzen von Belletristik und Essays allein leben?

Man sollte eine stabile Gesundheit, einen gut verdienenden Partner oder ein Erbe im Rücken haben. In meinem Fall kommen Einnahmen aus Dingen hinzu, die sich aus dem Übersetzen ergeben: Auftritte, Workshops für Studierende und für Übersetzer, die Organisation von Veranstaltungen, die das Thema Übersetzen und die Übersetzer selbst auf die Bühne bringen. Für einen Großteil der Branche allerdings ist die Lage sehr prekär. Die Honorare stagnieren oder sinken sogar, und die Altersarmut ist programmiert.

Wie möchte Ihre Berufsvereinigung, der Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. (VdÜ), dies ändern?

Zuallererst eine angemessene Vergütung durchsetzen. Dafür gibt es eine juristische Grundlage, eine Novelle des Urhebervertragsrechts von 2002. Hinzu kommen zwei Urteile des Bundesgerichtshofs, die von einzelnen Übersetzern erkämpft wurden. Es handelte sich um Anpassungsklagen für konkrete Bücher, es ging um eine höhere Beteiligung am Verkaufserlös sowie an den weiteren Verwertungsrechten. 2014 hat der VdÜ, der in der Dienstleistungsgesellschaft Verdi organisiert ist, mit einer - leider kleinen - Gruppe von Verlagen eine Vergütungsregelung ausgehandelt, mit der Mindestsätze definiert wurden. Die großen Verlagskonzerne waren allerdings nicht dabei. Einen Fortschritt könnte auch die anstehende Umsetzung der EU-Richtlinie Urheberrecht in bundesdeutsches Recht ergeben, wir hoffen unter anderem auf die Stärkung von kollektiven Vertretungsmöglichkeiten. Bislang mussten ja Einzelkläger riskieren, dass sie keine Aufträge mehr von den Verlagen bekommen.

Sie stammen aus einer Familie von Heimatvertriebenen, der Vater aus Oberschlesien, die Mutter aus Ostpreußen. Die Eltern mussten in Rheinland-Pfalz von vorn anfangen. Untersuchungen zeigen, dass Kinder von Vertriebenen und Flüchtlingen von den Eltern oft energisch zu Fleiß und Disziplin in der Schule angehalten wurden, weil - so deren Einschätzung - nur durch Bildung der soziale Aufstieg zu erreichen sei.

Arbeitsdisziplin war in meiner Kindheit durchaus wichtig, es war ein protestantisches Elternhaus. Doch den sozialen Aufstieg hatte bereits mein Vater erreicht: Er war promovierter Mathematiklehrer am Gymnasium und später auch Fachleiter für die Ausbildung von Referendaren. Meine Eltern haben den Kindern etwas ganz anderes vermittelt: Da wo wir sind, ist nicht der richtige Ort, hier spielt sich nicht das eigentliche Leben ab. Das war für mich sehr prägend.

Woher rührt Ihr Interesse an russischer Literatur?

Ich war von Dostojewski fasziniert. Also schrieb ich mich als 16-jährige Gymnasiastin in den Anfängerkurs Russisch an der Mainzer Volkshochschule ein. Doch während meines Slavistik- und Germanistikstudiums in Mainz, Göttingen und Konstanz habe ich keineswegs an den Übersetzerberuf gedacht.

Nach dem Examen bekamen Sie 1981 ein Jahresstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) für die Lomonossow-Universität in Moskau. Wie war dieses Jahr?

Es war ein sehr, sehr wichtiges Jahr. Ich bin in das sowjetische Leben hineingekommen und auch in das Russische, das ich ja am Anfang wie eine tote Sprache gelernt hatte. Es gab die berühmten Küchengespräche, damals existierte ein richtiger Code aus literarischen Anspielungen und Anekdoten, eine hochvirtuose Gesprächskultur, die in dieser bleiernen Zeit das Fehlen von politischer Öffentlichkeit und Aktivität kompensierte.

Wie war das Leben in der sowjetischen Gesellschaft, in der Beziehungen und Kontakte weitaus wichtiger waren als das Geld, das man in der Tasche hatte?

In der Tat war es viel wichtiger, Zugang zu bestimmten Dingen zu haben. Es gab Devisenläden, nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für Bücher, die dem normalen Sowjetbürger verschlossen blieben, nicht aber den westdeutschen Studenten, die einen Teil ihres Stipendiums in D-Mark bekamen. Wir waren auch auf anderer Ebene privilegiert. So durften wir den sonst nur greisen Professoren vorbehaltenen Lesesaal Nr. 1 der Lenin-Bibliothek nutzen. Das bedeutete: kein Schlangestehen vor der Garderobe der anderen Lesesäle, kein tagelanges Warten auf bestellte Bücher.

Zu den Autoren, die Sie übersetzt haben, gehören Größen wie Andrej Bely und Boris Pasternak. Was bedeutet es für Sie, dass Sie in Berlin-Charlottenburg wohnen, wo diese beiden und viele andere russische Schriftsteller, darunter Marina Zwetajewa, Ilja Ehrenburg, Maxim Gorki und Vladimir Nabokov, vor fast hundert Jahren vorübergehend lebten?

Eine vertraute Umgebung! Wegen der vielen Russen sprach man damals ja scherzhaft von Charlottengrad. Wer von ihnen Devisen besaß, konnte wegen der Inflation zunächst in Berlin gut leben. Doch mit der Währungsreform von 1923 verarmten die meisten Emigranten. Auch heute leben dort wieder viele Russen und reden wieder von Charlottengrad.

Was bedeutet die Kulturvermittlung durch Übersetzen für Sie angesichts der heutigen Spannungen, Entfremdungen und der Missverständnisse zwischen Deutschen und Russen, zumindest auf der Ebene der Politik?

Wichtig ist es, die russische Zivilgesellschaft zu unterstützen, Kontakte zu halten. Übersetzer fremdsprachiger Literatur stehen derzeit in Russland nicht hoch im Kurs, weil alles Ausländische nicht geschätzt wird, sondern das Nationale angesagt ist. Manchmal werden Übersetzungsprojekte aus den deutschsprachigen Ländern finanziell gefördert, doch insgesamt geht es den russischen Kollegen noch viel, viel schlechter als uns.

© SZ vom 03.04.2020

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