Kommentar:Nachsitzen!

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Der Alltag steckt voller finanzieller Entscheidungen - vom Autokauf bis zur Altersvorsorge. Doch viele Bürger fühlen sich damit überfordert. Es ist schlecht bestellt um die Finanzbildung in Deutschland. Das muss sich dringend ändern.

Von Catherine Hoffmann

Schon junge Menschen machen Schulden. Die Schwierigkeiten beginnen meist mit dem ersten selbst verdienten Geld, zwischen 14 und 19 Jahren. Zunächst wird das Konto nur um ein paar Euro überzogen - doch bald schon leben viele über ihre Verhältnisse. Der Druck ist groß, sich durch Konsum zu definieren. Um nicht ausgegrenzt zu werden, schaffen sich sehr viele Jugendliche Statussymbole wie Handy oder Markenkleidung an. Die Digitalisierung des Zahlens macht das Einkaufen einfacher denn je.

Früher hatten die Menschen ein Konto, ein Sparbuch und Bargeld; es war übersichtlich. Heute haben sie oft zwei Konten, EC- und Kreditkarte, bezahlen mit ihrem Handy, geben Geld für Apps, digitale Abos und Onlineshopping aus - ohne, dass sie jemals eine Banknote aus ihrem Geldbeutel ziehen müssten. Wer bargeldlos zahlt, verliert schnell den Überblick.

Jedes Kind sollte in der Schule den Umgang mit Geld lernen

Der Alltag steckt voller finanzieller Entscheidungen: Soll man im Elektroladen für den neuen Fernseher einen Ratenkredit abschließen? Darf man mit dem Autohändler über den Preis verhandeln? Wie viel sparen und wohin mit dem Geld? Mit Investmentzertifkaten, Genussscheinen oder Aktien fürs Alter vorsorgen? Die wenigsten wissen Bescheid. Woher auch?

Die Finanzbildung eines durchschnittlichen Deutschen ist bescheiden. Keine fünf Prozent der Bundesbürger finden sich nach eigenen Aussagen an der Börse zurecht. Mehr als die Hälfte beurteilen ihr Wissen über Geldanlagen als "mittelmäßig" bis "schlecht". Deshalb fühlen sie sich im Umgang mit dem Kundenberater ihrer Bank oft unsicher. Nun könnte man sagen: Selber schuld, wenn am Ende auf dem Kontoauszug rote Zahlen stehen. Aber das ist zu kurz gedacht.

Es ist nicht überraschend, dass die meisten Bürger kein sonderlich großes Verständnis von Finanzdingen haben. Denn der Umgang mit Geld wird nicht systematisch gelehrt. Allgemeinbildung im Finanzbereich, Experten sprechen von Financial Literacy, hat im deutschen Bildungswesen keinen sonderlich hohen Stellenwert. Man kann in Deutschland Abitur machen, ohne je gelernt zu haben, mit Geld verantwortungsbewusst umzugehen und finanzielle Entscheidungen zu treffen, die einen nicht in die Schuldenfalle bringen. Der Lehrplan ist noch immer vom Humboldt'schen Bildungsideal geprägt, das alles Ökonomische verachtet.

Aus dieser Verachtung und einem Mangel an Geld heraus wird die Aufklärung des Nachwuchses gern Banken und Finanzdienstleistern überlassen, die dann mit Vorträgen durch die Schulklassen ziehen: "Vom Autokredit bis zur Altersvorsorge". Ein Fehler: Die Lücke im Lehrplan sollte man nicht private Anbieter füllen lassen, die statt Praxiserfahrung zu vermitteln, vielleicht Werbung in eigener Sache machen und dazu eigene Unterrichtsmaterialien bereitstellen dürfen. Die Gefahr ist groß, dass diese Art der Information tendenziös ist, dass einzelne Finanzprodukte zu positiv dargestellt werden, zu wenig über Nachteile, Kosten und Risiken gesprochen wird.

Die Schule muss ein neutraler Ort bleiben, Vertreter der Wirtschaft sollten dort nur in Ausnahmefällen unterrichten. Das heißt aber: Bund und Länder müssen dringend mehr tun, um gegen mangelnde Finanzkompetenz anzukämpfen. Es geht um weit mehr als darum, 13-Jährige vor überteuerten Mobilfunkverträgen zu schützen: Es geht darum, die Ursachen ungleich verteilter Vermögen und zu geringer privater Vorsorge anzugehen. Bildung bietet einen Schlüssel dazu.

Finanzerziehung geht mit einfachen Dingen los, wie die Verkehrserziehung auch. Jedes Kind geht in die Verkehrsschule, lernt links und rechts zu schauen, bevor es die Straße kreuzt. Das bräuchte es auch für das Finanzwesen. Da geht es erst mal nicht um Aktien, sondern um simple Haushaltsentscheidungen: Worauf muss man achten, wenn man ein Konto eröffnet, wie funktioniert eine Kreditkarte, wie widersteht man dem Konsumdruck? Später wird es dann komplizierter: Ratenkredite, Hausfinanzierung, Aktien.

Das hilft nicht nur unbedarften Teenagern im Alltag. Es kann auch Wohlstand für alle fördern und die soziale Ungleichheit mildern. Wer glaubt, das sei nicht nötig, sollte sich die einschlägigen Studien ansehen: Nur jeder dritte Bundesbürger hat ein Eigenheim, nicht einmal jeder zehnte besitzt Aktien. Die große Mehrheit der Deutschen hat keine nennenswerte private Absicherung. Dabei ist längst klar, dass die staatliche Renten- und Pflegeversicherung keine ausreichende Versorgung bei Alter, Krankheit und Pflege ermöglicht. Nur wer in Finanzfragen gebildet ist, kann sein Geld auch intelligent anlegen.

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