Privatversicherer Die Renten sind nicht sicher

Illustration: Stefan Dimitrov

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Anbieter kürzen immer öfter ihre Zusagen oder sogar laufende Renten. An die hohen Vertriebskosten gehen die Versicherer dagegen nur zögernd heran. Das wird sich bald ändern.

Von Herbert Fromme, Köln

Der Betreff des zweiseitigen Briefes wirkt unauffällig. "Information zu Ihrer Rentenversicherung - Anpassung des Rentenfaktors" schreibt die Allianz Lebensversicherung. Doch der Inhalt treibt dem Kunden Frank G. aus München die Zornesröte ins Gesicht.

Man müsse den Rentenfaktor senken, schreibt die Gesellschaft. Bis dahin wusste Frank G. mit dem Wort Rentenfaktor wenig anzufangen. Das hat sich inzwischen geändert. Denn der Faktor bestimmt, wie hoch die Privatrente von Frank G. einst ausfallen wird. Pro 10 000 Euro angespartem Geld zu Beginn der Rentenauszahlung sind das künftig 38 Euro, nicht mehr 44 Euro im Monat. Wenn G. insgesamt 100 000 Euro angespart hat, bis er in Rente geht, zahlt die Allianz ihm garantiert 380 Euro im Monat. Bis Ende 2016 gingen Versicherer und Kunde noch von 440 Euro aus. Dazu kommt möglicherweise noch eine Überschussbeteiligung, die aber nicht garantiert ist und immer seltener wird.

"Meine zukünftige Privatrente wird um fast 14 Prozent gekürzt", schimpft G. "Dass so etwas überhaupt möglich ist, war mir bei Vertragsabschluss nicht klar." Schließlich hat er eine Rente mit dem wohlklingenden Titel "InvestGarantie" abgeschlossen.

Frank G. ist kein Einzelfall. Hunderttausende von Kunden der Lebensversicherer erhalten solche und ähnliche Schreiben. Meistens geht es dabei um die Absenkung künftiger Privatrentenansprüche. Die Generali geht noch einen Schritt weiter. Sie kürzt ab dem 2. Halbjahr 2017 bei 27 000 Kunden die laufenden Renten.

Verkehrte Welt: Während die große Koalition für die gesetzliche Rentenversicherung Entwarnung gibt, reduzieren die privaten Anbieter die Renten, die doch eigentlich das sinkende Niveau der gesetzlichen Rente ausgleichen sollten.

Die Lebensversicherer argumentieren mit den niedrigen Zinsen. "Die Zinsen sind in den letzten Jahren kontinuierlich gefallen und befinden sich derzeit auf einem sehr niedrigen Niveau", schreibt die Allianz an Frank G. "Diese Entwicklung müssen auch wir berücksichtigen und passen deshalb den Rentenfaktor an."

Die Versicherer tun wenig, um den Vertrieb günstiger zu machen

Die Versicherer haben natürlich recht. Die Zinsen sind deutlich niedriger, als sie erwarten konnten. Aber sie wären glaubwürdiger, wenn sie auch ihr Geschäftsgebaren anpassen würden. Immer noch tun viele Versicherer so, als ob die niedrigen Zinsen nur dann wichtig sind, wenn es um die Ansprüche der Kunden geht. Beim eigenen Vertriebsaufwand tun sie wenig.

Im vergangenen Jahr gaben die Gesellschaften sieben Milliarden Euro für Vertriebskosten aus, das meiste davon für Provisionen. Aufgebracht werden diese Mittel allein von den Kunden. Aber der Trend geht nach unten, rechtfertigt sich Alexander Erdland, Vorsitzender des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Vor einigen Jahren waren es noch 7,4 Mrd. Euro.

Kritiker bleiben dabei: Die private Lebens- und Rentenversicherung ist für die Altersvorsorge gerade angesichts niedriger Zinsen viel zu teuer. 2016 haben die Kunden 86,6 Milliarden Euro an Beiträgen gezahlt. Davon gehen acht Prozent für die Vertriebskosten drauf, stehen also nicht für die Altersversorgung zur Verfügung.

