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Landwirtschaft:Folien bis zum Horizont

Stroh wird trocken in Folie gelagert Stroh in Form von in weißer Folie gewickelten Rundballen auf e

Heuballen in Plastik: Das Viehfutter kann auf diese Weise unter freiem Himmel gelagert werden.

(Foto: Gottfried Czepluch/Imago)

Im Gartenbau und bei der Silage verwenden die Landwirte immer mehr Kunststoffe. Das bringt das Ökosystem durcheinander, verursacht Plastikmüll, verschmutzt die Böden.

Mehr Naturschutz geht nicht. Die Bio-Genossenschaft Bunde Wischen hält gut 900 Rinder auf 1700 Hek- tar Weideland hoch im Norden an der dänischen Grenze. Die Galloway- und Highland-Cattle-Herden ziehen das ganze Jahr über in kleinen Gruppen über große Naturschutzflächen. Dabei erhalten sie einzigartige Ökosysteme, in denen Wildbienen leben, Neuntöter, Braunkehlchen, Molche und Goldene Scheckenfalter. Die Genossenschaft gehört zu den Pionieren der angstfreien Schlachtung: Die Rinder der Bunde Wischen werden nicht zu Schlachthöfen gefahren, sondern in ihrer gewohnten Umgebung mit einem Kugelschuss betäubt und dort getötet. Nur eines gelingt dem Vorzeigebetrieb nicht: auf Plastik zu verzichten.

Obwohl der Bioland-Betrieb viel Weidefläche pro Tier hat, muss im Winter zugefüttert werden. "Für den Fall eines harten Winters brauchen wir etwa 3000 Ballen als Vorrat", erläutert der Biologe Gerd Kämmer, Gründer und Vorstand der Genossenschaft. Für diese Ballen gibt es zwei Möglichkeiten: eine mit viel und eine mit weniger Plastik. Mit wenig Plastik kommt der Betrieb aus, wenn die Sonne das gemähte Gras im Sommer gut trocknet. Dann wird es als Heu in mannshohe Ballen gepresst, die durch Plastikschnüre fest zusammengehalten werden. Reichen die Sonnentage nicht zum Trocknen des Grases aus, was im feuchten Küstenklima oft der Fall ist, wird das feuchte Gras in mehrere Lagen dehnbarer Folie eingewickelt. "Elefanteneier" nennt Kämmer die grünlichen Plastikballen, die dabei entstehen, etwa eine Tonne Grassilage umwickelt von 1,3 Kilo Folie.

Ganz klar: Dieses Verhältnis von Inhalt zu Verpackung ist viel günstiger als bei den meisten Lebensmitteln im Supermarkt - wo noch immer Einzelportionen in Plastik verkauft werden dürfen. Dennoch summieren sich die vielen Elefanteneier, Folientunnel und Abdeckfolien aus Gartenbau und Landwirtschaft zu einem riesigen Plastikberg. Der Agravis Raiffeisen AG zufolge, einem der größten deutschen Agrarhändler, werden allein in der Landwirtschaft mehrere Zehntausend Tonnen verschiedener Kunststoffprodukte eingesetzt.

Beinahe flächendeckend haben die in Folie gewickelten Silageballen die guten alten Heubunde ersetzt. Silage hat eine höhere Energiedichte als Heu, und die Ballen lassen sich platzsparend aufeinanderstapeln und sogar draußen lagern. Deshalb pressen die meisten Betriebe gleich ihre gesamte Grasernte als Silage in Folie. Bei den fast immer zu niedrigen Erzeugerpreisen für Fleisch und Milch lohnt sich die aufwendige Heuernte nur für wenige Betriebe, die - wie die Bunde-Wischen-Genossenschaft - ihre Produkte zu Premiumpreisen vermarkten können.

Auch im Gartenbau kommt immer mehr Plastik zum Einsatz: Im Frühjahr werden Salate und viele andere Gemüsesorten unter feinen Vliesen aus Polypropylen oder transparenten Lochfolien angebaut. Die schützen die zarten Pflanzen vor Frost und Wind und lassen sie schneller reifen. Verfrühung nennt sich dieses Verfahren, damit können die Gemüsebetriebe von den hohen Preisen des frühen Angebots profitieren und so ein bisschen besser mit dem Importgemüse aus dem Süden konkurrieren. Außerdem gibt es Minitunnel für Spargel, Hagelschutznetze für Obstbäume und große begehbare Tunnel im Beerenanbau. "Immer mehr Himbeeren, Brombeeren und auch Erdbeeren werden in Folientunneln angebaut", sagt Isabelle Lampe von der Gesellschaft für Kunststoffe im Landbau, in der sich Folienproduzenten und Berater zusammengeschlossen haben. "Diese Tunnel schützen die Früchte gegen Schadinsekten wie etwa die invasive Kirschessigfliege, gegen die es kaum zugelassene Pflanzenschutzmittel gibt", erklärt die Pflanzenschutzberaterin. "Erdbeeren, die in Substratrinnen angebaut werden, kommen nicht mit dem feuchten Boden in Berührung, sodass sie sich nicht mit Grauschimmel infizieren können." Doch die Formel Folienschutz statt Agrarchemie wäre zu einfach, denn unter den Folien steigt der Sporendruck von Pilzen, sodass die Pflanzen darunter oft mit Fungiziden behandelt werden müssen.

