Porzellan:Erst mit dem einenen Service war man bereit fürs Leben

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Porzellan, im Januar 1708 von Johann Friedrich Böttger in Dresden erfunden, wird aus Kaolin, Quarz und Feldspat hergestellt. Bevor es in Deutschland erfunden wurde, stritten sich Fürsten und Könige um das weiße Gold aus China, das Marco Polo Ende des 13. Jahrhunderts nach Europa gebracht hatte, und das dann so begehrt wurde wie echtes Gold. Bis ins 19. Jahrhundert blieb es den Reichen und Mächtigen vorbehalten, Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte es sich zum nötigen Bestandteil einer bürgerlichen Existenz: Erst wer ein eigenes Service mit Suppenschüsseln und Sauciere zur Hochzeit erhalten hatte, war wirklich bereit fürs Leben.

Das änderte sich nach der Wende: Chinesische Firmen begannen, in großen Mengen billige Porzellan- und Keramikprodukte nach Europa zu verschiffen. Porzellan ist teuer in der Herstellung, personal- und energieintensiv, das Überangebot und die niedrigen Preise waren zu viel für die deutschen Hersteller. Als die EU-Kommission 2012 in einem Anti-Dumpingverfahren Strafzölle gegen chinesische Porzellan- und Keramikimporte erhob, war es schon zu spät: Die meisten Manufakturen und Porzellanfabriken, darunter Arzberg, hatten da längst Insolvenz angemeldet.

Vom Porzellanland sind zwischen zehn und 2o Hersteller und 5000 "Porzelliner" geblieben, heißt es beim Verband der keramischen Industrie, von der kulturellen Bedeutung des Porzellans blieben Museen und falsch verstandene Redewendungen. "Scherben bringen Glück" zum Beispiel: Damit ist eigentlich der Scherben gemeint, also das Stück Porzellan, das zur Hochzeit verschenkt und nicht zerstört wird. Als Statussymbol ist Porzellan heute ungefähr so in Mode wie ein Schlips.

Und doch ist die große deutsche Porzellan-Krise vorbei. Es gibt zwar keine Renaissance der Branche, aber Unternehmen, die verstanden haben, wie sich mit deutschem Porzellan noch viel Geld verdienen lässt. Die wichtigste Erkenntnis dabei: Hübsche Blümchentassen reichen dafür nicht mehr - Tee schmeckt aus einer chinesischen Blümchentasse ja nicht schlechter.

130 Kilometer nordwestlich von Arzberg, in Thüringen, sitzt Holger Raithel an einem Konferenztisch mit Keksen auf Flüsterporzellan. Raithel, 45 Jahre, ist der Geschäftsführer von Kahla-Porzellan, durch das Fenster hinter ihm sieht man das Fabrikgebäude aus Backstein, hohe Schornsteine, Anfang des Jahres wurde hier ein Tatort gedreht, Porzellan als Mordwerkzeug. "Wo ist bei einem Wildblumen-Dekor der Mehrwert, den ein Made-in-Germany-Hersteller hat?", fragt Raithel.

Gesellschaft und Tischkultur hätten sich verändert, mehr Single-Haushalte, die Menschen essen seltener zusammen, in den Großstädten werde es enger. Wer brauche da noch ein 25-teiliges Porzellan-Service? Oder gar zwei: eins für den Sonntag und eins für den Alltag?

Wer mit Porzellan Geld verdienen will, muss sich eine Nische suchen

"Wer heute mit Porzellan erfolgreich sein will, muss sich abgrenzen und den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen", sagt Raithel. Den Menschen also in einer Zeit, in der man mit einem Smartphone bereit für das Leben ist, einen Grund geben, hochwertiges Porzellan zu kaufen. Als Grund nennen einem viele Hersteller: "Sie achten doch sonst auch darauf, was Sie in den Mund nehmen, oder?"

Holger Raithel sagt: "Wir sind erfolgreich, weil wir innovatives Design mit Mehrwert machen." Er zeigt auf die weiße Zuckerdose neben dem Keksteller: der Löffel verschwindet in einem Hals, den man auf- und zudrehen kann. Der Zucker bleibt trotz Löffel trocken, im Sommer kommen keine Wespen an die Dose. Dann geht Raithel zu einer Anrichte, auf der mehr Erfindungen stehen. Beschreibbares Porzellan (für Notizen und Liebesbotschaften), Kuschelporzellan (Becher mit Stoffbeschichtung), Flüsterporzellan mit "Magic Grip" (rutscht und klappert nicht; segelbootgeeignet) und natürlich der neue Coffee-to-go-Becher mit Magic Grip. Wer heute mit Porzellan Geld verdienen will, muss sich eine Nische suchen.

Das ist die eine Option. Auch Kahla, 1844 gegründet und jahrzehntelang das Zentrum der Porzellanindustrie in der DDR, war nach der Wende insolvent. Im Jahr 1994 übernahm Günther Raithel, der Vater von Holger Raithel, die Firma, er wollte modernes Porzellan verkaufen.

Zwei Jahre später stellte er ein Service ohne Kaffeekanne vor. Ein Service ohne Kaffeekanne? "Eine Revolution", sagt Raithel, fast schon ein Skandal. Aber wer bitte brauche im Alltag eine Kaffeekanne?

Kahla hat seither viele Designpreise gewonnen, der Umsatz des Unternehmens steigt von Jahr zu Jahr, 2016 waren es 23 Millionen Euro, 300 Mitarbeiter. Für ihn läuft das Geschäft gut, trotzdem sagt Raithel: "Ich finde es traurig, dass es der deutschen Porzellanindustrie nicht gelungen ist, die tollen Produkte, die wir haben, als Begehrlichkeit in die Herzen der Menschen zu bringen." Auf der Liste der Begehrlichkeiten stehe neues Geschirr erst ganz am Ende. Wenn überhaupt.

Ein Stop in Reichenbach, einem kleinen Ort in Thüringen. Hier hat die Manufaktur Reichenbach ihren Sitz, eine der letzten Porzellanmanufakturen in Deutschland. Es geht ja auch um die Frage, ob Porzellan wirklich nur noch ein Alltagsgegenstand ist - oder nicht vielleicht doch noch mehr.

Annett Geithel, die Prokuristin, führt in den Showroom, einen Raum, in dem keine normalen Teller und Tassen stehen, sondern halbseitig in Silber getauchte Becher, Teller mit gezackten Rändern und mit Blumen bemalte Platten. Es ist Kunst. Designerstücke, wo eine Tasse mit Untertasse 50 Euro kostet, Porzellan für Liebhaber.

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