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Weihnachten:Ihr Kitschkugeln kommet

Christmas Atmosphere Abundant In Berlin

Hohoho: Weihnachtsdeko, zeitlos schön.

(Foto: Getty Images)

Im Wohnzimmer dominiert heute skandinavische Nüchternheit. Zum Fest wird trotzdem die Kiste mit den violetten Metallic-Zapfen ausgepackt. Warum sich Weihnachten allen Stilfragen widersetzen darf.

Eine Familie hat hierzulande für ihre Bescherung zwei stilistische Vorbilder zur Auswahl: Buddenbrooks und Hoppenstedts. Gediegener Lichterglanz und gestriegelte Kinder mit Engelszungen in der prächtigen Eingangshalle bei der Senatorenfamilie. Oder eben Sofagemütlichkeit, kleinbürgerlicher Konsum und Katastrophen in der guten Stube bei Loriot. Gänsebraten oder Bockwurst. Andächtiges Weihnachten, "geschmückt mit Silberflittern und großen weißen Lilien", wie es Thomas Mann vorschwebte und wie er es selbst noch unter den Palmen von Pacific Palisades beging. Oder eben mit der schnöden "Weihnachtssendung im Dritten" und neuer Föhnhaube auf Mutti.

Bei den meisten Familien liegt das erzielte Ergebnis jedes Jahr wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Der festliche Anspruch ist da, aber eben auch das Sofa und eine gewisse Neigung, spätestens bei "Stirb langsam" darauf unfein zu versacken.

Die Dekoration von Ferm Living macht sich auch unter dem Jahr gut.

(Foto: Ferm Living)

Als geflügelter Volksglaube ist von Loriots berühmtem Sketch bis heute ja vor allem Opas Vorwurf übrig geblieben: "Früher war mehr Lametta!" Denn schon damals, im Jahr 1978, tönte es unheilvoll: "Diesmal ist der Baum grün und umweltfreundlich, Opa!" Ein Vorsatz, der durch die Geschenk- und Verpackungsflut und das Spielzeug-Atomkraftwerk bei den Hoppenstedts freilich gleich wieder hinfällig wurde.

Nein, für einen gänzlich grünen und umweltfreundlichen Christbaum scheint erst jetzt die Zeit reif zu sein. Am besten aus regionaler Bio-Zucht oder, wenn man die neue Wald-Sehnsucht der Deutschen ernst nehmen kann, selbst geschlagen aus eigenem Gehölz. Und schließlich, vieles in den neuen Wohnungen heute ist ja schon bemüht authentisch und massivhölzern designt, sogar bei Tchibo gibt es derzeit minimalistische Möbel, zum Beispiel den Beistelltisch "Baumscheibe", bei dem der Name das Produkt schon treffend beschreibt.

Also, wenn das ganze Wohnzimmer schon aussieht wie ein skandinavischer Stall, weiß gekalkt und naturnüchtern abgeschmeckt, wieso nicht auch endlich der heilige Baum? Wie passen Omas schrill violette Metallic-Tannenzapfen und zwei Dutzend rote Kugeln mit Schnee-Applikationen immer noch dazu? Wieso werden wir wieder tropfenförmige Lichterketten kaufen und heimlich ein paar tropfenförmige Tränen darüber vergießen, dass die fiese Apricot-Abschlussspitze unklarer Provenienz letztes Jahr endgültig zerbrochen ist?

Warum werden seit August Flohmärkte und Ebay nach Lametta mit echtem Bleikern abgesucht, das man, herrliche Vorstellung, noch wirklich bügeln könnte. Oder nach diesen winzigen, gilb-silbrigen Kugeln, an denen die Wunderkerzen vergangener Jahrzehnte und fremder Familien ihre Brandmale hinterlassen haben? Kurz: Warum wird jedes Jahr wieder diese zerfledderte Weihnachtskiste aus dem Keller gezerrt und die arme Nordmanntanne mit mehreren Breitseiten und etlichen Generationen geschmackslosen Glitzerkrams beballert?

Einfache Antwort: Weil es immer so war. Und Weihnachten nun mal vorrangig das Fest ist, an dem alles so sein soll, wie es immer war. Es herrscht an diesem Datum eben eine Jahresend-Unschärfe, eine kollektive Stilerweichung, eine flächendeckende Nostalgie-Bereitschaft. Ein paar Stunden lang stehen Agnostiker, Millennials, besorgte Bürger, Herzchensammler, Dschungelkönige, Wechselwähler und Stilapostel im süßen Kitsch vereint um die Tanne. Ist ja auch toll: Einmal im Jahr ist kein Retrofilter in der Kamera nötig, weil der Baum tatsächlich wieder aussieht wie auf den Bildern in Omas Fotoalbum. Keine Mode, kein Deko-Trend und kein unterm Jahr erwachsenes Stilbewusstsein sollen daran etwas ändern.

Wenn man sich die alten Fotos aber genauer ansieht, wird man feststellen, dass der Weihnachtsbaum in einer Wohnung der Fünfziger- bis Siebzigerjahre auch ziemlich viel optische Konkurrenz hatte: geblümte Tapeten, lebhaft furnierte Schrankwände, starkfarbige Sitzgruppen und all die gemusterten Krawatten und Kostüme - kein Wunder, dass der Baum derart überladen wurde. In einer Gegenwart aber, in der die Farbe nahezu jeder Wohnwand, jeden Sofas und jeden Teppichs zwischen Grau und Weiß wabert und Paare sich bei Ikea nur noch über die Intensität unterschiedlicher Erdfarben streiten können, wäre dezimierter Pomp als Blickfang immer noch völlig ausreichend.