Mittwochsporträt Ein Leben mit GM

Vor fünf Jahren übernahm Mary Barra die Führung von General Motors - mitten in der Krise. Schon ihr Vater arbeitete hier. Sie ist mit dem Konzern groß geworden. Jetzt baut sie ihn radikal um.

Von Kathrin Werner

Vor Kurzem hat Mary Barra einen Stapel Briefe bekommen. Geschrieben in krakeliger Kinderschrift, Rechtschreibfehler inklusive: "Bitte lass die GM-Fabrik offen", stand in jedem. "Die Eltern von unseren Freunden verlieren ihre Jobs und sind traurig und nervös", schrieb ein Drittklässler. Ohne die Fabrik werde er seine Medikamente nicht mehr bezahlen können, klagte ein anderer Schüler. "Ich wäre traurig, wenn meine Familie umziehen muss, weil du die Jobs weggenommen hast", schrieb ein Mädchen.

Die Autogewerkschaft und die Schulen in Lordstown im US-Bundesstaat Ohio hatten die Briefaktion organisiert. Ein weiterer Appell an Mary Barra, die Chefin des Autokonzerns GM, es sich noch einmal zu überlegen und die Autofabrik im Ort doch nicht zu schließen, die 1500 Menschen Arbeit gibt.

Mary Barra ist derzeit Amerikas prominentestes Beispiel dafür, dass Erfolg für die einen oft mit Verlust für die anderen verbunden ist. Überhaupt dafür, dass Erfolg im Kapitalismus oft Ansichtssache ist. Barra sei eine der besten Managerinnen der Welt, die nicht vor harten Entscheidungen zurückschrecke, loben Investoren, Analysten und Branchenexperten. Das Magazin Forbes wählte sie zur viertmächtigsten Frau der Welt und das Branchenblatt Automotive News zum "Konzernchef des Jahres". Barra sei eine Jobkillerin, die Gemeinschaften zerstöre, kritisieren dagegen Gewerkschafter, viele Mitarbeiter und Politiker. Donald Trump twitterte, er sei enttäuscht von ihr. Barra ist umstritten. Vielleicht gehört das dazu, wenn man einen Konzern radikal umbaut.

Vor nun fünf Jahren trat sie den Chefposten beim großen alten Autobauer GM an, den das Magazin Fortune damals "den härtesten Job der US-Wirtschaftswelt" nannte, wegen all der Veränderungen, die durchgesetzt werden mussten, und der zu erwartenden Widerstände. Doch von Widerständen lässt sich Barra nicht beeindrucken. Sie ist rational, entscheidungsstark, konzentriert, ergebnisorientiert. "Mary ist so stark, wie man nur sein kann", sagte der legendäre Investor Warren Buffett einmal über sie. Sentimentalitäten liegen ihr fern. Und das, obwohl ihre persönliche Geschichte mit dem Konzern eng verwoben ist.

Sie interessiert sich nicht für die Weltherrschaft. Arroganz liegt ihr fern

Die 57-Jährige hat nicht nur ihr gesamtes Berufsleben bei General Motors verbracht. Bereits ihr Vater war 39 Jahre lang im Unternehmen. Ihre Kinder träumten von klein auf von den GM-Autos, die sie fahren wollen, wenn sie einmal groß sind. Mit 18 begann Barra ein Ingenieurstudium an einem College, das damals noch General Motors Institute hieß, jobbte parallel in GM-Fabriken. GM bezahlte ihr später das Wirtschaftsstudium an der Elite-Uni Stanford, danach arbeitete sie sich nach und nach hoch.

Der Chefposten war die Krönung. Sie wurde die erste Frau an der Spitze eines großen Autokonzerns weltweit. Und dann auch noch von diesem: dem größten Amerikas, über Jahre hinweg dem größten der Welt, gegründet 1908. Es ist kein Zufall, dass im Lied "American Pie", das die amerikanische Seele beschreibt, ein "Chevy to the levee" fährt. Chevrolet ist eine der Kernmarken von GM. GMs Cadillacs waren einst die Manifestation des amerikanischen Traums. Den goldenen Zeiten folgten Jahrzehnte, in denen GM immer größer wurde, Ende der 70er-Jahre arbeiteten weltweit mehr als 800 000 Menschen für den Konzern. Mit kleinen Margen und manchmal auch Verlusten produzierte er eher mittelmäßige Autos. Aber GM blieb Amerikas Autobauer, der Autobauer für alle, Spitzname: "The General". So einen Konzern zu verändern, ist schwierig.

