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Milchbauern:Aldi senkt den Preis, das Russland-Embargo kommt noch dazu

Grund dafür, dass die Landwirte in den vergangenen Monaten so viel produziert haben, war der vergleichsweise hohe Preis, den sie noch im vergangenen Frühjahr erhielten. "Da hat es sich gelohnt, mehr Milch zu liefern", sagt Heusmann. "Nur erfolgte die Erhöhung der Produktion leider zu schnell und zu stark." Nicht nur Aldi reduzierte im Herbst die Preise für Milchprodukte. Als dann noch das Russland-Embargo dazukam, ging der Preis auf einmal rapide zurück. Nicht nur der Preisverfall, sondern auch der Wegfall der Milchquote ist Thema auf der Grünen Woche, die an diesem Freitag in Berlin beginnt.

Heusmann ist zuversichtlich, dass sich der Markt in nicht allzu ferner Zukunft wieder erholen wird - auch wenn die Quote Ende März fällt. "Bei den derzeit niedrigen Preisen ist das Geld auf den Höfen knapp, da spart jeder Landwirt am Kraftfutter. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass von April an auf einmal viel mehr Milch produziert wird."

Milchkühe beim Melken in der Melkanlage der Agrargesellschaft Lichtenberg nahe Frankfurt_a.d._Oder

Wie viele Kühe braucht der Milchbauer zum Überleben? Im Schnitt halten Deutschlands Landwirte 56 Kühe, der Trend geht jedoch zu deutlich mehr.

(Foto: Zick/action Press)

Zudem gebe es mittlerweile viele Hürden, um Ställe zu vergrößern. "Beispielsweise müssen die Landwirte nachweisen, dass sie genug Flächen besitzen, um Futter für alle Tiere anbauen zu können." Auch dürften sie nicht mehr Gülle ausbringen, als von den Feldern verwertet werden kann. "Von daher sehe ich auch nicht die Gefahr, dass nach dem Wegfall der Quote plötzlich ganz viele Landwirte beschließen, sich zu vergrößern." Gleichzeitig prognostizieren nahezu sämtliche Experten, darunter die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen, dass die Nachfrage nach Milchprodukten weltweit steigen wird. "Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis der Milchpreis anzieht", sagt Heusmann - und wirkt dabei völlig entspannt.

"Wir brauchen ein neues Kriseninstrument"

Viele, sogar die meisten Milchbauern in Deutschland sehen das ähnlich. Doch nicht alle. Hans Foldenauer, der Landwirt aus dem Allgäu, zählt zu den Skeptikern. "Wir liefern jetzt schon viel zu viel", sagt er. "Wenn die Quote fällt, brauchen wir dringend ein neues Kriseninstrument, sonst brechen alle Dämme." Foldenauer ist Sprecher des Bundesverbands der Milchviehhalter, kurz BDM. In diesem Verband haben sich 20 000 der insgesamt etwa 78 000 Milchbauern in Deutschland zusammengeschlossen.

Sie alle eint die Sorge vor dem April. In Brüssel haben sie bereits demonstriert. Am Mittwoch protestierten sie in Berlin, indem sie anlässlich der Grünen Woche symbolisch einen Berg aus Milchpulver aufschütteten. "Wenn der Preis weiter fällt, dauert es nicht mehr lang, bis es für einige Milchbauern existenzbedrohlich wird", fürchtet Foldenauer.

Auch seine Familie hat in den vergangenen Jahren in den Hof in Oggenried im Allgäu investiert. 1980 standen 25 Kühe in Foldenauers Stall, jetzt sind es 95, die allesamt vollautomatisch von einem Melkroboter gemolken werden. Sollte er sich weiter vergrößern wollen, müsste er einen neuen Standort suchen, "denn hier ist es so bergig, da geht schlicht nichts mehr". Vorerst wird er also mit seinen 95 Kühen auskommen müssen - und der Biogasanlage, die er vor einiger Zeit gebaut hat. Er kämpft für ein neues Modell, mit dem man im absoluten Krisenfall den Landwirten "vorübergehend und nur für eine ganz kurze Zeit" verbieten kann, ihre Produktion auszuweiten. Wer sich nicht daran hält, soll Strafe zahlen müssen. "Das wäre keine Quote, aber eine große Hilfe", sagt Foldenauer.

Heusmann dagegen glaubt nicht daran, dass das funktionieren könnte. "Dafür bräuchte man an den Außengrenzen der EU einen Schutz, damit nicht im Krisenfall Drittländer unseren Markt mit ihren billigen Produkten überschwemmen." Ein solcher Außenschutz aber hätte zur Folge, dass die Landwirtschaft "stehen bleibt. Das kann man an Japan sehen, wo es einen strengen Außenschutz gibt und das Land sich von der weltweiten Entwicklung abkoppelt. Die halten ihre Kühe immer noch angebunden und in Ställen, die aus den Sechzigerjahren stammen könnten."