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Ratingagenturen:Plötzlich zu viert

Es gab bisher nur drei große Ratingagenturen - das sei schlecht, klagte nicht nur die Politik. Nun knackt ein deutscher Anbieter das Oligopol der US-Firmen.

Fünf Jahre ist es her, dass Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) diesen Satz gesagt hat. "Wir müssen das Oligopol der Rating-Agenturen brechen." Die Euro-Krise erschütterte damals die Welt. Einige glaubten, die Rating-Agenturen aus den USA hätten das Desaster angezettelt. Den Markt beherrschten drei große Anbieter, Standard & Poor's, Moody's und Fitch. Manchen erschienen sie wie Götter, die entscheiden, wer noch einen Kredit bekommt - und wer nicht. Die bösen Amerikaner, so der Glaube, hätten sich auf die Europäer eingeschossen. Mit einem europäischen Konkurrenten wär' das nicht passiert!

Der Wunsch wird nun, fünf Jahre später, Wirklichkeit. Eine deutsche Rating-Firma knackt das Oligopol der drei großen Anbieter. Geschafft hat dies eine bisher eher in Fachkreisen bekannte Firma namens Scope. Erstmals wird sich ein Dax-Konzern von ihr seine Kreditwürdigkeit bescheinigen lassen. Das will die Rating-Agentur mit Sitz in Berlin an diesem Donnerstag bekanntgeben. Um welchen Dax-Konzern es sich handelt, teilte Scope nicht mit, aus regulatorischen Gründen. Es soll nicht bei einem Mandat bleiben. Scope stehe mit "einem halben Dutzend" weiteren Dax-Konzernen in "fortgeschrittenen Gesprächen", sagt der Chef der Ratingagentur, Torsten Hinrichs. "Ich erwarte darum, dass wir nach der Sommerpause die nächsten Mandate verkünden können."

Der Erfolg von Scope ist erstaunlich. Denn es gab schon einmal ein von der Politik favorisiertes europäisches Rating-Projekt. Doch es scheiterte vor ein paar Jahren kläglich. Die Beraterfirma Roland Berger hatte einen Masterplan für den Aufbau einer europäischen Rating-Agentur entwickelt. Die Berger-Leute übten den Doppelpass mit der Politik. Manche Rating-Regulierungspläne aus Brüssel lasen sich, als stammten sie direkt aus den Federn der Berater. Als es dann aber galt, Investoren für das Projekt zu finden, stand Berger plötzlich alleine da. Die Finanzbranche weigerte sich mitzumachen. Und der Bundesverband der Deutschen Industrie lobbyierte in Brüssel sogar gegen das Projekt.

Standard & Poor's und Moody's sollen ihre Machtstellung für deftige Preise genutzt haben

Scope ging die Sache von Anfang an völlig anders an. Das hat auch damit zu tun, dass Hinrichs mehr als zehn Jahre lang Deutschland-Chef von Standard & Poor's war. Aus dieser Zeit weiß er, was die meisten Kunden an den US-Agenturen wirklich stört - und was sie somit von den drei großen US-Anbietern weglocken könnte. Das ist nämlich nicht der von der Politik als unangemessen empfundene Einfluss auf die Finanzmärkte. Ihr Vorwurf lautet stattdessen, dass insbesondere Standard & Poor's und Moody's ihre Oligopolstellung bisweilen für eine brachiale Preispolitik missbrauchten.

Das zeigt ein Brandbrief von elf Dax-Konzernen an Standard & Poor's aus dem Jahr 2012, überschrieben mit "Dear Mr. Hinrichs". Die Unternehmen, darunter VW und Siemens, beschwerten sich damals bitterlich, dass die Preise für die Ratings mal eben verdoppelt worden seien - was Standard & Poor's damals zurückwies. Hinrichs, der Adressat des Schreibens, schied bald darauf bei der US-Agentur aus, wohl auch, weil er die von der New Yorker Zentrale verordnete Politik nicht mehr mittragen wollte. Und so kam es, dass Hinrichs 2014 bei Scope anfing - und vom Vertreter des US-Establishments zum europäischen Rating-Revoluzzer wurde.

Tatsächlich ähnelt Scope einem Start-up. Zwar gibt es die Agentur schon seit dem Jahr 2002. Lange Zeit arbeiteten die Berliner allerdings in Nischen wie der Bewertung von Spezialfonds. Erst unter Hinrichs folgt nun die Kampfansage an die US-Konkurrenten. Er warb reihenweise Analysten bei den "großen drei" ab, wie die Branche die Oligopolisten nennt. Hinrichs holte des Weiteren erfahrene Leute für den Vertrieb.

Finanziert wird der Expansionskurs unter anderem von prominenten Vertretern der Deutschland AG. BMW-Erbe Stefan Quandt gehört zu den Scope-Investoren, ebenso Manfred Gentz, der langjährige Chef der Corporate-Governance-Kommission für gute Unternehmensführung.

Ob Scope den amerikanischen Konkurrenten auf Dauer wirklich nennenswerte Marktanteile abjagen kann, bleibt abzuwarten. Hinrichs berichtet zwar von einem "großen Interesse" an seiner Agentur. Und das gebe es "nicht nur hierzulande, sondern auch bei Konzernen im europäischen Ausland". Er hofft, dass die ersten prominenten Dax-Mandate wie ein Eisbrecher wirken werden. Allerdings weiß auch Hinrichs, dass das momentane Interesse an Scope in erster Linie mit dem Verdruss über die großen US-Agenturen zu tun hat. "Viele Unternehmen wollen am Aufbau eines europäischen Anbieters auch deshalb mitwirken, weil sie sich dadurch vom Oligopol der US-Agenturen lösen können."

Auf lange Sicht wird diese Motivation aber nicht reichen. Hinrichs will deswegen auch inhaltlich anders arbeiten. Er setze darum bei der Rating-Methodik auf eine "europäisches Perspektive". Das bedeutet zum Beispiel, dass hohe Liquiditätsreserven einen tendenziell positiven Einfluss auf die Ratingnote haben. Zudem wollen sich die Berliner bei der Bewertung weniger auf quantitative Modelle verlassen, also nicht nur auf Zahlen. Stattdessen soll der subjektive Blick des Analysten ein größeres Gewicht bekommen.

Dem wichtigsten Symbol der Rating-Agenturen bleibt aber auch Scope treu. Weiterhin bewerten Buchstaben, ob ein Kreditnehmer noch vertrauenswürdig ist. Die international bekannte Bestnote AAA heißt auch bei der europäischen Rating-Agentur: AAA.

© SZ vom 11.08.2016
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