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Konkurrenz zu Wikipedia:Mehr Kontrolle, keine Anonymität

Larry Sanger hat die Internet-Enzyklopädie Wikipedia mit aufgebaut. Jetzt startet er das Konkurrenz-Projekt "Citizendium". Dabei sollen Redakteure entscheiden, welche Artikel freigeschaltet werden.

Es menschelt im Web 2.0. Kein Wunder, wenn sich Idealisten, Technik-Freaks und Revolutionäre mit Leuten mischen, die auf den großen Ruhm und das große Geld hoffen. Und dies in einer interaktiven Welt, in der jeden Tag fast alles neu wird. Ganz heftig menschelt es zurzeit zwischen den beiden früheren Freunden und Kollegen Jimmy Wales und Larry Sanger.

Wikipedia erhält eine neue Konkurrenz - vom gleichen Gründer mit neuem Konzept.

(Foto: Foto: Wikipedia)

Jimmy, 40, ist der Gründer und Spiritus Rector der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Der zwei Jahre jüngere Larry arbeitete als Angestellter in Jimmys Firma an den Grundlagen von Wikipedia und an dem Vorläuferprojekt Nupedia mit. Von ihm stammen einige wichtige Ideen dafür, wie die Gemeinschaft der Autoren zu organisieren ist, wie Artikel redigiert und ins Netz gestellt werden.

Trotzdem musste Jimmy Larry 2002 entlassen, ganz einfach, weil ihm das Geld ausgegangen war. Heute sind die beiden tief zerstritten, und Larry arbeitet an einem ehrgeizigen Konkurrenzprojekt: "Citizendium".

Sanger ist Doktor der Philosophie und lebt in Pataskala, einem Kaff im US-Bundesstaat Ohio. Er sei immer noch ein Fan von Wikipedia, sagt Sanger. "Aber wir müssen den radikalen Egalitarismus beenden, den die dort treiben. Die Leute, die von einer Sache mehr verstehen, müssen auch mehr Gewicht bekommen."

Und genau das ist die Idee von Citizendium, Sangers neuer Internet-Enzyklopädie. Bei Wikipedia kann jeder Mensch, der Zugang zu einem Computer hat, Beiträge schreiben und redigieren. Bei Citizendium ist eine Sicherheitsstufe eingebaut.

Autoren mit Namen im Netz

"Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Citizendium offizielle Redakteure haben wird. Sie können einem Artikel zustimmen oder auch nicht." Außerdem werden Autoren und Redakteure, anders als bei Wikipedia, mit vollem Namen im Netz erscheinen.

Zum ersten Mal stellte Sanger seine Idee im vergangenen September in Berlin vor, auf einer Konferenz über freie Software ("Wizards of OS"). Citizendium ist bis jetzt ein Ein-Mann-Unternehmen, das Sanger von Ohio aus betreibt.

Die Grundfinanzierung stammt von Tides Center, einer Stiftung, die soziale Projekte überall in Amerika unterstützt. Außerdem sammelte Sanger einiges an privaten Spenden - über Zahlen will er aber nicht reden. Jedenfalls reichte das Geld, um drei Server zu mieten; zwei weitere stellten ihm Förderer unentgeltlich zur Verfügung.

820 Autoren und 180 Redakteure sind bis jetzt bereit, für Citizendium zu arbeiten, versichert Sanger, wobei sich die beiden Gruppen überlappen: Die meisten Redakteure sind gleichzeitig auch Autoren. Im Laufe dieser, spätestens der nächsten Woche soll ein Rohentwurf des Citizendium-Projekts im Internet stehen (www.citizendium.org).

Der Name spielt mit dem englischen Wort für "Bürger" - "citizen" - und soll so viel heißen wie "Bürger-Kompendium für alles". Ursprünglich hatte Sanger sein Projekt als bloße "Abzweigung" ("fork") von Wikipedia angekündigt, er arbeitete mit unredigierten Wikipedia-Artikeln. Doch jetzt wurde das alte Material gelöscht, alles soll neu werden im Bürger-Kompendium.

Streit um Hierarchien

Warum? Larry Sanger nimmt die verbreitete Kritik an der Qualität von Wikipedia auf. Die Beiträge seien nicht zuverlässig, viele Angaben erwiesen sich bei näherer Überprüfung als falsch. Er geht aber noch weiter: "Wikipedia setzt seine eigenen Regeln nicht durch. Das führt zu Missbrauch."

Die Anonymität der Beiträge lade geradezu ein, bewusst Blödsinn ins Netz zu stellen, sogenannte "Trolle", wie sie in der Internet-Sprache heißen. Der Amateur-Kult bei Wikipedia schrecke zudem viele Wissenschaftler ab. Und, vielleicht der schwerste Vorwurf: Die Führungsschicht von Wikipedia habe sich abgekapselt.

"Während man noch Lippenbekenntnisse zur Gleichheit im Netz abgibt, hat sich in Wirklichkeit eine Hierarchie gebildet. Die Position richtet sich aber nicht nach Kompetenz, sondern danach, wie gut einer das Wikipedia-Spiel spielen kann, zum Beispiel wie viele Artikel er redigiert." Und wer unbequeme Ansichten äußere, werde als "Troll" beschimpft.

Die Organisation ist auch der kritische Faktor beim Citizendium-Projekt. Dort soll es eine explizite Hierarchie geben. Wer aber bestimmt deren Regeln und wer wählt die Experten aus? Einerseits leuchten Sangers Argumente gegen den Egalitarismus jedem Akademiker ein, andererseits ist das Selbstverständnis der Internet-Gemeinde immer noch egalitär.

Gütesiegel für Redakteure

Sangers Lösung hört sich nach einem ziemlichen Kuddelmuddel an: Die Experten-Redakteure registrieren sich selbst - "auf eine gewisse Weise", wie Sanger sagt. Sie müssen nur bestimmte Standards erfüllen: akademische Grade bei Wissenschaftlern, Veröffentlichungen bei Journalisten. Das Nähere regelt die Praxis.

Die Redakteure sollen Artikeln zwar eine Art Gütesiegel ("approved") verleihen, sie dürfen aber keine Anweisungen erteilen oder andere Leute am Redigieren hindern. Wie das alles zusammenpasst und wer im Zweifel Konflikte lösen wird, ist noch nicht so recht zu erkennen.

Sanger ist sich darüber im Klaren, dass es noch Jahre dauert, bis aus Citizendium ein richtiges Bürger-Kompendium werden wird. Die englische Ausgabe von Wikipedia hat inzwischen 1,7 Millionen Artikel. Und sein Ex-Freund Jimmy arbeitet bereits an einer eigenen Suchmaschine ("Wikisearch"), die dem Giganten Google Konkurrenz machen soll.