Anfangs wurden ihre Frisur oder ihre Vorliebe für High Heels kommentiert. Heute nicht mehr.

(Foto: Andrew Harrer/Bloomberg)

Doch die Autobranche ist im Wandel. Die klassischen Mittelklassewagen verkaufen sich nicht mehr gut. Die Amerikaner wollen fast nur noch SUVs und Pick-ups. Und die Zukunft gehört neuen Technologien wie Elektroautos und autonomen Wagen, in die viel Geld fließt.

Barra will nicht, dass GM abgehängt wird. Der Konzern darf deshalb nicht mehr ein schwerfälliger Riese sein, glaubt sie. GM soll kleiner, wendiger und profitabler werden. Kosten sollen runter. Die deutsche Tochter Opel hat Barra bereits verkauft, sie gehörte seit 1929 zu GM. Sie gab unprofitable Märkte wie Russland auf. Nach Verkaufszahlen haben die Konkurrenten Toyota und VW GM abgehängt. Barra interessiert sich nicht für die Weltherrschaft. Arroganz liegt ihr fern - anders als jene Autokonzern-Superegos, die einst bei GM und heute noch bei vielen Konkurrenten das Sagen haben.

Teil von Barras Schrumpfkurs: Sie schließt Werke für kleinere Wagen. Mehr als 14 000 Mitarbeiter verlieren ihre Stellen in fünf Fabriken in den USA und Kanada - was Barra prompt den Zorn des Präsidenten eintrug. "Die USA haben General Motors gerettet, und dies ist der Dank, den wir bekommen!", protestierte Trump auf Twitter. Als GM vor einigen Jahren - Barra war damals noch nicht Chefin - in der Wirtschaftskrise Insolvenz anmelden musste, half die US-Regierung mit einer Milliardenzahlung, um die Jobs in den oft strukturschwachen Gegenden zu erhalten. Nun verschwinden sie trotzdem.

"Wir haben uns verpflichtet, das Richtige zu tun, für die Zukunft von GM und unseren Mitarbeitern", schrieb Barra bei Twitter. Das Richtige heißt für sie, dass Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren müssen, wenn es für die Zukunft des Unternehmens besser ist. Barra redet gern in Sätzen voller Konzernsprech, die wirken, als habe die PR-Abteilung sie für sie aufgeschrieben. In diesem Fall klang das so: "Wir sind uns der Notwendigkeit bewusst, den sich ändernden Marktbedingungen und Kundenpräferenzen Rechnung zu tragen, um unser Unternehmen auf langfristigen Erfolg auszurichten." Barra fürchtet den nächsten Abschwung. Darum kommen die Schließungen jetzt, obwohl die Gewinne des Unternehmens in den vergangenen 14 Quartalen die Erwartungen der Börse übertroffen haben.

Dieses Mal will sie für die Krise vorsorgen. Anders als bei der großen Krise, die sie gleich nach Amtsantritt traf. Am 15. Januar 2014 hatte sie ihr Chef-Büro im 39. Stock im GM-Hauptquartier in Detroit bezogen. Zwei Wochen später, am 31. Januar, klingelte ihr Telefon und sie erfuhr von dem Drama: GM hatte über Jahre hinweg fehlerhafte Zündschlösser in Hunderttausende Autos eingebaut. 124 Menschen sind deswegen bei Unfällen gestorben. Mitarbeiter hatten von den Problemen lange gewusst, aber nichts gesagt. Barra musste vor dem Kongress in Washington aussagen. Sie musste das Chaos beseitigen, das ihr andere hinterlassen hatten.

