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Kommentar:Bayern über alles

Franz Josef Strauß verstand es, Chancen zu nutzen und sie zu seiner Agenda zu machen. Das kam dem Freistaat zugute. Aber er hatte auch Züge von Selbstherrlichkeit.

Von Karl-Heinz Büschemann

Hundertste Geburtstage eignen sich hervorragend für große Worte über die Taten eines Politikers. Und so ist zu erwarten, dass am kommenden Sonntag dem früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß viele Lobeshymnen gesungen werden. Strauß, der 1988 starb, gilt als der Vater des bayerischen Wirtschaftswunders. Er war es, der nach dem Zweiten Weltkrieg wesentlich den Aufstieg Bayerns vom Agrarland zum modernen Industriestandort gedeichselt hat.

Diese Einschätzung trifft ebenso zu, wie sie falsch ist. Mit Strauß und dem Wohlergehen des Freistaates ist es so ähnlich wie mit Helmut Kohl und der deutschen Wiedervereinigung. Der CDU-Bundeskanzler hat 1989 die Wende nicht herbeigeführt. Aber als sie über das Land hereinbrach, hat er die Chance genutzt und sie zu seiner politischen Agenda gemacht. Das war bei Strauß ähnlich.

Bayern hatte nach dem Krieg gute Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufstieg. Strauß und seine CSU haben dabei kräftig nachgeholfen. Egal welches politische Amt Strauß gerade hatte, er sorgte dafür, dass Bayern davon profitierte, und er war in der Wahl der Mittel nicht zimperlich. Heute erlebt die Republik das Paradox, dass Strauß, der zu Lebzeiten der wohl umstrittenste Politiker des Landes war, der als Verteidigungsminister zurücktreten musste, weil er das Parlament belogen hatte, zur Legende herangewachsen ist. Das hat auch damit zu tun, dass es Bayern so gut geht.

Doch dass das Bundesland nach dem Krieg zum Hightech-Standort wurde, hat einen wichtigen Grund, der nicht in der CSU liegt. Der Berliner Siemens-Konzern brauchte nach dem Krieg, als die deutsche Hauptstadt von der sowjetischen Zone umzingelt war, einen neuen Firmensitz. Der sollte im sicheren amerikanischen Sektor liegen, und weil der damalige Unternehmenschef Hermann von Siemens ein Freund der Berge war, ging er mit der neuen Zentrale nach München. Das zog andere Firmen nach und wurde zur Initialzündung für den späteren Laptop- und Lederhosen-Standort.

Er ließ sich von Firmen einspannen. Aber er nutzte sie auch für seine Zwecke

Es war auch von Vorteil, dass Bayern nicht so stark wie andere Länder von alten Industrien wie Kohle und Stahl belastet war. Der Aufstieg war buchstäblich auf der grünen Wiese möglich. Und es half, dass Strauß und andere Minister seiner Partei in Bonn mit Hingabe Subventionen und Aufträge des Bundes nach Bayern lenkten.

Strauß machte wirtschaftsfreundliche Politik pur. Er war ein Freund der Mächtigen und sich nicht zu schade dafür, sich von Firmen einspannen zu lassen. Aber er nutzte sie auch für seine Zwecke. Es war ein Geben und Nehmen, Leben und Leben Lassen. Viel wird darüber spekuliert, dass er sich auch von Unternehmen hat bezahlen lassen. Nachweisen konnte man ihm bislang jedoch nichts Verbotenes.

Er hat aber auch gemacht, was in seinen konservativen Kreisen als unfein galt. Er hat Industriepolitik betrieben, hat sich als Politiker aktiv in das Geschehen eingemischt und sich nicht auf die ordnende Kraft der Märkte verlassen. Wenn er es für richtig hielt, griff er steuernd ein. Das hatte Züge von Selbstherrlichkeit.

Es funktionierte manchmal. Bayern hat davon profitiert, dass sich Strauß wie kein Zweiter für den Airbus einsetzte und half, die Luft- und Raumfahrtindustrie in Bayern nach dem Krieg wieder aufzubauen. Das zog neue Hightech-Unternehmen und Jobs in den Freistaat. Aber die gelegentliche Selbstherrlichkeit des Patriarchen hatte auch Schattenseiten. Strauß pflegte die Rüstungsindustrie, die dem Land peinliche Debatten über Waffenexporte aufzwang und nach dem Kalten Krieg zum Problemfall wurde.

Vor allem setzte Strauß auf die Atomenergie. Das brachte Bayern billigen Strom, der den Aufbau der Wirtschaft beförderte. Er wollte aber auch eine Atom-Wiederaufarbeitungsanlage in die Oberpfalz setzen und unterschätzte den Widerstand der Bevölkerung. Wackersdorf wurde zum Fanal für die Atomkraft. Nur ein halbes Jahr nach Strauß' Tod machte der Bauherr Veba, der Vorgänger des Eon-Konzerns, dem Spuk 1989 ein Ende und stellte den Bau ein. Zu teuer, zu langwierig. Ein industriepolitisches Desaster und eine Katastrophe für die Industrie, der er dienen wollte.

Die angebliche Segenspartei Bayerns schaffte es auch nicht, den Norden des eigenen Bundeslandes mitzunehmen. Franken ist noch immer von der Entwicklung weit entfernt, die vor allem von Oberbayern angeführt wird. Die typisch weiß-blaue Wirtschaftspolitik führte nicht immer zum gewünschten Ergebnis. Strauß ist zur Legende geworden, als Vorbild eignet er sich nicht.

© SZ vom 31.08.2015
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