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Kommentar:Mehr als Rohstoffe

Deutsche Unternehmen könnten in Afrika Profit machen und gleichzeitig die dortige Wirtschaft fördern. Wenn sie ihren Fokus ändern würden.

Eine eindrückliche Art, ein Missverhältnis darzustellen, sind verzerrte Landkarten. Aufgedunsen dort, wo ein Phänomen besonders ausgeprägt, zusammengeschrumpelt da, wo es praktisch nicht nachweisbar ist. Für ausländische Direktinvestitionen in Afrika südlich der Sahara eignet sich eine solche Karte hervorragend. Betrachtet man die 2017 geflossenen Summen, hätte die Karte dicke Beulen in Nigeria, Ghana und Äthiopien, außerdem noch ein paar Ausbuchtungen im Zentrum und im Süden, etwa dort, wo sich Mosambik, Südafrika und die Demokratische Republik Kongo befinden. Die meisten der restlichen gut 40 Staaten würde in dieser Lesart nur noch schwer zu erkennen sein.

Investitionen in Afrika, insbesondere in den Ländern südlich der Sahara, konzentrieren sich also immer noch auf jene Staaten, die über Öl und andere wertvolle Rohstoffe verfügen. Die anderen Volkswirtschaften interessieren große Player wie China, die USA oder Frankreich praktisch nicht - und so bleibt es im Großen und Ganzen bei dem wirtschaftlichen Gesamtgemälde, das der afrikanische Kontinent seit Jahrzehnten abgibt: Vorrangig unverarbeitete Rohstoffe werden exportiert, dabei entsteht wenig Wert im Herkunftsland selbst und für die Einheimischen bietet dieser Bereich kaum Jobs. Der verarbeitende Sektor, der mehr Arbeitsplätze schafft, ist winzig. Und so kommen die Arbeitsmärkte mit der rasend schnell wachsenden Bevölkerung schon lange nicht mehr mit. Die oft zitierten guten Wachstumszahlen vieler afrikanischer Volkswirtschaften: Sie kommen beim Großteil der Bevölkerung nicht an.

Seit der Flüchtlingskrise 2015 macht Berlin sich laut Gedanken über seine Afrikapolitik

Deutschlands Rolle in dieser Geschichte war bislang eine unbedeutende. Europas größte Volkswirtschaft gilt als ausgesprochen zögerlich, was wirtschaftliches Engagement in Afrika angeht. Unter den zehn wichtigsten investierenden Nationen, angeführt von den USA, taucht Deutschland nicht auf, dafür Großbritannien, Frankreich, Italien, Schweiz. Doch die Bundesregierung will das ändern. Spätestens seit der Flüchtlingskrise 2015 macht Berlin sich laut Gedanken über seine Afrikapolitik, und eine der Kernideen lautet: private Investitionen stärken, anstatt immer mehr Entwicklungshilfe in den Kontinent zu pumpen.

Deshalb verbringt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) gerade auch ein paar Tage in der ghanaischen Hauptstadt Accra. Dort findet zum dritten Mal ein deutsch-afrikanischer Wirtschaftsgipfel statt, ausgerichtet von der Subsahara-Afrika-Initiative der deutschen Wirtschaft (Safri). Ziel des Gipfels ist es, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und "der am schnellsten wachsenden Weltregion" zu fördern.

Das ist natürlich aus der Sicht der deutschen Wirtschaft kein uneigennütziges Ziel. Zu lange, so klagt etwa der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft, der zu den Organisatoren des Gipfels gehört, habe man etwa China beim Geschäftemachen in Afrika zugesehen. Es sei höchste Zeit, dass auch deutsche Unternehmen diesen Markt für sich entdeckten. Doch abgesehen von dem Profit, den sich deutsche Mittelständler erhoffen, könnte in dem Engagement kleinerer Firmen in afrikanischen Staaten der Schlüssel für die wirtschaftliche Transformation des Kontinents liegen, oder zumindest für deren Beginn.

In Ghana, das zeigt das Gipfelprogramm, diskutieren deutsche Politiker und Unternehmer mit afrikanischen Ministern, Bankern und Gründern über die Chancen, aber auch sehr deutlich über die Risiken, die deutsche Investoren in den meisten afrikanischen Staaten noch immer erwarten: schlechte Straßen, eine unzuverlässige Stromversorgung, korrupte Beamte, kaum qualifizierte Arbeitskräfte. Mit diesen Risiken müssen Investoren rechnen, da helfen auch die schönen Phrasen vom schlafenden Riesen Afrika und seinem Wachstumspotenzial nicht.

Die Bundesregierung, die den Gipfel in Ghana maßgeblich mitgestaltet, bietet ein paar Hilfsmittel an: Im Sommer 2018 hat der Wirtschaftsminister die Garantien des Bundes für Investitionen und Exporte nach Afrika ausgeweitet, im Oktober kündigte die Kanzlerin einen Milliardenfonds an, der Investitionsanreize vor allem für deutsche Mittelständler schaffen soll. Wenn es über solche Instrumente und Gipfeltreffen wie jenes in Accra gelingen sollte, ein paar Unternehmen nach Afrika zu bringen, die dort anderes vorhaben, als Rohstoffe zu fördern und zu exportieren, ist das Geld gut angelegt. Denn dann entstehen Jobs, fassen neue Technologien Fuß, kommt es zum dringend benötigten Know-how-Transfer. Und die Wende kann beginnen.