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Kommentar:Weiblich weise

Die Regierung beruft erstmals zwei Frauen als Wirtschaftsweise. Damit könnte der Sachverständigenrat künftig öfter jenseits politischer Rechts-links-Muster debattieren. Das wäre ein Gewinn für Deutschland.

Obwohl das Wirtschaftswunder im Jahr 1964 noch voll tobte, wünschte sich die Bundesregierung Sachverstand von außen. Sie berief fünf Ökonomen, die sollten regelmäßig die wirtschaftliche Entwicklung begutachten. An Ökonominnen dachte niemand - und das blieb lange so. Daher markiert es einen Einschnitt, dass bald erstmals zwei Frauen im fünfköpfigen Sachverständigenrat sitzen. Den Wirtschaftsweisen tut das gut. Es ist zu hoffen, dass sie öfter jenseits politischer Rechts-Links-Muster debattieren. Was sie zu Herausforderungen wie Globalisierung oder Eurokrise empfahlen, war zuletzt arg berechenbar, wodurch ihre Bedeutung schwand.

Manche Zustände verwundern einen doch sehr, betrachtet man sie mal konzentriert. Da beruft die Regierung also 1964 die ersten Wirtschaftsweisen - und darunter ist 40 Jahre lang keine Frau. Die Regierung nominiert nacheinander 33 Männer, bis nach Anbruch des neuen Jahrtausends mit Beatrice Weder di Mauro die erste Forscherin in den fünfköpfigen Rat einzieht. Es bleibt dann stets bei einer - bis jetzt, wir schreiben das Jahr 2020.

Dabei gab es und gibt es in Deutschland brillante Ökonominnen in Hülle und Fülle. Ob Dalia Marin, Nicola Fuchs-Schündeln, Claudia Kemfert, Uta Klammer, Christina Gathmann, Nora Szech, Michèle Tertilt und andere, für deren Erwähnung der Artikel nicht ausreicht. Ja, darunter finden sich einige wenige, bei denen die Regierung anfragte und die absagten. Die Gründe waren divers. Manche Forscherin scheut das Rampenlicht, das viele Männer genießen. Aber einzelne Absagen rechtfertigen nicht, dass die Regierung so lange kaum Frauen berief. An den Unis lehren genug Qualifizierte.

Veronika Grimm und Monika Schnitzer, die nun in den Sachverständigenrat kommen sollen, gehören dazu. Zudem waren ihre Spezialgebiete in dem Gremium zuletzt unterrepräsentiert. Veronika Grimm untersucht Energiefragen, was für das Großthema Klimaschutz hilft. Monika Schnitzer erforscht unter anderem Innovationen, an denen es der durch einen langen Boom verwöhnten Bundesrepublik heute mangelt.

Mit der Berufung der beiden Frauen verbindet sich noch eine Hoffnung: Der Sachverständigenrat möge künftig offener diskutieren. In den vergangenen Jahren ließ sich häufig vorhersagen, was die überwältigende Mehrheit der Weisen in ihrem Gutachten vorschlagen würde. Sparhaushalte und Steuersenkungen etwa. Aber bloß keine unkonventionellen Maßnahmen, wie sie etwa die Europäische Zentralbank (EZB) ergreift, um den Euro zu stabilisieren.

Bei der Weisenmehrheit schimmerte stets viel Ordoliberalismus durch und die Bundesbank-Tradition, wonach man vor allem auf Inflation achten muss und Geldausgeben des Teufels ist. Neue Entwicklungen wie die Finanzkrise 2008 und die nachfolgende Eurokrise erforderten aber andere Antworten. Hätte die EZB nicht in Widerspruch zur Bundesbank-Tradition voll dagegengehalten, wäre der Euro zerbrochen und viele Deutsche hätten ihre Arbeit verloren. Die Finanzkrise markierte auch den Bankrott des Neoliberalismus - verbunden mit der Einsicht, dass die Politik manchmal wieder stärker in den Markt eingreifen muss. Etwa durch einen staatlichen Mindestlohn, der die geschwundene Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer etwas ausgleicht. Solche sozialen Korrekturen jedoch verdammen die Wirtschaftsweisen bisher zuverlässig.

Deshalb war es positiv, dass sie sich in ihrem Gutachten 2019 auf einmal offener präsentierten. Etwa durch vorsichtige Kritik am ausgeglichenen Haushalt, der schwarzen Null. Die hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zu ihrem Markenzeichen gemacht, doch damit spart sie Schulen und Verkehrswege kaputt.

Die Berufung der beiden neuen Wirtschaftsweisen könnte nun noch mehr Offenheit bringen. Ökonominnen arbeiten oft empirischer, so dass ihre Thesen seltener erwartbar politischen Rechts-Links-Mustern folgen. Dieses empirische Faktensammeln folgt dem internationalen Trend, der sich in der Volkswirtschaft durchsetzt. Gut für Deutschland, wenn das sich jetzt auch hierzulande stärker verbreitet.

© SZ vom 27.02.2020
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