Protest gegen Braunkohle RWE - nichts gelernt?

Wyhl, Wackersdorf, Gorleben: Wenn Bürger aufbegehren, haben Konzerne keine Chance. Nun wird im Rheinland ein Forst zum Schauplatz des Protests, der RWE-Konzern will ihn für die Braunkohle roden. Und er kann den Konflikt nur verlieren.

Von Michael Bauchmüller

Die Rolle des Waldes ist in der deutschen Energiepolitik bisher selten gewürdigt worden. Dabei waren es oft Wälder, die Konzernen im Wege standen. Und Bürger, die diese Wälder verteidigten. Im badischen Wyhl, wo einst eines der ersten deutschen Atomkraftwerke entstehen sollte, stellten sich 1975 Eltern mit ihren Kindern schützend vor die Bäume. Erst kapitulierte die Polizei, später auch der Bauherr. Wyhl wurde nie gebaut. Den Taxöldener Forst in der Oberpfalz verteidigten wenige Jahre später Zigtausende gegen die Waldarbeiter. Dabei kämpften sie weniger gegen die Rodung als gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf, mit Erfolg. In Gorleben errichteten Gegner die "Freie Republik Wendland" mitten im Forst - und sorgten dafür, dass der Protest bundesweit Schlagzeilen machte. Diese sollten über drei Jahrzehnte nicht enden.

Wyhl, Wackersdorf, Gorleben - drei Orte, die deutsche Geschichte schrieben. Drei Projekte, die nie Realität wurden. Drei Schauplätze, an denen Bürger Konzerne in die Knie zwangen, weil nicht nur das Argument, sondern auch die Macht der Bilder auf ihrer Seite war. Und jetzt: der Hambacher Forst.

Bilder, wie die Polizei Eltern und Kinder einkesselt, wird der Konzern nicht ertragen können

Der Essener RWE-Konzern will im Oktober den letzten Teil dieses Waldes fällen, weil er dem benachbarten Tagebau Hambach im Weg steht. Die Proteste sind groß und sie wachsen noch. Das Unternehmen aber verweist auf rechtskräftige Genehmigungen, die auch vor Gericht Bestand hatten. So wie auch die Bauherren in Wyhl, Wackersdorf, Gorleben Genehmigungen hatten. Genutzt hat es ihnen nichts. Und wenn die RWE-Spitze sich diese Geschichten ganz nüchtern anschaut, dann wird auch sie auf die Rodungen verzichten. Sie kann nur verlieren.

Dafür sorgt schon der Zeitpunkt. Denn wenn im Hambacher Wald im Herbst die Kettensägen kreischen, soll zeitgleich in Berlin eine Kommission einen Konsens für die Kohle finden. Industrie, Gewerkschaften, Wissenschaftler und Umweltschützer wollen gemeinsam einen Fahrplan für den Kohleausstieg festlegen, der den Interessen der Beschäftigten, der Regionen und des Klimaschutzes gleichermaßen gerecht wird. Das allein wird schon schwer genug. Wird aber gleichzeitig ein Wald für die Braunkohle geopfert, wird der Konsens unmöglich. Der kohle-kritische Teil des Gremiums wird die Arbeit niederlegen. Damit aber verliert die Kommission ihre Legitimation und das ganze Unterfangen seinen Sinn.

Möglicherweise liegt dies genau im Kalkül des RWE-Konzerns: kein Konsens, kein Kohleausstieg. Das aber wäre naiv. Denn der Preis dafür wäre ein massiver Reputationsverlust, dafür werden die Bilder aus dem Hambacher Forst schon sorgen. Der Ausstieg aus der Kohle käme vielleicht später, aber mit weniger Rücksicht auf RWE. Und es wäre nicht das erste Mal, dass sich das Unternehmen verspekuliert. Die schwarz-gelbe Verlängerung der Atom-Laufzeiten war einer der größten Lobbyerfolge von RWE, gegen große gesellschaftliche Widerstände - und gefolgt vom harten Atomausstieg nach der Katastrophe von Fukushima. Auch daraus ließe sich lernen, wenn man denn wollte.

Umgekehrt lassen sich auch aus dem Ende der Atomkraft Schlüsse ziehen. Erst nach dem endgültigen Ausstieg war eine sachliche Diskussion über eine neue Endlagersuche möglich. So ähnlich könnte das mit den letzten Tagebau-Erweiterungen aussehen, wenn erst der endgültige Ausstieg aus der Kohle beschlossen ist.

Die Widerstände im Hambacher Forst konnte der Konzern bisher als das Werk von Chaoten und Hooligans abtun; und tatsächlich finden sich unter den Demonstranten Leute, die mit ihrer Bereitschaft zur Gewalt letztlich den Anliegen von Umweltschützern und Anwohnern mehr schaden als nutzen. Doch jenseits davon ist der Protest längst breiter. Er hat eine bürgerliche Mittelschicht erfasst, die den Verlust von Landschaft für eine klimazerstörende Energieerzeugung nicht länger hinnehmen will. Die Symbolkraft eines Waldes könnte kaum größer sein als jetzt, wo wegen extremer Dürre im Osten Wälder brennen, während im Westen Bäume weiterem Klimafrevel weichen sollen.

Augen zu und durch? Das wird nichts. Wenn die Sägetrupps anrücken, wird auch RWE mit friedlichen Bürgern rechnen müssen, die sich vor Bäume stellen - wie einst in Wyhl. Bilder, wie die Polizei Eltern und Kinder einkesselt oder aus dem Wald trägt, wird RWE so wenig ertragen können wie die Braunkohle-freundliche Landesregierung in Düsseldorf. Auch das lehrt die Geschichte. Es wäre klug - auch aus Sicht der Aktionäre - wenn RWE sich eine weitere Lektion ersparte.