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Kosmetik:Ciao Bella

Habiba da Silva

Habiba da Silva zeigt in ihren Videos in solzialen Netzwerken Mode und Kosmetik. Sie zeigt Frauen, wie man - aus religiösen Gründen oder als modisches Accessoires - den Hijab trägt. In Bologna ist die Britin, die mehr als 1,5 Millionen Follower hat, als Botschafterin für Kosmetikmarken unterwegs.

(Foto: lifelongpercussion/Instagram)

Wer an Italien denkt, denkt an Espresso und Designerklamotten. Dabei sind die Italiener auch im Geschäft mit Lidschatten oder Lippenstiften weit vorne.

Auf dem glamourösen Stand von Renato Ancorotti brummt das Geschäft. Hinter ihm liegt ein kometenhafter Aufstieg, vor ihm ein flottes Wachstum. Grund zum Klagen? "Wir werden kaum beachtet", sagt der Make-up-Hersteller. Ancorotti ist Chef der italienischen Kosmetik-Lobby und seine Branche fährt 2,8 Milliarden Euro Überschuss in Italiens Handelsbilanz ein. Die Geringschätzung erklärt sich der Selfmade-Unternehmer mit dem flatterhaften Image der Kosmetik. "Sie gilt als etwas Ungewisses, sogar Überflüssiges", sagt er. Wer Geld mit der Eitelkeit macht, wird anscheinend nicht für voll genommen. Dabei ist die Körperpflege ein Grundbedürfnis des Menschen.

Mindestens zehn kosmetische Handlungen führt der Mensch am Tag aus, sagt Ancorotti. Frauen, die sich schminken, kommen auf ein Vielfaches und täten etwas für ihr Selbstbewusstsein. "Wir werden unterschätzt", mäkelt der Make-up-Hersteller. Verkannt von der Politik, von der Wirtschaft, von der Männerwelt. Es ist schon frappierend. Egal ob Nudeln oder Espresso, ob Ledertaschen oder Luxusklamotten, Designermöbel oder Superyachten - italienisches Know-how steht international hoch im Kurs. Aber bei Lippenstiften? Oder Lidschatten? Da erst recht. 67 Prozent des in Europa verkauften und von Auftragsherstellern produzierten Make-ups kommen aus Italien. Weltweit sind es 60 Prozent. Die Produkte werden hier entwickelt, produziert, abgefüllt und hübsch verpackt. Und dann meist unter dem klangvollen Namen ausländischer Labels an die Frau gebracht: Kosmetik von Chanel und Estée Lauder, von Lancôme, Dior und Clinique stammt vorwiegend aus dem Beauty Valley rund um Mailand.

Die Italiener verbinden in der Kosmetikbranche ihren Sinn für Schönheit mit dem Sinn fürs Geschäft. Das Ergebnis: 11,2 Milliarden Euro Umsatz. Um ihrer Erfolgsformel auf die Spur zu kommen, ist man bei Ancorotti richtig. Sein Unternehmen ist bei Mascara führend, und das nach nur zehn Jahren. Aus Crema, im Osten Mailands, kommt ein Fünftel der weltweit von Zulieferern hergestellten Wimperntusche. Der studierte Pharmazeut ist seit 1984 in der Schönheitsindustrie. Mit 28 gründete er die Firma Gamma Croma. 2008 verkaufte er sie und machte mit seiner Tochter ein Jahr später Ancorotti Cosmetics auf. Die Firma erzielte 2018 einen Umsatz von 101 Millionen Euro. Sie belegte damit im vergangenen Jahrzehnt unter den wachstumsstärksten Unternehmen Italiens den neunten Platz. Im selben Zeitraum rutschte das Land drei Mal in die Rezession. Die Ancorottis exportieren 90 Prozent. Ihr wichtigster Kunde ist Amerika.

Im Januar bezogen sie eine sanierte Industriebrache im Zentrum von Crema. Wo einst Olivetti Schreibmaschinen zusammenbaute, werden jetzt Make-up-Tools gefertigt. 2018 stellte Ancorotti 60 Leute ein. Ab Januar kamen 45 hinzu. Im kriselnden Italien gleicht das einem Jobwunder. 75 Prozent der Beschäftigten sind Frauen. Unternehmenschefin ist die Tochter Enrica Ancorotti. Auch die Abteilungen Marketing, Verkauf, Personal und Bilanzbuchhaltung werden von Frauen geführt. "Männer fristen bei uns auf der Führungsebene ein Minderheitendasein," sagt Ancorotti.

