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Metro:Zitterpartie

Protest of employees of German hypermarket chain Real against the planned sale before the AGM of Metro in Duesseldorf

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, skandieren Real-Mitarbeiter.

(Foto: REUTERS)

Der Verkauf der Real-Märkte wühlt Mitarbeiter und Aktionäre auf. Nur Metro-Chef Koch gibt sich optimistisch.

Mit Trillerpfeifen und gelben Warnwesten sind die Beschäftigten von Real vor die Düsseldorfer Stadthalle gezogen, wo die Aktionäre von Metro zur Hauptversammlung eintrudeln. "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", skandieren Hunderte Gewerkschafter und Mitarbeiter der Warenhauskette. Sie sollen innerhalb des Handelskonzerns bald keine Zukunft mehr haben. "Wir woll'n den Olaf seh'n", singen manche in Anspielung auf Metro-Chef Olaf Koch.

Nur Stunden zuvor hat der Aufsichtsrat den Abschied von Real beschlossen. "Wir sind überzeugt, dass der Verkauf von Real für die Zukunft von Metro ein richtiger und wichtiger Schritt ist", sagt der Chef des Gremiums, Jürgen Steinemann, vor den Aktionären. Ein deutsch-russisches Konsortium aus SCP Group und X+Bricks soll die 276 Real-Märkte übernehmen. Diese führen nicht nur deutlich mehr Artikel als Supermärkte und Discounter, bis hin zu Kleidung und Autozubehör. Sie sind im Schnitt auch 8000 Quadratmeter groß, noch etwas größer als ein Fußballfeld. Noch nie sind Einzelhandelsflächen dieser Größenordnung in Deutschland auf einen Schlag verkauft worden.

Bis in die Nacht zum Freitag tagten die Aufsichtsratsgremien beider Seiten. Nach Informationen aus Unternehmenskreisen haben Metro und SCP einen Kaufvertrag unterschrieben. Dem muss nun noch der Aufsichtsrat von SCP zustimmen. Auch die Kartellbehörden müssen den Verkauf noch prüfen.

Für die etwa 34 000 Beschäftigten von Real verheißt das nichts Gutes. Die künftigen Eigentümer, der Finanzinvestor SCP sowie der auf Supermärkte spezialisierte Immobilienentwickler X+Bricks, wollen nur etwa 50 Filialen selbst weiterbetreiben - und auch das nur für mindestens zwei Jahre. Der größte Teil soll hingegen in Paketen an Konkurrenten wie Kaufland, Edeka oder Globus gehen. Bis zu 30 Märkte sollen voraussichtlich in einem ersten Schritt schließen. Real dürfte etwa 80 Prozent des Umsatzes von derzeit knapp sieben Milliarden Euro verlieren.

Mit dem Einkaufsvolumen wird die Kette auch an Verhandlungsmacht gegenüber den Lieferanten verlieren. Das schwächt die verbliebenen Märkte im Wettbewerb mit anderen Händlern. Der Gesamtbetriebsrat von Real fürchtet auch deshalb, dass 10 000 Beschäftigte mittelfristig entlassen werden.

Die Trennung von den Warenhäusern sei "eine der ganz großen Entscheidungen", spricht Koch frei vor den Aktionären, "auch eine, die mich persönlich schmerzt". Viele alte Marken seien in Real aufgegangen; das habe es erschwert, ein Geschäftsmodell für die Kette zu entwickeln. Obendrein seien die Löhne bei Real 30 Prozent höher als bei anderen Supermärkten, die von selbstständigen Kaufleuten geführt werden. "Ob man das hören mag oder nicht, das ist ein Faktum." Doch habe man sich mit der Gewerkschaft Verdi nicht auf eine Reform des Flächentarifvertrags oder auf einen Haustarif für Real einigen können, der für Metro akzeptabel wäre, argumentiert Koch. Allein im vergangenen Jahr habe Real 250 Millionen Euro mehr ausgegeben als eingenommen.

Aktionärsvertreter sprechen von einem "Trauerspiel"

Eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung des Verkaufs kommt nun dem ehemaligen Geschäftsführer von Kaufland zu, Patrick Kaudewitz. Der Manager hatte voriges Jahr die Schwarz-Gruppe, zu der auch Lidl gehört, verlassen und heuerte vor Kurzem als Berater bei SCP an. Er soll Aufsichtsratschef der Betreibergesellschaft werden, die Filialen schließt, verkauft oder weiterführt.

Für Olaf Koch ist der Verkauf der letzte Akt seines Konzernumbaus hin zu einem reinen Großhändler. "Wir schließen damit das Kapitel des Konglomerates." Unter Koch hat Metro die Warenhauskette Kaufhof abgestoßen und die Elektronikketten Mediamarkt und Saturn abgespalten. Neben Real gibt der Konzern nun auch die Mehrheit an seinen Filialen in China ab. Die gut 1,5 Milliarden Euro, die Metro aus beiden Verkäufen zusammen erwartet, will der Konzernchef in Online-Plattformen, Depots für die Belieferung von Gastronomen und Zukäufe investieren. "Dieses Jahr wollen wir Vollgas geben", kündigt Koch an.

Aktionärsvertreter äußern sich da skeptischer. Wie sich der Aktienkurs in den vergangenen Monaten entwickelt habe, sei "leider ein Trauerspiel", kritisiert Jella Benner-Heinacher von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Der Ausblick sei ernüchternd. "Und er sieht auch nicht nach Vollgas aus." Für die Proteste der Real-Beschäftigten draußen vor der Halle äußert sie Verständnis. "Für uns ist die Zitterpartie vielleicht im Sommer vorbei", sagt Benner-Heinacher, "für die Mitarbeiter fängt sie dann erst an."

© SZ vom 15.02.2020
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