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Kommentar:Wann Kurzarbeit nötig ist

Nach der Finanzkrise sprang der Staat großzügig ein, damit Firmen ihre Beschäftigten hielten. Aber das ist kein Allheilmittel für jede Situation.

Von Alexander Hagelüken

Ist es schon wieder soweit? Deutschlands Arbeitgeber fordern längeres Kurzarbeitergeld - und rufen damit Bilder der großen Krise hervor. Vor zehn Jahren schrumpfte die Wirtschaft um fünf Prozent. Millionen Bürger bangten um ihren Job. Soweit jedoch ist es heute gottlob nicht. Es birgt Gefahren, jetzt Panik zu schüren. Und ja, Kurzarbeit hilft bei Rezessionen. Das wird allerdings nicht reichen. Es kommt in nächster Zeit darauf an, ob die Firmen insgesamt Verantwortung für Beschäftigte übernehmen.

Als die Finanzakteure die Welt 2008 an den Abgrund spekulierten, musste der Staat einspringen. Die Bundesregierung agierte pragmatisch. Sie spendierte eine Prämie für den Kauf neuer Autos und zahlte bis zu zwei Jahre Kurzarbeitergeld, wenn Firmen den Geschäftsbetrieb reduzierten. Das war richtig, obwohl es nicht im marktliberalen Lehrbuch steht. Anders als in früheren Rezessionen behielten viele Deutsche ihren Job. Während weite Teile Europas von der Finanz- in die Eurokrise rutschten, stand die Bundesrepublik auch wegen dieser pragmatischen Maßnahmen bald wieder gut da.

Nach der Finanzkrise zahlte der Staat lange für den Lohnausfall. Soweit ist es noch nicht

Damit wäre beschrieben, wann Kurzarbeit besonders nötig ist: In einer tiefen Rezession. Momentan erlebt die Bundesrepublik erst eine Konjunkturdelle. Noch wird erwartet, dass die Wirtschaft dieses Jahr ein wenig wächst - und 2020 wieder stärker. Der Arbeitsmarkt zeigt sich relativ stabil. Donald Trumps Zollattacken und Chinas Schwächeln treffen eben vor allem die Industrie, nicht die Dienstleistungen, die inzwischen die meisten Arbeitsplätze im Land stellen.

In dieser Situation wäre es gefährlich, massenhafte Kurzarbeit an die Wand zu malen. Übertriebene Angst löst eine Krise erst richtig aus. Weil Firmen nicht mehr investieren und Kunden nicht mehr kaufen. Worum es geht, zeigt eine Umfrage der Beratungsfirma EY, wonach schon jeder zweite Beschäftigte im Maschinenbau seine Stelle für unsicher hält. Da gilt es, manche Panik zu besänftigen, bevor sich Firmen und Bürger Hals über Kopf in eine echte Wirtschaftskrise sparen.

Bevor die Bundesregierung das Kurzarbeitergeld ausdehnt, sollte sie ein Investitionsprogramm auflegen. Damit ist nicht gemeint, kurzfristig Milliarden zu verballern. Straßen ins Nirgendwo schaffen keine Arbeit, höchstens die Illusion davon. Aber es gibt genug Möglichkeiten, sinnvoll Geld in Deutschlands malade Infrastruktur zu stecken - und Firmen zu Investitionen anzuregen. Das schafft Zuversicht und wirkt der Panik entgegen.

Was die Kurzarbeit angeht, hat die Regierung den Zeitraum ohnehin vor einigen Jahren auf zwölf Monate ausgedehnt. Eine weitere Verlängerung sollte es erst in einer schweren Krise geben. Kurzarbeit kommt die Allgemeinheit teuer. Die Ausdehnung nach der Finanzkrise kostete fast zehn Milliarden Euro. Die Unternehmen dürfen sich nicht einfach darauf verlassen, dass der Staat ihr Personal bezahlt. Zuvor sollten sie selbst zeigen, dass Beschäftigte für sie nicht austauschbar sind wie Druckerpapier. Es hat für die Firma einen Wert, eingearbeitete Kräfte zur Verfügung zu haben, sobald die Konjunktur wieder anspringt. Viele kleinere und mittlere Betriebe gehen da gerade mit gutem Beispiel voran. Sie halten die Mitarbeiter, auch wenn es gerade nicht so boomt.

Einem Trugschluss sollte niemand erliegen: Klassische Kurzarbeit hilft zwar gegen Konjunkturkrisen, nicht aber gegen den Strukturwandel. Das zeigt das Beispiel der Autoindustrie. Wenn künftig vor allem Elektroantriebe gebraucht werden, schadet es, bei der Produktion von Verbrennungsmotoren ausdauernd kurzarbeiten zu lassen. Liberale Ökonomen argumentieren zu Recht, dass ein solches Vorgehen den Strukturwandel unnötig teuer verzögert.

An diesem Fall lässt sich erkennen, vor welchen Herausforderungen die Wirtschaft insgesamt steht. Da ist die aktuelle Konjunkturflaute, aber auch der spezielle Wandel einzelner Branchen. Und obendrauf die Digitalisierung. Allem zusammen lässt sich nur durch ein neues Bewusstsein begegnen: Arbeitnehmer müssen dauernd weiterqualifiziert werden - manchmal für andere Berufe. Die Bundesregierung gibt die richtige Richtung vor: Sie finanziert nicht mehr vorrangig die Weiterbildung von Arbeitslosen. Auch wer seinen Job noch hat, bekommt Geld für die Qualifizierung. Die IG Metall möchte bei der Transformation nun auch Kurzarbeitergeld einsetzen. Solche Modelle sollte sich die Regierung genau anschauen. Die Gefahr besteht, dass die Allgemeinheit zu viel zahlt. Auch die Unternehmen können ihren Beitrag dazu leisten, dass Arbeitnehmer fit für die Zukunft werden.

© SZ vom 31.07.2019
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