Firmen wie Ancorotti Cosmetics gibt es in Italien zuhauf. Von 1000 Fabriken der Beauty-Branche liegen 520 im Großraum Mailand. Sie bilden ein dynamisches Netz von Subunternehmen, die für Markenkonzerne und Kosmetikketten produzieren. "Die enge Verbindung zur Mode und zum Design beflügelt die Branche", sagt Cristina Scocchia, Chefin der Kosmetikkette Kiko Milano, die 1997 gegründet wurde.

Am vergangenen Freitag war Scocchia auf der Cosmoprof Worldwide unterwegs, dem wichtigsten Branchentreff der Schönheitsindustrie. 3033 Firmen stellen auf der Messe bis Montag aus. Ihre Zahl ist gegenüber 2018 um 8,2 Prozent gestiegen. Die Messe zieht 265 000 professionelle Besucher aus 152 Ländern an. "Diese Stärke verdanken wir unserem internationalen Auftritt", sagt Cosmoprof-Chef Enrico Zanetti. Schon vor 23 Jahren exportierte man die Kosmetik-Schau nach Hongkong; es folgten Las Vegas und Mumbai.

Als Urheber des wendigen Firmenkosmos gilt Dario Ferrari. Er hatte 1971 mit seiner Firma Intercos in Agrate Brianza bei Mailand die Regeln der herkömmlichen Auftragsproduktion gebrochen und einen neuen Ansatz begründet. "Wir lassen uns nicht sagen, was wir machen sollen, wir bieten Lösungen an", sagt Ancorotti. Sprich: neue Produkte. Intercos ist mit Produktions- und Forschungsstätten in Europa, den USA und Asien zum Weltmarktführer aufgestiegen. In der Lombardei nährt er weiter die dynamische Branchenszene. Oft sind es ehemalige Intercos-Mitarbeiter, die sich mit ihrem erworbenen Know-how als Startupper selbständig machen.

Gefragt sind die italienischen Hersteller, weil die Make-up-Label mit der schnelllebigen Modewelt Schritt halten müssen. "Chanel kommt nach Italien, weil die Zulieferer hier mit neuen Trendkollektionen bereitstehen", sagt Simona Antonini, die bei Cosmoprof für Forschung und Entwicklung verantwortlich ist. In Italien verweist man gern darauf, dass die Florentinerin Catarina de' Medici als Gattin des französischen Königs Henri II. vor 500 Jahren mit ihren Cremetöpfchen und Pomaden eine Trendsetterin in Paris war.

"Italien ist seit Jahrhunderten die Heimat des Schönen und der Kunst in all ihren Formen und wir haben die Kosmetik in unseren Genen", sagt Kiko-Chefin Scocchia über den Vorsprung ihres Landes. In jüngerer Zeit haben sich die Hersteller dann geschickt von reinen Subunternehmen in innovative Firmen verwandelt. "Sie sind zu den wahren Antreibern des Wandels geworden und erfinden neue Produkte, Formeln, Trends", sagt Gabriella Lojacono, die an der Mailänder Hochschule Bocconi lehrt. Selbst Branchenprimus L'Oréal, der Fabriken rund um die Welt betreibt, arbeitet mit externen Herstellern zusammen. "Diese Kooperationsform bereichert die Branche, denn die Firmen lernen von allen Marken dazu", sagt Antonini.

Neben den Zulieferern fassten auch Markenunternehmen Fuß. Die Mailänderin Daniela Sacerdote brachte das abgeschriebene Label Collistar groß raus. Die gelernte Dolmetscherin heuerte mit 19 zunächst als Sekretärin in einer Werbeagentur an. Dann arbeitete sie sich in der Kosmetikindustrie nach oben. 1982, als sie etwas Eigenes in Angriff nehmen wollte, trug ihr das Pharmaunternehmen Zambeletti seine Kosmetiksparte Collistar an. Sacerdote hielt die Marke für tot und riet zur Schließung. Dann nahm sie den Ableger doch in die Hand und machte Collistar zur führenden Kosmetikmarke in den italienischen Parfümerien. "Ich entwickelte eine Philosophie, die uns von anderen abhebt", sagt sie. Sacerdote setzt auf das mittlere Preissegment, auf höchste Qualität, Innovation und Italianität.

Italien zieht mit seinen Wachstumsgeschichten Finanzinvestoren an. Die Übernahmen in der Kosmetikbranche sind von 28 im Jahr 2013 auf 45 in 2018 angestiegen. "Die Investoren sichern sich mit den hochrangigen, gesunden Unternehmen zugleich den Zugang zu einer höchst kompetenten Produktionskette", sagt Giovanni Foresti von der Bank Intesa Sanpaolo.