Kommentar Zwei Kranke

Erst Karstadt und Kaufhof, nun Deutsche Bank und Commerzbank? Eine Fusion könnte beide stärken, meinen Politiker. Tatsächlich wäre sie eher gefährlich als sinnvoll.

Von Meike Schreiber

Es ist ein Kraftakt, dem unzählige gescheiterte Versuche vorausgingen, der nun aber umgesetzt werden soll: Karstadt und Kaufhof fusionieren, um ihre Dauerkrise zu überwinden. Fast zeitgleich wird über eine weitere Fusion spekuliert, die ebenfalls schon Dutzende Mal durchgespielt wurde: Deutsche Bank und Commerzbank könnten ihre Kräfte bündeln und jenen nationalen Banken-Champion bilden, den Deutschland angeblich dringend braucht. Beide Banken sind gerade aus wichtigen Aktienindizes abgestiegen - die Commerzbank aus dem Dax, die Deutsche Bank aus dem Stoxx 50.

Könnte da nicht eine Fusion helfen, damit beide an der Börse endlich wieder mehr Gewicht haben? Im nunmehr SPD-geführten Finanzministerium in Berlin scheint man plötzlich damit zu liebäugeln, während die vorherige Amtsführung der Sache eher gleichgültig gegenüber stand. Und auch die Manager der beiden Banken wirken nicht mehr abgeneigt.

Eine Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank wäre eher gefährlich als sinnvoll

So ein Zusammenschluss aber hätte am Ende wohl nur wenige Gewinner: Investmentbanker, Rechtsanwälte, Unternehmensberater, die an einer Großfusion verdienen. Die Verlierer wären die Steuerzahler, die für die Megabank im schlimmsten Fall haften, aber auch Aktionäre und Mitarbeiter, wenn die Sache schiefgeht. Einige Argumente klingen zwar schlüssig: So hätten beide Banken einen größeren Marktanteil in der Heimat und könnten mit einer gemeinsamen IT-Plattform und Verwaltung eventuell Kosten sparen. Wahrscheinlich aber verhielte sich die Sache eher so, als klammerten sich zwei Ertrinkende aneinander, um sich gegenseitig zu retten. Es ist eben etwas anderes, zwei Warenhauskonzerne zu fusionieren, als zwei dauerkriselnde Großbanken zusammenzulegen.

Da ist zum einen die Komplexität. Es wäre zu simpel, dies als beherrschbare Managementaufgabe abzutun. Die Deutsche Bank ist auch ohne Commerzbank wohl eines der kompliziertesten Unternehmen der Welt. Mit hoch bezahlten Investmentbankern auf der einen Seite, eher braven Privatkundenbankern auf der anderen, Deutschen, Angelsachsen sowie einer schwachen IT. Es gibt dort fast so viele Gefechtslinien wie Abteilungen. Vor zehn Jahren kaufte die Deutsche Bank die Postbank und steht nach mehrfachem Hin und Her erst jetzt davor, diese zu integrieren. Bei der Commerzbank brauchte es ebenfalls ungefähr zehn Jahre, bis sich die Mitarbeiter der 2009 übernommenen Dresdner Bank halbwegs eins fühlten mit den Commerzbank-Kollegen. Eine Fusion von "Gelb" und "Blau" umzusetzen, würde die Organisationen viele Jahre lähmen. Jahre, in denen die Banker Produkte, Kunden, Märkte und Konkurrenz vernachlässigten. Jahre, in denen viele vor allem damit beschäftigt wären, ihre neue Rolle im fusionierten Unternehmen zu finden. Jahre, in denen schnelle Finanz-Start-ups wie die Online-Bank N26 oder der bereits etablierte Zahlungsdienstleister Wirecard den Instituten nur noch weiter das Wasser abgraben würden als ohnehin schon. Viele Großkunden verteilen ihre Bankbeziehungen außerdem lieber auf mehrere Häuser. Aus eins und eins wird im Banking selten einfach zwei.

Aber all das sind nur Nebengeräusche, wenn es um die Frage der Systemrelevanz geht. Dank neuer Bankenregeln könnten heute zwar theoretisch auch große Banken ohne Steuergeld und unter Mithaftung der Anleihegläubiger abgewickelt werden. Das erkennt man daran, dass sich die Deutsche Bank nicht mehr ganz so günstig refinanzieren kann wie früher. Aber je größer und verschachtelter ein Institut ist, desto unwahrscheinlicher, dass dieses Experiment im Ernstfall gelingen würde. Sobald sich dies am Markt herumsprechen würde, könnte sich eine Megabank wieder günstiger refinanzieren und quasi unter staatlichem Schutzschirm riskanten Geschäften nachgehen. Nicht von ungefähr sind die Bankenaufseher skeptisch, was einen Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank anbelangt. Zwei Kranke machen keinen Gesunden, betonen die Aufseher stets. Und diese Meinung haben sie nicht geändert.

Für die Versorgung der deutschen Wirtschaft jedenfalls ist die Fusion nicht nötig. Kapital für Kredite und Bankdienstleistungen gibt es in Deutschland eher zu viel als zu wenig, auch dank der Auslandsbanken. Und auch alleine sind Deutsche Bank und Commerzbank in der Lage, Konzerne und Mittelstand ins Ausland zu begleiten und zu finanzieren. Wie beide Häuser - jedes für sich - wieder auf die Beine kommen können, ist eine ganz andere Frage. Vermutlich müssen sie ihren Kurs noch radikaler verfolgen. Eine Fusion jedoch sollten sie meiden.