Aus Sicht der Betriebe bietet die Folienwirtschaft viele Vorteile: Sie können sicherer und früher ernten und "ihre Kulturen besser führen", wie die Gärtner sagen, also Bewässerung, Temperatur, Düngergaben genauer steuern. Doch gleichzeitig entfernt sich diese Art der Lebensmittelproduktion immer weiter von den Kulturlandschaften, die unsere Nutzpflanzen erst hervorgebracht haben. Das hat gefährliche Folgen für die Biodiversität: "Für das Überleben von Vögeln ist es entscheidend, dass sie genügend Nahrung finden. Wenn die Landschaft mit immer mehr Folie überzogen wird, wird es für Vögel noch schwieriger, ausreichend Beutetiere zu finden", sagt Thomas Fartmann, Professor für Ökologie an der Universität Osnabrück. "Der seltene Rotmilan etwa jagt Mäuse, und die kann er in Folientunneln nicht erreichen. Die stark gefährdete Feldlerche ernährt sich von Insekten, die wiederum von einer großen Vielfalt an Pflanzenarten abhängen." Wenn nun immer mehr Beeren und Gemüsepflanzen unter Kunststoffschichten verschwinden, werden dabei ganze Nahrungsnetze zerrissen. Das ist besonders kritisch, weil die Bestände sehr vieler Feldvögel und Insektenarten in den vergangenen Jahren zum Teil dramatisch abgenommen haben.

Selbst im ökologischen Anbau ist der Einsatz von Plastikfolien erlaubt

Im ökologischen Anbau ist der Einsatz von Plastikfolien begrenzt, aber nicht komplett verboten. Beim Anbauverband Bioland etwa dürfen maximal fünf Prozent der Gemüseflächen eines Betriebes mit Folien bedeckt werden. Auch Kulturschutznetze sind erlaubt, sagt Gerald Wehde von Bioland. "Das ist notwendig, da Bioland-Bauern auf jeglichen Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden verzichten." Stellage- oder Substrat-Kulturen, bei denen die Pflanzen in Plastiktöpfen wachsen und über Nährlösungen versorgt werden, sind dagegen nicht erlaubt. "Bio findet im Boden statt", sagt Gerald Wehde. "Wir setzen auf den belebten Boden statt auf Pflanzen am Tropf."

Das System Felder unter Folie bringt nicht nur Ökosysteme durcheinander, es schafft auch ein Entsorgungsproblem. Viele Hersteller arbeiten immerhin an länger haltbaren Folien und besserem Recycling. Die direkt am Boden liegende Mulchfolie, in die zum Beispiel Salate gepflanzt werden, wird zwar nach wie vor nur eine Anbausaison lang verwendet, aber es gibt sie inzwischen auch aus nachwachsenden Rohstoffen. Andere Gartenbaufolien sind mehrfach verwendbar: "Die Lochfolien halten zwei Jahre, die Vliese drei bis vier Jahre, und die schwarz-weißen Spargelfolien werden bis zu sieben Jahre verwendet", erläutert Isabelle Lampe.

In der Landwirtschaft dominieren noch immer Einwegfolien, aber mit dem Recycling geht es voran: 2013 haben einige Folienhersteller die Recycling-Initiative "Erde" entwickelt, die innerhalb von fünf Jahren mehr als 40 Prozent der Folien erfasst hat. Die Landwirte säubern und sortieren ihre Folien; Maschinenringe, Händler und Lohnunternehmen sammeln sie, von dort geht es zu Recyclinganlagen, in denen Granulat daraus gemacht wird - für neue Folien oder andere Kunststoffe. "Uns ist dabei wichtig, dass sämtliche Folien schon seit Beginn der Initiative nur innerhalb der EU recycelt werden, und ein Großteil davon in Deutschland", sagt Boris Emmel vom Systembetreiber der Initiative, der RIGK GmbH. Laut "Erde" werden dadurch mehr als 28 000 Tonnen CO₂-Äquivalente eingespart, "eine Menge, die jährlich rund zwei Millionen Bäume binden können".

Eine gesetzliche Verpflichtung zum Recyceln der riesigen Plastikberge aus Landwirtschaft und Gartenbau gibt es nicht - eine Wettbewerbsverzerrung zugunsten der Hersteller, die nach wie vor auf Wegschmeißen und den Verbrauch neuer fossiler Rohstoffe setzen. So werden noch immer einige Zehntausend Tonnen Folienabfall aus Gartenbau und Landwirtschaft verbrannt. Auch diese Mengen ließen sich in mehrere Zehntausend Tonnen verschwendeter CO₂-Äquivalente und Millionen abgeholzter Bäume umrechnen. Ein weiteres Problem ist noch gar nicht berücksichtigt, die steigende Menge von Mikroplastik im Boden: winzige Partikel zerriebener Agrarfolien, aber auch verwehter Abrieb von Reifen, Plastikstückchen aus Komposterden und Klärschlämmen, die zur Düngung aufs Feld gebracht wurden. Wie sich dieser Mix auf Böden, Pflanzen, Tiere und Lebensmittel auswirkt, wird gerade erst erforscht. Gesund ist es vermutlich nicht.

© SZ vom 20.06.2020

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