Ordnungspolitik:Euckens Erben

Der Einfluss auf die Politik ist beschränkt. Doch der Chef des Instituts versteht es, die Ideen seiner geistigen Väter verstärkt ins Gespräch zu bringen.

Von Marc Beise, Freiburg

Die Universitätsstadt Freiburg im Breisgau hat viele Vorteile und einen Nachteil. Das sonnige Wetter, gutes Essen, die Nähe zu Frankreich, eine gebildete Bevölkerung. Das ist ganz wunderbar. Nur leider liegt das aus Sicht jener Orte, in denen die Post abgeht in Deutschland, ziemlich weit weg. Von Berlin, München, Hamburg, ja selbst aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart betrachtet, ist Freiburg wirklich hinterm Berg.

Weil politischer und wirtschaftlicher Einfluss auch in Zeiten der Digitalisierung weiterhin viel mit direkten Austausch zu tun hat, haben es die großen Wirtschaftsinstitute wie das DIW (Berlin) und das Ifo (München) einfacher als die Freiburger, ihre Botschaften an den Empfänger zu bringen. In deren Umgebung finden pausenlos Veranstaltungen statt, die Wirkung entfalten, oder die Emissäre der Institute gehen in den Ministerien ein und aus. In den Breisgau verirrt sich vielleicht mal ein Bundespräsident, ein Regierungschef oder Wirtschaftsminister, aber das ist dann gleich eine große Sache.

Kleines Institut mit großer Geschichte und wortmächtigem Direktor

Der Einfluss des Walter Eucken Instituts, das sich selbst sperrig "Kompetenzzentrum für Ordnungsökonomik" nennt, fußt auch nicht auf großartiger staatlicher Finanzierung, auf Heerscharen von Wissenschaftlern oder regelmäßigen Gutachten, sondern eher auf der Macht einer Idee, die von ein paar Dutzend Mitarbeitern mit beschränktem Budget bewacht und gepflegt wird; einer Idee von der Bedeutung einer Marktwirtschaft, die zwar Regeln hat, aber auch viel wirtschaftliche Freiheit bietet, die vor allem auf dem Prinzip des Wettbewerbs aufgebaut ist, wie das einst der Namensgeber vorgedacht hat.

Eine Idee - zumal eine, die in der heutigen Zeit eines "Wir regeln das" nicht mehr sehr in Mode steht - braucht wortgewaltige Verfechter ihrer selbst, und da immerhin kann sich das Eucken Institut derzeit nicht beklagen: Mit dem Wirtschaftsprofessor Lars Feld, 49, hat es einen Direktor, der zu formulieren weiß und keinem Disput aus dem Weg geht.

Dank der damaligen Regierungspartei FDP ist Lars Feld im Jahr 2010 einer der "fünf Weisen" geworden, also Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Er ist dort qua Herkunft und Überzeugung das ordnungspolitische Gewissen, er setzt sich also, sehr verkürzt formuliert, für einen starken, aber schlanken Staat ein. Eingriffe in die freie Preisfindung, in die Abläufe des Marktes bedürfen für Feld der ausdrücklichen Begründung. Manches muss sein, findet er, vieles aber auch nicht. Den gesetzlichen Mindestlohn beispielsweise hielt er immer für einen Fehler und tut das noch, obwohl der nun eingeführt ist. Er sieht keine großartige Investitionslücke im Land, die nun staatliche Ausgaben erfordern würde, wie sie verstärkt von anderen Kollegen und erst recht in der Politik gefordert werden, und natürlich sieht er die Hilfspakete für Griechenland kritisch, die der ursprünglichen Idee der Euro-Union widersprechen, dass jeder für seine Schulden selbst verantwortlich ist.

Feld legt aber Wert darauf, dass die Wirtschaftswissenschaften heute nicht eine L'art pour l'art sind, also nur Spielregeln auf dem Reißbrett. Er sieht sie als ökonomische Ratgeber, die Mechanismen der Politik beachten müssen, die Psychologie des Menschen, sogar Physik und Biologie. So frei ist der Erbe dann schon, das Modell der Alten fortzuschreiben.

© SZ vom 13.01.2016
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