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Porträt:Rebellin zwischen Regalen

Johanna Kühner plant einen als Genossenschaft organisierten Supermarkt in Berlin.

(Foto: Supercoop)

Johanna Kühner will zusammen mit Hunderten Partnerinnen und Partnern den ersten kooperativen Supermarkt Berlins aufbauen.

Von Marie Steffens

Es ist erst der Anfang: Zwei große Regale, gefüllt mit bunten Aufstrichen, Gewürzen und vielen weiteren Lebensmitteln. Alles fair produziert, biologisch und das Wichtigste: nicht so teuer wie in Bio-Märkten. "Es kann sich aktuell schließlich nicht jeder gute und nachhaltige Produkte leisten. Bio-Produkte sind im Durchschnitt 70 Prozent teurer", erzählt Johanna Kühner. Wobei: In Discountern können sie durchaus erschwinglich sein. Kühner räumt zusammen mit einer Kollegin die letzten Produkte in ein Regal. Noch steht es in einem kleinen Lager im Berliner Wedding. Bald soll es aber zu einem richtigen Supermarkt gehören. Er soll um die Ecke entstehen und ganz anders sein als andere Lebensmittelläden. Denn Kühner, 24, will helfen, die Idee des Supermarkts weiterzuentwickeln.

Gemeinsam mit den anderen plant sie, was sie den ersten genossenschaftlich geführten Supermarkt Berlins nennt, "Supercoop". Na ja, auch Edeka und Rewe nennen sich Genossenschaften, allerdings sind sie zu Konzernen geworden. Die Leitlinien des neuen Projekts kennt man schon irgendwoher: Es geht um faire Arbeitsbedingungen, Regionalität und Saisonalität. Gleichzeitig sollen die Produkte im Schnitt 20 Prozent günstiger sein als in Bio-Läden. Ein Teil der Erlöse soll in das Geschäft investiert werden. Die Leitlinien der Großen lesen sich auch nicht viel anders.

Die Unterschiede liegen im Detail: Johanna Kühner bildet zusammen mit drei anderen Frauen den Vorstand von "Supercoop". Organisiert und verwaltet wird er von einer Genossenschaft. Um dieser beizutreten, müssen Mitglieder für 100 Euro Anteile kaufen und drei Stunden im Monat im Supermarkt mithelfen. Erst dann können sie die Vorteile nutzen und dort auch selbst einkaufen. "Wir wollen nicht nur einen Supermarkt schaffen, sondern auch eine Gemeinschaft. Der Laden gehört uns allen zusammen", sagt Kühner.

Alle Mitglieder sollen die Möglichkeit haben, gute und preiswerte Lebensmittel zu kaufen. Das ist Johanna Kühner besonders wichtig. Sie hat nach dem Abitur bei der Tafel geholfen. Die Erfahrung habe sie sensibilisiert: "Ich habe verstanden, dass alle einen Zugang zu guten Lebensmitteln brauchen, damit wir nachhaltig leben können." Um herauszufinden, wie das möglich ist, studierte sie Politik und beschäftigte sich viel mit sozialem Unternehmertum: "Ich wollte einfach wissen, wie Wirtschaft mit sozialen und ökologischen Zielen zusammenpassen kann." Bei einem Vortrag erfuhr sie dann das erste Mal von der Idee eines genossenschaftlichen Supermarkts: "Ein Mitglied aus Paris hat von einem Supermarkt dort berichtet und einige andere und ich waren sofort überzeugt, dass wir das auch in Berlin brauchen." Sie begannen zu recherchieren, begeisterten andere für die Idee, einen eigenen, kooperativen Supermarkt aufzubauen. Ende 2020 gründete Kühner mit 40 Mitgliedern eine Genossenschaft. Seitdem sind viele neue Mitglieder dazugekommen.

Nicht nur die Berliner scheinen von der Idee begeistert zu sein. In New York existiert bereits seit 1973 ein ähnlicher Supermarkt, die Park Slope Food Coop, mit 17 000 Mitgliedern, in Paris seit 2016 das La Louve mit 8000 Mitgliedern. Auch in Hamburg, München und Köln sind kooperative Supermärkte geplant.

Der "Supercoop" in Berlin soll voraussichtlich im Sommer eröffnen. Dann wird sich zeigen, ob das Konzept überzeugen kann.

© SZ
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