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Kommentar:Gefährlicher Druck

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing versucht, mit Jubelmeldungen ein günstiges Bild der Lage zu zeichnen. Wer aber die Situation analysiert, kommt zu dem Schluss: Die nächsten Skandale sind geradezu vorgezeichnet.

Von Meike Schreiber

Um welche Kleinigkeiten sie bei der Deutschen Bank derzeit ringen, zeigen die Meldungen von dieser Woche: Bevor Konzernchef Christian Sewing und seine Vorstandskollegen am Dienstag fünf Stunden lang Aktienanalysten erklärten, wie toll der im Juli beschlossene Umbau der Bank verläuft, jagte das Institut eine Erfolgsmeldung raus: Die Europäische Zentralbank, so die Jubelnachricht, habe die so genannte Mindestkapitalanforderung für die Deutsche Bank gesenkt: von 11,84 auf 11,59 Prozent!

Grandios! Man muss nun weniger kostbares Eigenkapital vorhalten, weil die Bank aus Sicht der Aufseher ein klein bisschen weniger gefährlich geworden ist. Minimal jedenfalls. In normalen Zeiten wäre diese mikroskopische Veränderung wohl keine eigene Pressemitteilung wert gewesen. Aber was ist schon normal bei der Deutschen Bank, die seit Jahren wie ein Schiff im Sturm von einer Seite auf die andere geschleudert wird? Viele Investoren freuten sich daher auch über kleine Verbesserungen, etwa darüber, dass mehrere Vorstände Rede und Antwort standen, was sie schon lange nicht mehr getan hatten. Oder darüber, dass es beim anschließenden Abendessen zwar einen guten Rotwein gab, Sewing aber beteuerte, dies sei nur ein Restposten. Auch in diesem Punkt werde eisern gespart.

Erträge um jeden Preis? Die Deutsche Bank handelt sich neue Risiken ein

Dies alles zeigt: Die Bank steht weiterhin unter enormem Druck, es allen zu zeigen. Sewing will beweisen, dass der radikale Umbau richtig ist. Er will zeigen, dass es richtig ist, das Investmentbanking zu zerschlagen, Bilanzposten auszulagern, 18 000 Stellen zu streichen. So hilfreich Druck sein kann: Er ist zugleich auch sehr gefährlich. Ging es den Bankern früher vor allem darum, hohe Erträge zu erwirtschaften, um hohe Boni zu kassieren, steht nun infrage, ob die Bank überhaupt eigenständig überleben kann. Welche Risiken das Geldhaus dabei eingeht - Kreditausfälle, Strafzahlungen, Reputationsschäden - kann dabei leicht aus dem Blick geraten, wie die Vergangenheit zeigt. Natürlich beteuert Sewing, die Bank habe die Zeit der Skandale längst hinter sich gelassen. Aber stimmt das? Es wirkt nicht gerade vertrauensbildend, dass das Geldhaus ausgerechnet im Investmentbanking wieder stärker wachsen will, wie Sewing am Dienstag sagte, während das Privat- und Firmenkundengeschäft allenfalls stagniert. Hat er wirklich genau im Blick, was sich seine kreativen Banker in den einzelnen Geschäftsbereichen ausdenken, damit die Zahlen stimmen? Was ist, wenn die Bankführung wieder einmal zu ehrgeizige Ziele ausgibt, die kurzfristig Erfolge bringen sollen, langfristig aber Verluste produzieren? Analysten jedenfalls äußerten sich bereits besorgt, dass die Deutsche Bank im Investmentbanking deutlich mehr Kredite für gewerbliche Immobilienkunden vergibt als die Konkurrenz. Und im Privatkundengeschäft hat das Institut neuerdings Konsumenten- und Häuslebauerkredite als großes Wachstumsfeld für sich entdeckt. Letzteres muss prinzipiell nicht falsch sein, zumal die Ausfallraten gerade in Deutschland traditionell niedrig sind. Die Kreditvergabe aber so deutlich auszuweiten, kurz bevor die Konjunktur erlahmt und die Pleiten zunehmen kann sich noch rächen.

Auch in der Geldwäschebekämpfung - einem Gebiet, wo man sich hohe Strafen einhandeln kann - hat die Deutsche Bank Nachholbedarf. Auch hier waren Ertrags- sowie Kostendruck schuld daran, dass die Bank viel zu lange Gelder aus zweifelhafter Herkunft ins internationale Finanzsystem schleuste, etwa von der estnischen Niederlassung der Danske-Bank. Interne Warnungen wurden kleingeredet mit dem Hinweis, die Geschäfte brächten gutes Geld. Gerade erst hat sich die Bank ein Bußgeld der Frankfurter Staatsanwaltschaft eingehandelt, weil sie nachweislich noch bis 2018 zu wenig Personal für die Geldwäschebekämpfung abstellte. Die zuständige Vorstandsfrau Sylvie Matherat war im Vorstand mit Wünschen nach besserer personeller Ausstattung abgeblitzt.

Nicht zuletzt werfen viele Personalentscheidungen in der Top-Etage Fragen auf. So hatte Sewing im Sommer ausgerechnet eine Managerin zur neuen Chefin der internen Abbaubank befördert, die vor Jahren mitverantwortlich dafür war, dass sich die Bank viel zu lange an Umsatzsteuerbetrug mit CO2-Zertifikaten beteiligte. Unlängst rekrutierte das Institut sogar einen Bereichsvorstand für die IT, der zuvor in die Berateraffäre der Bundeswehr verwickelt war. Und: Neuer Personalvorstand soll in Bälde ein Manager werden, der zuvor die Deutsche Sporthilfe mit gerade einmal vierzig Mitarbeitern geleitet hat. Die nächsten Skandale scheinen damit geradezu programmiert zu sein.

© SZ vom 12.12.2019
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