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Kommentar:Ende der Gemütlichkeit

Mit dem Staat als Aktionär hat sich in der Commerzbank Behäbigkeit breitgemacht. Gut, dass nun ein anderer Aktionär aufmischt.

Von Meike Schreiber

Commerzbank-Chef Martin Zielke würde es nie zugeben. Aber für den Chef der zweitgrößten deutschen Privatbank war es die vergangenen Jahre durchaus bequem, den Staat als Großaktionär zu haben. Der Bund hält seit der Finanzkrise 15 Prozent an der Bank, mischte sich aber selten wirklich ein, egal, wie oft Zielke und sein Vorgänger Martin Blessing ihre Ziele verfehlten, egal, wie schlecht sich der Aktienkurs entwickelte. Egal sogar, dass sich die Commerzbank an Cum-Ex-Steuertricks beteiligte. Als wichtiger Mittelstandsfinanzierer schien die Commerzbank lange irgendwie unter Artenschutz zu stehen. Zielke und Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann konnten sich sicher sein: Der Bundesfinanzminister wird die schützende Hand über die Bank halten - zum Beispiel, wenn angesichts des verfallenen Aktienkurses eine Übernahme droht. Erst in jüngerer Zeit schien man auch in Berlin die Geduld zu verlieren, drängte auf eine Fusion mit der Deutschen Bank und mandatierte einen Berater, um die Strategie der Bank zu prüfen. Unter dem Strich aber zeigt das Beispiel: Staatsgeld mag manchmal unvermeidlich sein, es macht Unternehmen aber auch träge. Die Kunden der nun staatlich geretteten Lufthansa werden das vermutlich auch bald merken.

Insofern hat es auch seine guten Seiten, dass die Commerzbank nun Ärger mit einem ihrer Großaktionäre bekommt. Der US-Finanzinvestor Cerberus hat einen fünfseitigen Brandbrief an Aufsichtsratschef Schmittmann geschrieben und reklamiert zwei Sitze im Aufsichtsrat. Cerberus war vor drei Jahren im großen Stil im deutschen Bankenmarkt eingestiegen, in der Hoffnung, dass die Zinsen steigen und die deutschen Banken fusionieren. Der Fonds kaufte nicht nur eine Landesbank und ein kleines Geldhaus in Süddeutschland, sondern auch etwas mehr als fünf Prozent an der Commerzbank und drei Prozent an der Deutschen Bank. Die Wette indes ging bislang nicht ganz auf. Allein das Investment an der Commerzbank brockte den Amerikanern mindestens 450 Millionen Euro Buchverlust ein. Natürlich wirkt der Angriff von Cerberus daher wie ein Ablenkungsmanöver: Man muss den eigenen Investoren gegenüber wohl dokumentieren, dass in erster Linie ein unfähiges Management schuld an den Verlusten ist. Und natürlich hätte Cerberus bereits vor drei Jahren ahnen können, dass Banken mit einem Geschäftsmodell wie dem der Commerzbank auf dem überfüllten deutschen Markt kaum jene Traumrenditen erzielen, die Investoren zufriedenstellen. Dass Cerberus zudem kurz nach der Hauptversammlung der Commerzbank und inmitten der Corona-Krise aufmerkt, wirkt deplatziert. In einer Krise ist das Wohl der Aktionäre zweitrangig. Vorrangig ist die Stabilität des Finanzsystems und die Versorgung der Wirtschaft mit Kredit.

Die Kritik des US-Finanzinvestors ist durchaus berechtigt

Dennoch ist die Kritik berechtigt. Die Strategie der Bank beruhe darauf, dass sie in ihre "aufgeblähte Kostenbasis hineinwachsen könne", indem sie sich nur darauf konzentriere, die Erträge zu steigern, bemängelt Cerberus. Während andere Banken ihre Filialnetze verkleinerten, weil viele Kunden kaum noch in Bankfilialen kommen, hielt die Commerzbank etwa unverdrossen an ihrem Zweigstellen-Netz fest. Die erfolgreiche Online-Tochter Comdirect? Wurde in den Konzern integriert, wo ihre Kreativität zu ersticken droht. Die früher durchaus stabile Mittelstandssparte? Hat sich durch einen Umbau fast zerlegt. Zuletzt gab Zielke auch noch seine ohnehin mageren Renditeziele auf, was selbst den wohlmeinenden Finanzaufsehern bei der Europäischen Zentralbank zu unambitioniert war. Nach dem Willen der Aufseher sollen Banken zumindest so viel Geld verdienen, dass sie stabil weitere Rücklagen bilden können. Zielke musste daher Anfang des Jahres versprechen, nachzubessern.

Seit der Ära von Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller hat sich in der Commerzbank ein System des Sich-Durchwurschtelns breitgemacht, in dem man sich möglichst nicht auf die Füße tritt. Auch Müllers Nachfolger Schmittmann scheint in dieser Tradition zu stehen. In Sachen Strategie ist er offenbar nicht der beste Sparringspartner für den Vorstand. Den Wunsch von Cerberus nach zwei Sitzen im Aufsichtsrat lehnte Schmittmann ab, was Cerberus erneut auf Zinne bringen wird. Der Finanzinvestor ist gewiss nicht über jeden Zweifel erhaben. Aber wenn Cerberus einen qualifizierten Kandidaten oder eine Kandidatin vorschlägt, sollte sich Schmittmann bemühen, einen Posten freizumachen. Dann kann man ja sehen, ob die Amerikaner auch etwas konkretere Vorschläge einbringen.

© SZ vom 16.06.2020
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