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Montags-Interview:"Wir würden keine Rüstungsmesse veranstalten"

Hannover Messe und Cemat PK

Jochen Köckler: „Im Jahr 2020 muss niemand auf eine Messe gehen, nur um die neue Version eines Produktes zu sehen.“

(Foto: Ole Spata/dpa)

Jochen Köckler, Vorstand der Deutschen Messe, über Grundprinzipien, den Sinn von Ausstellungen in der Corona-Krise und die fehlgeschlagene Bewerbung für die IAA. Und über eine Halle in Hannover, die besser leer bleiben sollte.

Von Katharina Kutsche

Geplant war ein gemeinsamer Rundgang mit Jochen Köckler über die neue Digitalmesse Twenty 2 X im März - beides abgesagt wegen der Corona-Krise. Also beantwortete der Vorstand der Deutschen Messe die Fragen am Telefon. Ganz leer aber ist das Gelände in Hannover derzeit nicht: Statt der Industriemesse wurde ein Behelfskrankenhaus aufgebaut.

SZ: Herr Köckler, Sie bespielen normalerweise eines der größten Messegelände der Welt. Das ist jetzt für längere Zeit überflüssig, oder?

Jochen Köckler: Wir haben alle unsere bisher geplanten Messen verschieben oder absagen müssen. Und wir sind fast alle im Home-Office. Das tut weh, aber zuletzt war der Schmerz noch ein bisschen größer: Wir hätten ja am 19. April die Hannover-Messe mit der Bundeskanzlerin und dem indonesischen Präsidenten eröffnet. Auch diese Messe mussten wir absagen, da sind wir als emotionale Messemacher wehmütig.

Die Ausfälle tun aber sicher nicht nur emotional weh.

Wir mussten darauf reagieren, dass die Umsätze wegbrechen. Zum ersten April sind wir mit einem Großteil der Beschäftigten in Kurzarbeit gegangen. Das war notwendig, um diese Corona-Krise, für die niemand etwas kann, etwas abzufedern. Letztlich hoffen wir darauf, dass es bald wieder losgeht.

Wenn es denn losgeht - zeigt das Coronavirus nicht, dass es auch ohne Messen geht?

Nein, im Gegenteil. 2019 hatten wir Veranstaltungen, die bei den Flächenbelegungen nah am Rekord waren, mit internationalen Besuchern in Größenordnungen, die wir so nicht kannten. Und gerade jetzt erreichen uns viele Nachrichten unserer Aussteller, dass ihnen die Messen als Wachstumsmotor schmerzlich fehlen.

Trotzdem geht der Trend zumindest bei den digitalen Themen zu Konferenz-Misch-Veranstaltungen wie die South by Southwest in Austin, Texas, die als erfolgreiches Vorbild gilt.

Natürlich muss niemand im Jahr 2020 auf eine Messe gehen, nur um die neue Version eines Produktes zu sehen. Das kann er auch auf Youtube. Wenn Besucher aber wissen möchten, wie sie ihre Produktion automatisieren und mit Big Data umgehen können, wollen sie sich das von Angesicht zu Angesicht erklären lassen. An der Zahl der Anmeldungen zur Hannover-Messe hat man gesehen, dass es nach wie vor attraktiv ist, sich wie auf einem Marktplatz eine Woche lang im Wettbewerb zu seinen Konkurrenten zu zeigen.

Bei der Digital-Leitmesse Cebit, lange eines Ihrer Aushängeschilder, hat das nicht mehr funktioniert; sie wurde 2019 beerdigt. Warum?

Wenn Sie heute auf einem modernen Traktor sitzen, dann ist das wie im Cockpit eines Flugzeugs, da geht es um Konnektivität und Wetterdaten. Führende Landwirte gehen aber nicht auf eine Cebit, sondern auf die Agritechnica. Auch auf der Hannover-Messe wollen Ingenieure die Digitalisierung erleben - dem Trend ist die Cebit zum Opfer gefallen.