Kaum einer kommt zur Detroit Motor Show

Am kommenden Montag beginnt die amerikanische Automesse in Detroit. Die Stadt war einst die Heimat der größten Autokonzerne der Welt, allen voran GM. Heute ist die US-Autobranche abgehängt im Rennen um die Weltherrschaft, Toyota, Volkswagen und die Renault-Nissan-Mitsubishi-Allianz haben sie von der Spitze verdrängt. Und auch die Messe ist nicht mehr das, was sie einmal war. Fast alle deutschen Hersteller haben sich in diesem Jahr entschieden, keinen Stand in Detroit aufzubauen - Messeauftritte kosten viel Geld, und hier zahle es sich nicht aus, glauben sie. Stattdessen ist die Messe für Unterhaltungselektronik in Las Vegas, die Consumer Electronics Show (CES), die neue Spielwiese der Autobauer. Hier können sie sich zusammen mit den Entwicklern von künstlicher Intelligenz, von Robotern und schlauen Haushaltsgeräten präsentieren - das seien die Zukunftsthemen. So sehen sie sich gern. Daimler zum Beispiel stellt den neuen kompakten Mercedes-Benz CLA in Las Vegas vor und führt eine Fahrzeugstudie namens "Vision Urbanetic" vor, ein digital vernetzter, selbstfahrender Transporter mit Elektroantrieb. Der Detroiter Autohändlerverband reagiert und will die Automesse von 2020 an im Juni ausrichten - mit Abstand zur CES und bei besserem Wetter an der bitterkalten Grenze zu Kanada. Kathrin Werner

Sie hat es genutzt und Veränderungen durchgesetzt. Zum Beispiel hat sie neue Verhaltensregeln erlassen, die wie Selbstverständlichkeiten klingen, aber für GM keine waren: Direktheit, Transparenz, Ehrlichkeit. Die Mitarbeiter sollen miteinander reden. Wer Bedenken hat, soll sie äußern. "Ich bitte die Leute nicht, sich daran zu halten. Es ist eine Anordnung", sagte Barra damals. "Ich hasse Ausreden."

Sie sagt meist "wir" statt "ich". Den Erfolg schreibt sie dem Team zu - nicht sich

Barra verlangt von ihren Mitarbeitern das Gleiche wie von sich selbst. "Egal in welcher Stufe der Karriere man sich befindet, muss man bereit sein, sich durchzusetzen. Es sollte aber auf eine entschlossene und gleichzeitig respektvolle Weise geschehen", sagte sie einmal. "Denke immer daran, dass man sich Respekt verdienen muss." Wer mit ihr spricht, merkt schnell: Barra ist Ingenieurin und Autonärrin. Sie kennt jedes Detail der Fahrzeuge: Gewicht, Beschleunigung, Umdrehungen, Reichweite der Batterien und so weiter. Am liebsten würde sie über Autos reden, stattdessen geht es immer um Krisen. Oder um ihre Rolle als Frau auf dem Chefsessel.

In der Autobranche sind Frauen in Führungspositionen eine Seltenheit. GM hat sogar zwei: Im September wurde Dhivya Suryadevara Finanzchefin des Konzerns, im Alter von gerade einmal 39 Jahren. In einem Fernsehinterview hat ein Journalist Barra einmal gefragt, ob sie denn eine gute Mutter und eine gute Konzernchefin sein könne - eine ähnliche Frage wird männlichen Managern selten gestellt. "Wissen Sie, ich denke ja. Ich habe ein großartiges Team, wir sind auf einem guten Weg", antwortete Barra mit frostigem Lächeln. "Ich habe eine wunderbare Familie, einen Mann, der mich unterstützt, und ich bin ziemlich stolz darauf, wie mich meine Kinder hierbei unterstützen." Kaum ein Artikel, der nicht ihre Outfits kommentiert, ihre Frisur, ihre Fingernägel. Das Time-Magazin schrieb ausgiebig über ihre Vorliebe für Pumps der Marke Manolo Blahnik.

Ob sie es denn schwerer habe, weil sie eine Frau ist, fragte sie ein Journalist. "Ich gehe jeden Tag zur Arbeit. Ich arbeite, so hart ich kann. Wir fokussieren uns auf das Ziel. So sehe ich das Ganze", antwortete sie. Das war typisch Barra: nüchtern, faktenorientiert. Schon als Kind liebte sie Mathe. Ihre Eltern lehrten ihr den Wert harter Arbeit, erzählte sie einmal. Auch typisch Barra: Sie sagt "wir" statt "ich". Sie spricht nicht gern von sich selbst. Wenn sie von Erfolgen erzählt, schreibt sie diese stets ihrem gesamten Team zu. "Wir haben gemeinsam schon viel erreicht", sagte sie zum Beispiel auf die Frage, was ihre größten Erfolge in ihrem ersten Amtsjahr waren. "Wir haben gezeigt, dass wir die richtigen Dinge tun, selbst wenn die richtigen Dinge hart sind." Auch wenn die Kinder in Lordstown, Donald Trump und die Gewerkschafter das anders sehen.