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Kommentar:Strategie der Verzweiflung

Die Strategie der Aufspaltung mag für Eon und RWE der einzige Ausweg sein. Doch die Konzepte überzeugen nicht.

Von Karl-Heinz Büschemann

Der Konzernchef war vorbereitet. Er habe zur Sicherheit einen zweiten Anzug mitgebracht, für den Fall, dass er von Kritikern mit einer Sahnetorte beworfen werden sollte, hat der Eon-Vorstandsvorsitzende Johannes Teyssen den Aktionären auf der Hauptversammlung des Düsseldorfer Energiekonzerns erzählt.

Der Manager hatte allen Grund, auf deftige Kritik eingestellt zu sein. Was er den Aktionären des Unternehmens am Mittwoch zur Abstimmung vorlegte, war starker Tobak: Es war nicht mehr und nicht weniger als die Zerlegung des einst stolzen Eon-Konzerns, der in den zurückliegenden fünf Jahren fast zwei Drittel seines Börsenwertes verloren hat. Teyssen verlangte von den Aktionären die Zustimmung zu einem Konzept, von dem nicht sicher ist, ob es funktionieren wird. Klar ist nur eines: Das Geschäftsmodell der Vergangenheit funktioniert auch nicht. Selten war ein großer Konzern in einer so miserablen Situation.

Die alten Stromkonzerne müssen noch beweisen, dass sie wirklich umdenken

Dem Eon-Konkurrenten RWE geht es nicht anders. Er hat in den vergangenen fünf Jahren sogar drei Viertel seines Börsenwertes verloren, auch er verfolgt eine Strategie der Verzweiflung und hat seine Aufspaltung beschlossen. Wie Eon teilt sich RWE auf in einen Konzernteil, der sich mit konventioneller Energie befasst, und einen, der auf Wind, Sonne und Wasser setzt. Beide reagieren damit auf die politische Vorgabe zur Energiewende, die auf erneuerbare Quellen bei der Stromversorgung setzt und die alten Atom-, Gas- oder Kohlekraftwerke zunehmend überflüssig oder unrentabel macht. Die Dinosaurier der Stromversorgung, die beide je etwa 60 000 Mitarbeiter haben und zu den Säulen der Deutschland AG gehörten, stehen vor einer unsicheren Zukunft. Die Strategie der Aufspaltung mag für sie der einzige Ausweg sein. Ob sie funktionieren wird, ist unsicher. Überzeugende Konzepte haben beide Konzerne bisher nicht.

Die Krisen bei Eon und RWE zeigen, dass die Energiewende die Konzerne zu einer technologischen Revolution zwingt, auf die sie sich schlecht vorbereitet haben. Sie müssen sich von der Technologie der Großkraftwerke verabschieden, die Elektrizität billig erzeugen und einfach über das Land verteilen. Die moderne Versorgung des Landes mit erneuerbarer Energie führt hin zu kleinen Wasserkraftwerken, Windrädern und Solarzellen auf Hausdächern, die einen zunehmenden Teil der Stromversorgung übernehmen. Doch die sind anders zu steuern als Riesenkraftwerke, die eine ganze Großstadt versorgen könnten. Das geht aber leicht mit moderner Digitaltechnik.

Nach der Aufspaltung in einen grünen und in einen konventionellen Konzernteil müssen Eon wie RWE noch beweisen, dass sie sich auch in der Welt der zukünftigen Energieerzeugung zurechtfinden. Bisher haben sie auf diesem Feld wenig Fantasie gezeigt. Sie sind den Beleg noch schuldig, dass sie den Sprung von der Großtechnologie auf die kleinteilige Stromversorgung mithilfe des Internets schaffen werden. Noch haben die alten Stromverteiler nicht gezeigt, dass sie umdenken und sich zunehmend an den Bedürfnissen der Kunden orientieren, die ihre Häuser mit intelligenter Technik ausrüsten wollen. Es ist gut möglich, dass Eon und RWE das nicht schaffen und das Feld neuen Spielern überlassen müssen, die, frei von Tradition und Vergangenheit, mit neuem Verständnis von Kundenservice auf die Abnehmer zugehen.

Die Krise bei RWE und Eon zeigt auch, dass sich die Politik langfristig wieder mehr um die Energieversorgung des Industriestandortes kümmern muss. Die konventionellen Teile der Stromkonzerne werden ohne wohlwollende Begleitung durch den Staat nicht funktionieren können. Trotz der Fortschritte bei regenerativen Energien sind konventionelle Kraftwerke noch immer das Rückgrat der deutschen Stromversorgung. Ohne sie wird es auf lange Zeit keine sichere Versorgung der Verbraucher und der Industrie geben. Das gilt besonders nach dem geplanten deutschen Ausstieg aus der Atomenergie. Doch Gas- oder Kohlekraftwerke, die zunehmend als Dreckschleudern unter Druck stehen, können von den Stromkonzernen kaum noch wirtschaftlich betrieben werden. Daher werden die Konzerne nach Unterstützung rufen. Ihr Druck auf den Staat wird wachsen.

Der wird Kosten übernehmen müssen, die für die Versorgungssicherheit notwendig werden. Stromversorgung ist schon immer ein politischer Auftrag. In Zeiten der politisch gewollten Energiewende gilt das umso mehr, zum mindesten bis die regenerativen Energien die Stromversorgung der Industrienation Deutschland vollständig übernehmen können. Das kann aber noch 30 Jahre dauern.

© SZ vom 09.06.2016
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