Nachtflugverbot in Frankfurt Ruhe, aber kein Frieden

Der Schlaf der Bürger kann wichtiger sein als die wirtschaftlichen Interessen von Konzernen: Das Urteil zum Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen freut Anwohner und Aktivisten. Wirtschaftsführer empören sich dagegen - und greifen zu ihrem Lieblingsargument: Der Richterspruch gefährde den Standort Deutschland. Die Lufthansa will für Ausnahmen kämpfen. Manche Flugtickets könnten nun teurer werden.

Das Urteil zum Nachtflugverbot in Frankfurt lässt Anwohner des Flughafens und Aktivisten von Bürgerinitiativen aufatmen. Wirtschaftsführer dagegen zetern. Dass Nachtflüge auf dem Flughafen zwischen 23 und 5 Uhr künftig verboten sind, wird sehr unterschiedlich bewertet. Die Reaktionen zeigen, wie hart der Kampf um einen Ausgleich zwischen kommerziellen Interessen und dem Wunsch der Bürger nach Nachtruhe geführt wird.

Klaus-Peter Siegloch, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft BDL, ist entsetzt über das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes in Leipzig , sieht den Standort Deutschland in Gefahr: "Damit verschlechtern sich die Entwicklungsmöglichkeiten in Frankfurt deutlich gegenüber den wichtigsten Konkurrenten in Europa und Nahost. In Amsterdam, Paris, London oder Dubai gibt es solche Beschränkungen nicht."

Auch die größte deutsche Fluggesellschaft Lufthansa übt deutliche Kritik: "Es besteht kein Zweifel, dass eines der größten Drehkreuze Europas im internationalen Wettbewerb zurückfallen wird", sagt Lufthansa-Chef Christoph Franz.

Die Cargo-Tochter der Lufthansa hat in Frankfurt eine eigene Frachtflotte stationiert. Einige der Flugzeuge transportierten nachts Waren nach Asien und Nordamerika. Ein Verbot kostet Lufthansa Cargo nach eigenen Angaben im Jahr 40 Millionen Euro Gewinn. Deshalb kündigt Franz an, nicht aufgeben zu wollen: Die Fluglinie werde weiter für ausgewählte nächtliche Flüge plädieren.

Die Flughafen-Gegner, die seit Jahren gegen den Lärm protestieren, empfinden angesichts des Leipziger Urteils dagegen Genugtuung. Die obersten Verwaltungsrichter hätten nun das Ergebnis des Vermittlungsverfahrens zum Flughafenausbau und das Recht auf ein Nachtflugverbot anerkannt, sagt Ingrid Kopp, die Sprecherin des Bündnisses aus mehr als 60 Bürgerinitiativen: "Etwas Anderes hätte unseren Glauben an den Rechtsstaat erschüttert." Lärmgegner demonstrieren seit Monaten immer montags im Frankfurter Flughafenterminal gegen die Lärmbelastung.

Der Flughafenbetreiber Fraport wird das Flugverbot nach eigenen Angaben akzeptieren. Die Einschränkungen müssten akzeptiert werden, so schwierig und ärgerlich das insbesondere für Frachtflüge sei, sagte Fraport-Chef Stefan Schulte. Die Grünen im Bundestag haben das Urteil gegen Nachtflüge am Frankfurter Flughafen begrüßt und mehr gesetzlichen Schutz gegen Fluglärm verlangt. Die Richter hätten klargestellt, dass der Schutz der Bevölkerung vor Gesundheitsgefahren Vorrang habe vor wirtschaftlichen Interessen der Luftfahrtbranche.

Die Auswirkungen des Urteils über Frankfurt hinaus sind vorerst unklar. Die Bundesregierung jedenfalls sieht keinen Grund für ein generelles Nachtflugverbot in Deutschland. Die bisherigen Länderregelungen nach den regionalen Gegebenheiten hätten sich bewährt, sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums. Deutschland brauche ein leistungsfähiges Verkehrssystem, zu dem auch die Flughäfen gehörten. Es gelte aber, mit Beteiligung der Bürger bestmögliche Lösungen zu finden, die Wirtschaftlichkeit und Lärmschutz vereinen. "Beides sind zwei Seiten derselben Medaille." Gesetzgeberischer Handlungsbedarf bestehe nicht, machte der Sprecher deutlich.

Das Flugverbot betrifft zwar vor allem Frachtflüge, doch auch Passagiere spüren die Auswirkungen - obwohl sich die Airlines schon im Winterflugplan auf die strikte Neuregelung eingestellt hatten. Doch dabei darf nichts dazwischenkommen: Wenn die Maschine nicht rechtzeitig vor 23 Uhr vom Boden abhebt, muss sie wieder zum Terminal zurückrollen. "Beim A380 nach Johannesburg ist das schon vorgekommen, dann stehen nachts plötzlich 500 Passagiere am Airport, die die Fluggesellschaft irgendwo unterbringen muss", sagt ein Fraport-Sprecher. Das führte schon zu überstürzten Starts, bei denen die Passagiere zwar an Bord waren, ihr Gepäck jedoch nicht: In einem Fall durften vier Reisende wegen Visa-Problemen nicht mitfliegen, ihre Koffer mussten wieder ausgeladen werden, wie die Frankfurter Rundschau berichtete.

Zwar könnten Fluglinien in bestimmten Fällen Ausnahmegenehmigungen bei der zuständigen Behörde beantragen, doch werde dort als Grund für eine Verspätung nur höhere Gewalt wie starke Winde akzeptiert, sagte der Flughafensprecher. Zudem könnte sich das Nachtflugverbot auf Urlauber auswirken: durch höhere Flugpreise, mit denen Chartergesellschaften drohen. Denn Ferienflieger haben bislang besonders im Sommer die Randzeiten genutzt, um ihre Flugzeuge voll auszulasten und zum Beispiel dreimal am Tag auf die Kanaren zu schicken. Aber wenn mit Standzeiten, der Abfertigung und der Flugzeit eine halbe Stunde morgens und abends fehlt, kann die Strecke nur noch zweimal abgeflogen werden. So stehen die Flugzeuge am Boden, statt den Airlines Geld einzubringen.