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Kommentar:Das Rennen gegen Tesla ist nicht verloren

Max Hägler glaubt im Allgemeinen nicht an Untergangsszenarien. Illustration: Bernd Schifferdecker

Mercedes zeigt gerade: Auch die deutschen Hersteller können E-Autos bauen. Doch das allein wird noch nicht reichen, um die Konkurrenz aus den USA zu überholen.

Von Max Hägler

Für manche mag es wie ein Länderspiel wirken: Der neueste Mercedes, in dieser Woche vorgestellt und EQS getauft, soll dem Spitzenmodell von Tesla Paroli bieten. Deren "Model S" trägt den Angriff auf die S-Klasse provokant im Namen - und ist erfolgreich. Die Amerikaner sind ein Wettbewerber, der geschmerzt hat in den vergangenen Jahren. Gerade in den USA büßte Daimler (und Audi und BMW) Marktanteil ein, weil die elektrische Limousine von Tesla so viel angesagter war - und die deutschen Hersteller nichts Vergleichbares im Schaufenster stehen hatten. Manche ließen schon die Totenglöckchen klingen: Kann Daimler, kann die deutsche Autoindustrie überleben angesichts dieser Konkurrenz?

Die Debatte war in ihrer Zuspitzung schon immer kindisch. Natürlich werden BMW und Mercedes überleben, und Volkswagen ebenso. Allein schon, weil nicht alle das Geld für einen Tesla haben. Weil Tesla gar nicht so viele Autos bauen kann und auch nicht jeden Geschmack trifft - genauso wenig wie andere neue Konkurrenten, die im Windschatten des Pioniers auf die Bühne treten, ob sie Nio heißen oder Lucid.

Und die Zuspitzung war kindisch, weil auch Diplom-Ingenieure hierzulande Elektromobilität beherrschen, wenn auch mit manchen Fehltritten. Die elektrische S-Klasse, der EQS, zeigt, dass Mercedes technologisch mithalten kann bei elektrischen Antrieben, dass also der Untergang so bald nicht bevorsteht. Wobei damit nicht alles geklärt ist.

Bei der wichtigen Reichweitenfrage ist der schwäbische Wagen ebenbürtig. In der Verarbeitung übertrumpft er Tesla. Und vom Image her fährt man mit einem EQS zwar nicht Elon Musk spazieren, aber doch Gottlieb Daimler und Carl Benz, die Erfinder der ersten Version des Automobils. Das gibt schon auch Bonuspunkte beim Vorfahren am Golfplatz oder vor der Privatschule.

Noch verdient Mercedes mit der Verbrenner-Version viel Geld

Man mag da schmunzeln, aber es ist ein wichtiges Symbol: Auch Deutschland kann E-Autos auf höchstem Niveau bauen. Und es gibt kein besseres Modell, um diesen Beweis anzutreten. Die S-Klasse ist seit Jahrzehnten das Maß aller automobilen Dinge und wird dafür geschätzt, von Landesfürsten in Schwaben, Wirtschaftsgrößen in den USA und, auch das, Despoten in aller Welt. Alle sonnten sich im Glanze des Versprechens: Das Beste oder nichts. Bis Tesla kam und damit die Zweifel am deutschen Ingenieurtum.

Die elektrische S-Klasse dürfte reichen, um aufzuschließen zur neuen Konkurrenz. Aber es dürfte nicht reichen, um vorbeizuziehen.

Angefangen bei der Gestaltung: Der EQS schaut halt in der Linienführung doch so aus wie ein Tesla. Kopieren muss nicht schlecht sein - aber ist keine Pionierleistung. Spannend wird es auch in Sachen Geld: Die neu konzipierte E-Version dürfte am Absatz der Verbrenner-Variante knabbern, die derzeit noch deutlich mehr Gewinn bringt. Andererseits werden Alt und Neu auf einem Band geschraubt - was Kosten spart.

Wie sieht das unterm Strich aus? Und wie funktioniert diese ganz neue Art des Geschäftemachens, die man sich auch von Tesla abgeschaut hat? Es geht nicht mehr nur ums Autoverkaufen. Der EQS lässt sich umfangreich updaten, und per Kreditkarte lassen sich Funktionen freischalten, jahrelang. Das Romantiklicht etwa oder ein größerer Einschlagwinkel der mitlenkenden Hinterachse.

Und schließlich ist da die zweite Disruption dieser Industrie, die noch größere nach der Elektromobilität: das Zusammenspiel der Autos mit der Smartphone-Welt und die dazu passenden robotermäßigen Assistenzsysteme. Mercedes leistet da mittlerweile auch viel - der EQS kann bis Tempo 60 ganz allein auf der Autobahn fahren -, aber die Konkurrenz ist stark, teilweise besser. Nicht nur Tesla übrigens. Das Spiel ist definitiv nicht verloren. Aber es geht weiter, immerzu.

© SZ/jps
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