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Frank-Jürgen Weise:Mann in doppelter Mission

BA-Vorstandsvorsitzender Weise

Niemand könne eine Gesellschaft wollen, in der nur noch "graue Herren durch die Gegend laufen und langsam mit dem Auto herumfahren." Frank-Jürgen Weise

(Foto: dpa)

Frank-Jürgen Weise ist Chef der Bundesagentur für Arbeit. Gleichzeitig managt er aber auch die Flüchtlingskrise. Funktioniert das?

Eine Jahrhundertaufgabe? Oder wenigstens die größte Herausforderung seit Gründung der Bundesrepublik? Frank-Jürgen Weise, 64, kann mit beiden Superlativen nichts anfangen. "Ich hab' ja Erfahrung als Soldat", sagt der ehemalige Kompaniechef. "Das Risiko von Krieg war seit Gründung der Bundesrepublik schon um ein Vielfaches höher und gefährlicher als jetzt die Situation mit den Flüchtlingen."

"Netto nicht mal 20 Tage" ist Weise nach eigener Rechnung nicht nur Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), sondern auch des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Falls ihn der Doppeljob stresst, lässt er sich das nicht anmerken, als er am Donnerstag die neuesten Arbeitsmarktzahlen präsentiert. Gewohnt unaufgeregt, aber wohlwissend, dass alle Welt sich mehr noch für seine ersten Erfahrungen im Zweitjob als oberster Manager in der Flüchtlingskrise interessiert.

Wer in diesen Tagen mit Mitarbeitern Weises spricht, hört Bewunderung über den Chef, der neuerdings "terminlich noch viel brutaler getaktet" sei als früher schon. Und trotzdem nicht den Überblick verliere oder in Hektik verfalle. Weise verlässt sich auf die Strategien und Methoden, mit denen er binnen elf Jahren die schwer- und skandalanfällige Bürokratenburg Bundesanstalt für Arbeit zum weitgehend effizienten und affärenfreien Dienstleister umgekrempelt hat: Lage analysieren, Probleme definieren und die Themen dann zügig und konsequent abarbeiten.

Das Management der BA bis hinunter zu den Chefs der 156 Arbeitsagenturen sei so tragfähig, dass "nicht laufend Führungsimpulse eines Vorstandsvorsitzenden nötig seien", sagt Weise. Anders beim Bamf, wo es noch "vieler Führungsimpulse" bedürfe. Die Beschäftigten dort nimmt Weise aus, aber er hält es für ein Unding, "dass man die große Zahl von Flüchtlingen und den notwendigen Bedarf an Ressourcen daraus nicht rechtzeitig erkannt und bereitgestellt hat". Etwa 200 Mitarbeiter aus der BA hat Weise zum Bamf mitgenommen. Er hat die Unternehmensberatung McKinsey ins Haus geholt. Neuerdings unterstützt ihn als zusätzlicher Stellvertreter im Bamf Georg Thiel, eigentlich Vizechef im Statistischen Bundesamt und Ex-Präsident des Technischen Hilfswerkes (THW).

Der kenne sich besonders gut damit aus, Prozessabläufe besser zu machen, sagt Weise. Zudem hat er einen von BA und Bamf paritätisch besetzten Arbeitsstab eingerichtet mit Arbeitskreisen für Sprache, IT, Transparenz, Personal und Prozessabläufe. Manches, was Weise dort erfährt, entsetzt ihn. Etwa "dass Bundesbehörden gleiche Daten erheben, mit Fingerabdrücken, Lichtbild und Befragungen und sie nicht gegenseitig weiterreichen dürfen."

Langsam gewinne man, was die Flüchtlinge angehe, einen Überblick, sagt Weise und verspricht bis Dezember "wesentliche Besserung" beim "Abbau dieses verheerenden Rückstandes" von Asyl-Antragstellern, die oftmals Monate auf ihre erste Anhörung warten müssten. Parallel sei man dabei ein System zu schaffen, damit diejenigen, "die neu kommen, direkt bearbeitet werden". Wie viele das noch sein werden, mag Frank-Jürgen Weise nicht vorhersagen. Manches brauche eben seine Zeit.

Was andere für historisch halten, ist für Weise vor allem eine Chance. Seine Rechnung sieht so aus: Von voraussichtlich 800 000 Flüchtlingen werde knapp die Hälfte bleiben dürfen. 70 Prozent dieser Menschen seien jung, erwerbsfähig und somit "in ihrer Vielfalt eine gute Bereicherung unserer Arbeitswelt und der Gesellschaft". Schließlich, sagt Frank-Jürgen Weise, könne doch niemand eine Gesellschaft wollen, wo nur noch "ältere graue Herren durch die Gegend laufen und langsam mit dem Auto auf der Autobahn herumfahren".