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Kommentar:Traut euch!

Manager müssen bereit sein, die radikalen Schritte zu machen, die durch den digitalen Wandel nötig werden. Deutsche Maschinenbauer müssen sich selbstbewusst zeigen und dürfen sich nicht von Apple und Co. abhängig machen.

Von Helmut Martin-Jung

Wie es nicht gehen soll mit der Digitalisierung, ist klar: Die besten Maschinenbauer der Welt - die Deutschen - sollen nicht die verlängerte Werkbank von IT-Konzernen werden, seien die aus den USA oder aus Fernost. Die Intelligenz designed by Apple und Google, die Hardware made in Germany. So soll es nicht kommen, soweit ist man sich einig. Und natürlich spielt das Thema auf der Hannover Messe, der größten ihrer Art, eine wichtige Rolle.

Das ist nicht etwa so, weil eben jede Messe ihr Hype-Thema braucht. Das ist so, weil die Welt so ist: Eine Entwicklung, die sich derart tief greifend und so schnell auf nahezu alles auswirkt, was menschliches Leben und Arbeiten ausmacht, hat es bisher noch nicht gegeben. Die Digitalisierung, das sind nicht ein paar Computer hier, ein paar Smartphones, Netze und Sensoren dort. Das ist ein Paradigmenwechsel. In vielen Bereichen kann man ihn schon spüren, und die Tendenz ist klar: Dieser Paradigmenwechsel wird weitergehen und er wird sich beschleunigen.

Immer mehr Maschinen und Alltagsgegenstände werden miteinander vernetzt werden. Nicht weil es geht, sondern weil es etwas bringt. Wenn etwa die Maschine benötigte Rohstoffe selber nachbestellt, spart das Zeit. Wenn sie - dank ihrer Sensoren - rechtzeitig darauf hinweist, dass eine Wartung nötig wird, kann der Produktionsprozess darauf eingestellt werden. Es geht sehr oft um Zeit- und/oder Kostenersparnis. Daher ist es auch keine Frage, ob man das braucht oder will - man wird es tun müssen, weil der Konkurrenzdruck es gebietet.

Wie aber wäre zu verhindern, dass die hiesige Industrie herabsinkt zu einem Hardware-Dienstleister, während die Herren der Computer, der Netze und der Algorithmen bestimmen, wie weit sie den Tropf aufdrehen, an dem jene Produktionsbetriebe hängen?

Natürlich braucht es dazu Voraussetzungen. Faktoren wie gut ausgebaute Datennetze, mobil (Wlan, 4G/5G) und stationär, fallen einem dabei ein. Betriebe in ländlichen Regionen dürfen nicht abgehängt werden, bloß weil ihnen der Zugang zu schnellen Netzen fehlt. Oder es fällt einem ein die Förderung weiblichen Nachwuchses, der in eher technisch orientierten Berufszweigen nach wie vor stark unterrepräsentiert ist. Was in einer Welt, die zunehmend von der digitalen Technik geprägt wird, nicht so bleiben kann.

Das aber, was am dringendsten benötigt wird, ist jedoch zugleich das, was am schwierigsten zu bewerkstelligen sein wird: ein Wandel dessen, was die Amerikaner mindset nennen. Die handelsüblichen Übersetzungen Denkart oder Geisteshaltung erfassen nicht ganz, worum es dabei geht. Sie kaprizieren sich etwas zu sehr aufs Theoretische. Wer verhindern will, von der Digitalisierung zum Lieferanten degradiert oder gar fortgerissen zu werden, der muss anders denken - aber dann auch anders handeln.

Denn der Wandel, der sich gerade vollzieht, greift viel tiefer als viele meinen. Natürlich wird es immer Massenprodukte geben, die massenhaft verlangt und massenhaft gefertigt werden, weil es so am wirtschaftlichsten ist. Aber in vielen Bereichen gilt das nicht mehr. Gefertigt wird nach Bedarf von flexibel einsetzbaren Maschinen, die näher am Kunden sein werden. 3-D-Drucker sind dafür ein gutes, aber nicht das einzige Beispiel.

Und die Veränderungen vollziehen sich schnell, weil sie getrieben werden von der rasend fortschreitenden Entwicklung von Computerchips. Was gestern kaum denkbar erschien, ist morgen schon wieder ein alter Hut. Um damit zurechtzukommen, braucht es Manager mit geistiger Beweglichkeit. Sie müssen bereit sein, die manchmal radikalen Schritte zu gehen, die durch den digitalen Wandel nötig werden. Das kann etwa eine komplette Änderung des Geschäftsmodells sein.

Die deutsche Industrie, in Sachen Digitalisierung vielfach gescholten, ist dabei besser als ihr Ruf - auch der Mittelstand, wie zum Beispiel eine neue Studie von Ronald Berger zeigt. Während Länder wie Italien, Spanien oder auch Japan und Frankreich von 2000 bis 2014 regelrecht abstürzten, gelang es Deutschland als einzigem Land, Rentabilität und Kapitalnutzung gleichzeitig zu steigern.

Doch das Spiel hat erst begonnen. Etwas mehr "Yes, we can", statt Bedenkenträgerei und allzu gründlicher Vorausplanung würden deshalb nicht schaden. Was nicht funktioniert, kann man auch hinterher noch geradebiegen, und alle Eventualitäten lassen sich ohnehin nicht planen. Natürlich wäre es auch Unsinn, restlos begeistert in die digitale Welt einzutauchen. Auch die hat ihre Schattenseiten. Ein wenig mehr Digitalisierung aber dürfte Deutschland schon noch wagen.

© SZ vom 26.04.2016
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