NS-Vergangenheit:Das laute Schweigen der Quandts

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Der Film Das Schweigen der Quandts tut genau das, er schädigt die sonst so diskreten Geschäfte der Familie. Die ARD erlaubte sich vor sieben Wochen einen erstaunlich kritischen Film über die traditionsbewusste Familie Quandt.

Das Schweigen der Quandts erregte großes Aufsehen, nicht zuletzt, weil die ARD den Film unter fast konspirativen Umständen ins Sonntagabend-Programm geschoben hatte. Damals sahen trotzdem 1,3 Millionen Zuschauern zu. Heute wird eine Langfassung mit dreißig zusätzlichen informativen Minuten ein weiteres Mal beim NDR gezeigt.

Am 28. Oktober 1954 schreibt Harald Quandt an den Goebbels-Nachlassverwalter Leyke, dass er am Haus seines Stiefvaters interessiert sei. "Da ich dort selbst aufgewachsen bin, verbinden mich naturgemäß starke Reminiszenzen damit."

Manchen befallen bei der Erinnerung an die Familie Quandt ganz andere Reminiszenzen. Der Däne Carl-Gustaf Soerensen musste Zwangsarbeit in der "Accumulatoren-Fabrik" in Hannover-Stöcken leisten, für das die Familie Quandt unter Aufsicht der SS ein eigenes Konzentrationslager unterhielt.

Ein Facharbeiter kostete sechs Reichsmark am Tag, ein Hilfsarbeiter vier, jeweils zahlbar an die SS. Schutzanzüge, Atemschutz oder ähnlichen Luxus gab es nicht, dafür mussten Juden den gelben Stern schon tragen, ehe er reichsweit vorgeschrieben wurde.

Das kurze Leben des Playboy Harald

Auch das bringt Geld, Geld, das sich über Kapitulation und Nürnberger Prozess (in dem sich die Familie nicht verantworten musste) bis zum Aufbau eines neuen, besseren Deutschland retten ließ.

Der Film orientiert sich am kurzen Leben des Goebbels-Stiefsohns Harald Quandt, für den es nach den Worten seines Kriegskameraden Wolf Jobst Siedler "nur das Hier und Jetzt" gab, der nach dem Krieg als Playboy auffiel und als kühner Flieger. Im Film wird glaubhaft, dass er darunter litt, wie seine Halbgeschwister zuletzt auch noch dem Führer geopfert wurden.

An Goebbels und dessen Propaganda scheint er weniger gelitten zu haben, sondern beschäftigte sogar dessen designierten Nachfolger in seinem Büro. Es handelte sich dabei um jenen Werner Naumann, der in den frühen fünfziger Jahren die ohnehin rechtslastige FDP in Richtung "geläuterten Nationalsozialismus" (Spiegel) drehen wollte und deshalb 1953 vom britischen Hochkommissar verhaftet wurde. In der Tradition seiner Familie verdiente auch Harald Quandt sein Geld mit Waffenproduktion.

Der Film zeigte übrigens Wirkung: Inzwischen haben die Quandts den Historiker Joachim Scholtyseck mit der unabhängigen Erforschung der Firmengeschichte beauftragt. Mit ihrer Vergangenheit will die Familie, wie sie nicht ohne historischen Sinn für Ironie mitteilen lässt, "weiterhin offen und verantwortungsvoll umgehen".

Das Schweigen der Quandts, NDR, Donnerstag, 21 Uhr.

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