Leerverkäufe Schutz vor Spekulanten

Ein Blick in den Handelssaal der Frankfurter Börse.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Die deutsche Finanzaufsicht untersagt Wetten auf einen fallenden Kurs der Wirecard-Aktie. Kritiker werten das Verbot als einen unzulässigen Eingriff in die Freiheit der Kapitalmärkte.

Von Harald Freiberger und Nils Wischmeyer

Das gab es in Deutschland noch nie: Die Finanzaufsicht Bafin verbietet Wetten auf einen fallenden Aktienkurs bei einem Dax-Konzern. Es geht um den Zahlungsdienstleister Wirecard aus Aschheim bei München. Das Unternehmen wird seit fast drei Wochen von sogenannten Leerverkäufern attackiert. Mit dem spektakulären Vorgehen will die Bafin Schaden vom Aktienmarkt abwenden.

Doch der Schritt ist umstritten: Kritiker monieren, dass die Aufsichtsbehörde sich damit auf die Seite von Wirecard schlage und gleichzeitig die Berichterstattung der Financial Times anzweifle. Die britische Wirtschaftszeitung schrieb seit 30. Januar diesen Jahres dreimal über angeblichen Betrug und angebliche Geldwäsche eines Wirecard-Managers in Singapur. Der Aktienkurs brach ein, an einem einzigen Tag in der Spitze um fast 30 Prozent. Vorher hatten Leerverkäufer auf den Absturz gewettet. Sie machten dadurch Gewinne in Millionenhöhe (siehe Fragen und Antworten auf dieser Seite).

Die Bafin untersagte am Montagmorgen für zwei Monate weitere Leerverkäufe. Sie begründete es damit, dass die "ungünstigen Entwicklungen eine ernstzunehmende Bedrohung für das Marktvertrauen in Deutschland darstellen". Auch die europäische Marktaufsichtsbehörde Esma habe dem Verbot zugestimmt. "Die vorgeschlagene Maßnahme ist angemessen und verhältnismäßig, um der Bedrohung der deutschen Finanzmärkte zu begegnen", teilte die Esma mit.

Es gibt allerdings Stimmen, die den Schritt für einen unzulässigen Eingriff in die Freiheit der Kapitalmärkte halten. "Der deutsche Regulator hat damit potenziellen Klagen die Tür geöffnet", sagte der britische Hedgefonds-Manager Crispin Odey der Nachrichtenagentur Bloomberg. Er wettet schon seit 2014 mit immer neuen Positionen darauf, dass die Wirecard-Aktie fällt. Derzeit weist ihn der Bundesanzeiger mit einer Leerverkaufs-Nettoposition von 0,77 Prozent des frei umlaufenden Aktienkapitals von Wirecard aus. "Das Mittel, das die Bafin gewählt hat, ist sehr gefährlich", sagte Odey. Er sei sehr gespannt auf die Prüfung, welche rechtlichen Mittel man gegen die Finanzaufsicht ergreifen könne. Odey hat in der Branche einen seriösen Ruf, sein Hedgefonds recherchiert in der Regel lange und minutiös, bevor er gegen eine Aktie wettet. Ende Januar gewann sein Hedgefonds laut Bloomberg 18 Millionen Euro, als die Wirecard-Aktie abstürzte. Am Montag legte die Aktie kräftig zu und schloss mit einem Plus von 15 Prozent.

"Der Schritt der Bafin ist sehr radikal, ich bin darüber verwundert", sagt ein deutscher Fondsmanager, der die Kurssprünge der Wirecard-Aktie seit Langem skeptisch beobachtet. Das letzte Mal sei eine vergleichbare Maßnahme 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise gegen mehrere Bank-Aktien verhängt worden. Damals ging es um die Stabilität des Finanzsystems, "es wundert mich, dass man gegen eine einzelne Aktie einen solch drastischen Schritt ergreift", sagt der Fondsmanager.

Die Entscheidung, weitere Leerverkäufe zu verbieten, sei nicht plötzlich gefällt worden, heißt es bei der Bafin. Vielmehr beobachte man das Geschehen seit dem ersten Bericht der Financial Times Ende Januar. Zuletzt allerdings seien die Leerverkaufspositionen stark gewachsen. Wie stark, wollte die Finanzaufsicht nicht kommentieren. Leerverkäufer müssen ihre Geschäfte der Bafin melden, wenn sie auf mehr als 0,2 Prozent des an der Börse frei gehandelten Aktienkapitals wetten. Ab 0,5 Prozent ist eine Meldung im öffentlichen Bundesanzeiger vorgeschrieben. Bei Wirecard sind derzeit Leerverkaufs-Positionen über 2,27 Prozent des Aktienkapitals im Bundesanzeiger registriert, neben Odey hat auch der US-Hedgefonds Slate Path Capital eine Wette laufen. Allerdings gibt es drei Dax-Konzerne, die mit einem höheren Wert in dem Register vertreten sind: Bayer mit 2,44 Prozent, Metro mit 2,68 Prozent und die Deutsche Bank mit 3,88 Prozent. Es kann aber sein, dass es bei Wirecard viele Positionen von 0,2 bis 0,5 Prozent gibt, von denen nur die Bafin Kenntnis hat.

Jedenfalls widerspricht die Finanzaufsicht der Interpretation, dass man sich mit dem Verbot vor Wirecard stelle. Die Maßnahme beziehe überhaupt keine Position dazu, ob Wirecard oder die Financial Times recht hätten. Man habe auch keine neuen Erkenntnisse dazu, ob die Berichte der Zeitung stimmen oder nicht. Das Verbot sei vielmehr eine Maßnahme, um den Markt zu schützen und das Vertrauen in den deutschen Aktienmarkt nicht weiter zu gefährden. Darüber hinaus läuft auch die Marktuntersuchung der Bafin weiter. Sie prüft, ob jemand bewusst falsche Gerüchte am Markt gestreut hat und so den Aktienkurs des Unternehmens manipuliert haben könnte. Wann die Untersuchung abgeschlossen ist, konnte die Finanzaufsicht noch nicht absehen.