Das Ende kam aber schon überraschend: Die Cebit mit neuem Konzept fand nur einmal statt. Hätte man da nicht einen längeren Atem haben müssen?

Die letzte Cebit 2019 hatte mehr Festivalcharakter und wahnsinnig viel Sympathie, aber am Ende nicht genügend Besucher und damit nicht den Zuspruch der Aussteller. Man muss auch sehen, dass auf der Hannover-Messe mittlerweile vier Hallen von Ausstellern wie Microsoft, IBM, SAP bestückt werden. Am Ende war es eine konsequente unternehmerische Entscheidung.

Wie entsteht eine gute Messe?

Im Grunde geht es darum, eine Zielgruppe zusammenzubringen. Die Aussteller investieren einen Teil ihres Marketingbudgets in solch ein Event. Und ziehen am Ende Bilanz: Überwiegt der Nutzen dieser Präsenz, ja oder nein? Nach dem Ende der Cebit haben wir eine Innovationskampagne im Haus gestartet, wir entwickeln wieder eigene Veranstaltungen. Entstanden sind zum Beispiel die Light Con, eine Messe für Leichtbau, und die Fachmesse Halal für Halal-konforme Lebensmittel, Kosmetikprodukte und Reisen. Mit den Events verdienen wir am Anfang noch wenig Geld, so etwas muss sich entwickeln.

Neu in Ihrem Portfolio wäre auch die Steam & Smoke im März zum Thema Shisha und E-Zigaretten gewesen. Allerdings fürchten Forscher, dass E-Zigaretten ähnlich gesundheitsgefährdend sind wie richtige. Ist da eine Messe in diesem Kontext angemessen?

Eine Messe bietet ja den Raum, über das Für und Wider eines Produkts oder einer Technologie kritisch zu diskutieren. Diesen Diskurs hätte es sicherlich auch bei der Steam & Smoke gegeben. Aber wir haben natürlich Grundprinzipien des Messemachens. Wir würden keine Rüstungsmesse veranstalten, und Endkunden-Pornografie machen wir auch nicht.

Sie hatten sich für die Ausrichtung der neuen Automobil-Messe IAA beworben, den Zuschlag hat aber München bekommen. Worauf führen Sie das zurück?

Wir hatten ein mutiges Konzept mit unserem neuen grünen Oberbürgermeister entwickelt, wollten nicht die Autos in der Stadt zeigen, sondern alternative Formen der Mobilität. Was am Ende den Ausschlag gegeben hat, weiß ich nicht. Aber ich fand den Prozess die ganze Zeit transparent, man hat den Bewerbern eine Chance gegeben. Wir kennen den Veranstalter VDA bestens, weil er hier seit 20 Jahren die IAA Nutzfahrzeuge macht. Da ist kein schlechtes Gefühl geblieben.

Wie grenzen Sie sich zur Konkurrenz ab? Auch Nürnberg und Frankfurt etwa haben erfolgreiche Messen.

Wir sind konkurrenzfähig bei industriellen Großmessen mit großen Exponaten, das können wir richtig gut. Daher freuen wir uns auch über viele große Gastmessen an unserem Standort. Dafür zahlen wir aber den Preis eines ziemlich langen Auf- und Abbaus. Und die Umsätze der Gastmessen laufen natürlich nicht eins zu eins in unsere Bücher. Insofern gibt es da Unterschiede, aber insgesamt hat sich die Messebranche in den letzten zehn Jahren an vielen Orten positiv entwickelt. Konkurrenz tut uns da allen gut.

Jetzt aber drohen der gesamten Branche Verluste. Können Sie schon einschätzen, wie hoch die bei Ihnen ausfallen?

Geplant hatten wir mit 330 Millionen Umsatz. Selbst wenn wir im Herbst wieder Umsatz machen können, ist unser Ergebnis nicht wie geplant im positiven einstelligen, sondern im negativen zweistelligen Millionenbereich.

Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Wir hatten zum Glück 2019 ein gutes Messejahr und bis April noch eine gute Liquidität. Aber wir zahlen die eingenommenen Gebühren für die verschobenen und abgesagten Ausstellungen zurück. Daher haben wir ab Sommer einen Finanzierungsbedarf, den wir über Kredite decken werden. Ich bin aber optimistisch, dass wir lernen, mit dieser Krise umzugehen, weil eine Fachmesse nicht vergleichbar ist mit einem Volksfest oder einem Rock-Konzert. Wir können auf unserem Gelände für die notwendige Gesundheitssicherung sorgen, damit unsere Aussteller ihren Geschäften nachgehen können. Denn in dieser Krise geht es gerade jetzt um Wirtschaftsförderung und Geschäftskontakte.

Seit Februar mussten Sie viele Events absagen, darunter die Hannover-Messe, die wichtigste Industrieschau mit rund 6000 Ausstellern: erst auf Juli verschoben, dann endgültig abgeblasen. Haben Sie die Krise am Anfang unterschätzt?

Die Industriemesse haben wir zu einem Zeitpunkt verschoben, als die Reisebeschränkungen noch nicht galten. Aber exakt drei Wochen später war klar, wie sehr die Wirtschaft getroffen ist und wie weitreichend die Reisebeschränkungen sind. Zudem hatten wir eine Unterlassungsverfügung des Gesundheitsamtes. Um nicht noch weitere Kosten zu erzeugen, haben wir die Messe abgesagt. Für beide Entscheidungen hatten wir bei den Ausstellern viel Rückendeckung.

Haben Sie sich damals über das Coronavirus gut informiert gefühlt?

Wir sind als Unternehmen an einem Messegelände in Shanghai beteiligt, wo wir dieses Jahr 30 Messen veranstalten wollten. Über die Tochtergesellschaft in China waren wir schnell informiert, welche Auswirkungen Corona haben kann. Aber da war noch nicht klar, inwieweit es zu einer Ausbreitung in Deutschland kommen kann. Uns war letztlich wichtig, dass wir frühzeitig eine Entscheidung treffen, damit wir nicht eine Messe, die halb aufgebaut ist, absagen müssen.

Und nun haben Sie ein Behelfskrankenhaus auf dem Gelände. Wie kam das zustande?

Das war ein Kraftakt von vielen Beteiligten. Der Regionspräsident von Hannover, Hauke Jagau, hat Mitte März gemeinsam mit der Medizinischen Hochschule und dem Klinikum der Region Hannover angefragt, ob es denkbar wäre, hier ein Krankenhaus zu errichten. Zum 20. April stand in Halle 19 eine funktionsfähige Infrastruktur inklusive 460 Betten mit Sauerstoffversorgung. Anders als im Messegeschäft, wo wir darauf hoffen, dass die Hallen voll sind, hoffen hier alle Beteiligten trotz des Aufwandes, dass die Halle leer bleibt.

Ist es in der Geschichte der Messe seit 1947 das erste Mal, dass das Gelände zweckentfremdet wurde?

Vor wenigen Jahren, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, haben wir auch Kapazitäten geschaffen, damit Flüchtlinge unterkommen konnten. Aber ein Krankenhaus mit einem großen Sauerstofftank und einem Kernspintomografen, das ist genauso einmalig wie das Nichtstattfinden der Industriemesse.

Jochen Köckler, 50, hat Agrarökonomie studiert. Nach der Promotion arbeitete er bei der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft in Frankfurt/Main und war Geschäftsführer des Fachbereiches Ausstellungen. 2012 wurde er in den Vorstand der Deutschen Messe in Hannover berufen, seit 2017 ist er Vorsitzender. Köckler ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Die Deutsche Messe AG gehört zu 50 Prozent dem Land Niedersachsen, die andere Hälfte teilen sich Stadt und Region Hannover.

© SZ vom 11.05.2020
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