Dabei hat die große Koalition die Versicherer schon vor zwei Jahren per Gesetz aufgefordert, die Provisionen zu senken. 2015 trat das Lebensversicherungsreformgesetz in Kraft. Die Lebensversicherer drängten damals auf Veränderungen bei der Überschussbeteiligung, die ihrer Ansicht nach ausscheidende Kunden bevorzugten. Der Bundestag änderte die Regeln. Gleichzeitig führte er eine Obergrenze für Provisionszahlungen ein, die Versicherer bilanziell geltend machen und ihren Kunden berechnen können. Die Grenze zog das Parlament bei 2,5 Prozent. Die Zahl bezieht sich auf die vom Kunden über die gesamte Laufzeit des Vertrages zu zahlenden Beiträge. Schließt ein Kunde einen Vertrag mit 100 Euro Beitrag pro Monat für 30 Jahre ab, zahlt er insgesamt 36 000 Euro. Da machen die 2,5 Prozent 900 Euro aus. Doch die Grenze hindert die Versicherer nicht daran, in vielen Fällen auch mehr zu zahlen, um einen großen Vertrieb, eine Maklerkette oder eine Bank zufriedenzustellen und damit für Vertriebserfolge zu sorgen. Fünf Prozent sind dann keine Seltenheit. Dann erhält der Vermittler 1800 Euro.

Wenn Provisionen nicht ganz verboten werden, sollten sie zumindest gedeckelt werden

Viele Verbraucherschützer und Politiker sind damit unzufrieden. Wenn die Provisionen in der Lebensversicherung nicht ganz verboten werden, sollte es zumindest einen "harten" Provisionsdeckel geben, der Zahlungen von über 2,5 Prozent grundsätzlich verbietet. Der Staat fördert mit der Riester-Rente und betrieblicher Altersversorgung das Sparen für das Alter mit hohen Summen - da passe es nicht, dass Milliarden an Provisionen draufgehen.

Die Gelegenheit zur Einführung des Deckels könnte sich schon bald ergeben. Denn die Lebensversicherer brauchen erneut eine Gesetzesänderung. Sie fordern Erleichterungen bei den Regeln für die so genannte Zinszusatzreserve, mit der sie ihre Altlasten abfedern müssen. Einige Gesellschaften geraten durch die milliardenschweren Rückstellungen heftig unter Druck. Vor der Bundestagswahl wird nichts passieren, danach aber schon, signalisieren Finanzpolitiker von CDU/CSU und SPD. Einige wollen die Erleichterung mit der Einführung eines Provisionsdeckels verbinden.

Aber selbst wenn es nicht zur gesetzlichen Kappung kommt, könnte es mit den Milliardensummen für Provisionen demnächst vorbei sein. Denn im Februar tritt die neue EU-Richtlinie für die Versicherungsvermittlung auch in Deutschland in Kraft. Zwar haben sich die Befürworter eines EU-weiten Verbots der Provisionen für Lebensversicherungen nicht durchgesetzt, wie es schon in Großbritannien, den Niederlanden und den nordischen Ländern in Kraft ist. Zu stark war der gerade von Deutschland geführte Widerstand.

Doch wird die Richtlinie große Veränderungen bringen. Denn wer als Versicherer Provisionen zahlt, muss künftig dafür sorgen, dass es keine Konflikte gibt zwischen dem Einkommensinteresse des Vermittlers und dem Interesse des Kunden an bester Beratung, dass es also nicht zu Fehlanreizen durch Provisionen kommt. Durchsetzen muss das die Finanzaufsicht Bafin. Sie muss entscheiden, wie hoch eine Provision sein darf. Ab welchem Niveau kommt es zu Fehlanreizen? Es spricht vieles dafür, dass die Aufsicht die Grenze in der Lebensversicherung bei 2,5 Prozent sieht.

Viele große Vertriebe fürchten ein Begrenzung der Vermittlungsgebühr

Die Provisionsbegrenzung kommt also, ob als gesetzlicher Deckel oder als Regel, die von der Bafin durchgesetzt wird. Für viele große Vertriebe wie DVAG, Swiss Life Select oder MLP wird das ernsthafte Probleme bringen - ihr Modell funktioniert nur mit höheren Provisionssätzen.

Für Nils Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg löst eine Obergrenze von 2,5 Prozent das Problem nicht. "Jede Provision beeinflusst die Entscheidung des Vermittlers, welche Police er verkauft", sagt Nauhauser, der für ein Provisionsverbot eintritt. "Solange Makler und Vertreter Provisionen annehmen und trotzdem so tun, als wenn sie im Lager des Kunden stehen, ist das eine Irreführung."

Dem enttäuschten Kunden Frank G. hat übrigens ein Versicherungsmakler den Vertrag der Allianz verkauft. Vom Rentenfaktor und seiner möglichen Absenkung war dabei nicht die Rede.